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Ultimate Fighting: Das Ballett der Gewalt

In den USA ist Ultimate Fighting längst erfolgreicher als Boxen. Nun ist Deutschland dran. Morgen wird der Kampf im Käfig erstmals nach Deutschland exportiert. Verbotsforderungen stehen gegen Blutdurst. Aber ein Verbot wäre Unsinn, findet Sophie Albers. Eine Einführung ins Ballett der Gewalt.

Seit bekannt ist, dass am Samstag in Köln der amerikanische Veranstaltungshit Ultimate Fighting Championship (UFC) erstmals in Deutschland aufschlägt, werden vermeintliche Moralhämmer geschwungen. Ultimate Fighting sei "kein Sport", sondern "ein Verstoß gegen die Menschenwürde", "Tiefpunkt der niedrigsten Instinkte eines Menschen", befördere die "Verrohung der Sitten", denn der Käfigkampf habe nur ein Ziel: "die totale Vernichtung des Gegners", so der Tenor in Lokalpolitik und Medien. Da wird aus Klischees, Vorurteilen und Ignoranz ein Monster geschaffen, das so groß und schrecklich ist, dass keiner genauer hingucken mag - was immer ein Fehler ist und zudem Indiz dafür, dass es etwas zu verbergen gibt, wovon das Monster wunderbar ablenkt. Also her mit dem Ungeheuer.

Am 30. Dezember 2006 hatte das "Monster" seinen Käfig in Las Vegas aufgebaut, es schnaubte, schwitzte, starrte, und trug nichts außer Muskeln, abgeschnittene Handschuhe und Shorts. Der professionelle Ultimate Fighter Chuck Liddell war gerade dabei, einem blondgefärbten Fleischberg mit eng stehenden Augen das Gesicht zu deformieren. Immer wieder donnerte seine unerbittliche Rechte in Haut und Knochen. Bis der Gegner wegsackte. "Iceman" Liddell hatte den "Huntington Beach Bad Boy" Tito Ortiz zum zweiten Mal "bestraft", wie es im UFC-Jargon heißt. Und die Einschaltquote dieses Pay-per-View-Ereignisses - denn in den Staaten ist UFC vor allem ein Bezahlfernseh-Hit - schrieb Geschichte: Mehr als eine Million Zuschauer hatten den TV-Zugang erstanden, was dem Veranstalter des Kampfes, der gerade mal 13:59 Minuten dauerte, geschätzte 41,95 Millionen Dollar einbrachte. Boxen war gestern.

Die Macher

Begonnen hat die UFC Anfang der 90er als Idee eines Werbefachmanns, eines brasilianischen Jiu-Jitsu-Trainers und eines Filmemachers: Welche ist die beste aller Kampfsportarten, lautete die simple Frage. Sie riefen einen "Krieg der Welten" aus, ließen Boxer gegen Wrestler, Karatekämpfer gegen Sumo-Ringer und Judoka gegen Kickboxer antreten. Das Ganze wurde an einen Pay-per-View-Kanal verkauft und war ein großer Erfolg. Doch nicht in der öffentlichen Diskussion. Wegen der Brutalität dieses Wettbewerbs - die Regeln waren vor allem eines: wenige - hagelte es schließlich Verbote für den "menschlichen Hahnenkampf", wie der damalige Senator und spätere Präsidentschaftskandidat John McCain das Ultimate Fighting nannte. Trotz Ausweitung der Regeln stand die UFC am Ende des 20. Jahrhunderts vor dem Bankrott.

Auftritt der Brüder Frank und Lorenzo Fertitta: Die Fertittas, beide um die 40, sind Casinobetreiber aus Las Vegas. Für zwei Millionen kauften sie die UFC und gründeten das Unternehmen Zuffa LLC, um das Showkampf-Geschäft zu verwalten. Ihr Schulfreund Dana White, ehemaliger Türsteher und Boxpromoter, wurde als Präsident eingesetzt. Bei der Milliarde Dollar, die die UFC laut dem Wirtschaftsmagazin "Forbes" mittlerweile wert sein soll, sind wir damit aber noch lange nicht. Zwar konnten die Fertitta-Brüder die Käfigkampf-Verbote aushebeln, und die Fangemeinde wuchs täglich, doch die UFC machte Verluste. Laut CNN waren es im Jahr 2004 rund 34 Millionen Dollar. Aber dann kam ja "Iceman" gegen den "Huntington Beach Bad Boy".

Natürlich war es nicht nur dieses schnelle Gedresche, das Chuck Liddell den Champion-Gürtel im Schwergewicht und den Fertittas ihr Geld zurückbrachte. Es war ein Mediensturm, und diesmal ein guter für die Jungs im Käfig mit dem blutbefleckten Boden. Die Quoten stimmten, die Arenen der Live-Kämpfe waren ausverkauft, die Sponsoren willig, und die eigene Castingshow "The Ultimate Fighter" beim Sender Spike-TV (gehört zu MTV) ein Hit. Der Rubel rollte.

Mittlerweile hat die Szene Stars, die sie pflegt. Wie Barbiepuppen verkörpern sie verschiedene Typen. Der Zuschauer kann sich einen aussuchen, der dann für ihn mitspielt: der intelligente Clown Forrest Griffin war Gewinner der ersten "The Ultimate Fighter"-Staffel, und sein Kampf um den Halbschwergewichtstitel gegen den Möchtegern-Muhammad-Ali Quinton "Rampage" Jackson im Juli 2008 war ein Großereignis. Randy "The Natural" Couture ist mit 45 Jahren der Papa unter den Kämpfern und mit seiner milden Art und dem breiten Lachen der größte Sympath. Der Anti-Couture ist Brock Lesnar, monströse 120 Kilogramm verteilt auf 1,90 Meter, die er arrogant-gnadenlos auf seine Gegner wirft. George St. Pierre ist so hübsch und elegant wie der junge Jean-Claude van Damme. Und wenn Anderson "The Spider" Silva sein "Ballett der Gewalt" aufführt, bricht die gesamte Szene in Anbetung aus. Er ist derzeit der Unberührbare im Octagon, wie der maschendrahtumzäunte Ring heißt. Das Wort stammt aus Schwarzeneggers "Conan - der Barbar", der im Achteck kämpfen musste, weil es darin keine Ecke zum Verstecken gibt. Das will hier allerdings auch niemand.

Teil 2: Der Kampf - Die Sicherheit - Die Moral

Jeder Kampf beginnt mit einer Stimme. Der Stimme von Bruce Buffer. Das ist tatsächlich der kleine Bruder von Michael Buffer, dem legendären US-Box-Moderator, der mit Smoking, Fliege und dem Ruf "Let's get ready to rumble" berühmt geworden ist. Ebenfalls mit langen Vokalen und rollenden Rs stellt der neue Buffer nun das neue Boxen vor. Größe, Gewicht, Armlänge, Farbe der Shorts und Anzahl der Knockouts. Dann geht es los auf der Schlachtplatte. Neben den Kämpfern ist nur der Ringrichtiger mit dabei, meist ebenfalls ein Berg von Mann, dessen wichtigstes Accessoire die Gummihandschuhe sind. Wegen des Blutes. Er wacht mit Argusaugen über jede Bewegung der Kontrahenten. Denn auch wenn das Ausknocken Sinn und Zweck der ganzen Veranstaltung ist, hat die UFC mittlerweile ein buchdickes Regelwerk. Oberstes Gesetz ist, dass der Kampf sofort abgebrochen wird, sobald sich einer der Kämpfer nicht mehr "intelligent verteidigen" kann. Schon bei kurzer Benommenheit ist Schluss. Der immer wieder vorgebrachte Vorwurf, dass im Ultimate Fighting auf wehrlos am Boden Liegende eingeschlagen werde, ist Unsinn.

Der Kampf

Drei Runden à fünf Minuten dauert so ein Duell. Bei Titelkämpfen sind es fünf Runden. "Seid Ihr bereit zu kämpfen?", fragt der Ringrichter, dann klatschen die fingerlosen, kaum gepolsterten Lederhandschuhe aneinander, und die nur mit Shorts bekleideten Männer gehen aufeinander los. Zuerst, im sogenannten Stand-Up, sieht es nach Boxen aus. Doch wird immer wieder auch getreten. Irgendwann gehen die Kämpfer in den "Clinch", versuchen einander auf die Matte zu ringen. Und dann beginnt der "Ground", und jeder, der sich Ultimate Fighting länger als ein blutverschmiertes Standbild lang angeguckt hat, muss zugeben, dass gerade dieser heftig kritisierte Kampf am Boden eigentlich weniger nach Totschlägerei denn nach Sex aussieht. Ein Mann presst sich meist in Missionarsstellung auf den anderen, und dann wird erstmal schweißtreibend geruckelt und gezerrt.

Was mal abgesehen von den Schlägen immer wieder ziemlich homoerotisch aussieht, ist das anstrengendste für die Kämpfer, weil es das direkte Kräftemessen ist. Vor allem mit brasilianischem Jiu-Jitsu, Judo und Ringen soll der Gegner bewegungsunfähig gemacht werden. Ziel ist die "Submission", Unterwerfung. Das kann das sogenannte Tap Out sein, in dem der Besiegte auf die Matte klopft, um aufzugeben, oder, was eher der Fall ist, der Ringrichter unterbricht, weil einer sich nicht mehr wehren kann und kurz vor der Bewusstlosigkeit steht. Oder eben das klassische K.O. Der Tod des Gegners ist definitiv nicht das Ziel. Bis auf das "Tier" Brock Lesnar ist es bei den Ultimate Fightern sogar Tradition, sich nach dem Kampf in den Arm zu nehmen. Man kennt und schätzt sich schließlich, trainiert häufig seit Jahren zusammen.

Die Sicherheit

Dass Ultimate Fighting ein brutaler Sport ist, steht außer Frage. Die Männer rammen sich gegenseitig in den Boden, sie bluten, Knochen brechen, Sehnen reißen. Auffälliges Zeichen von UFC-Kämpfern sind die "Blumenkohl"-Ohren. Das durch die häufigen Schläge immer wieder verletzte Gewebe fängt irgendwann an zu wuchern und sieht dann eben nach Blumenkohlknospen aus. Doch trotz des Tretens, Schlagens und Würgens hat die UFC bisher keine Toten zu vermelden. Der Mixed Martial Arts Kämpfer Sam Vasquez starb 2007 in einem Kampf außerhalb der UFC. Laut einer Studie der renommierten John-Hopkins-Universität aus dem Jahr 2006 ist die Verletzungsgefahr bei den Mixed Martial Arts vergleichbar mit jedem anderen Kampfsport, bei dem geschlagen wird. Weil es - anders als beim Boxen - weniger Knockouts gebe, sei die Gefahr von Hirnverletzungen sogar geringer. Ohne Handschuhe würde sich ein Boxer bei den wiederholten Kopfschlägen die Hände brechen. Weil der Ultimate Fighter mit fast ungeschützten Händen kämpft, muss er auf Kopfschläge verzichten. Und das - so grotesk es auch klingt - macht den Kampf an diesem einen Punkt "gesünder".

Die PR-Maschine um UFC verwendet statt "gesünder" lieber das Wort "wahrhaftig". "Realer geht es nicht", befeuert UFC-Präsident Dana White den Hype um den "echten" Kampf Mann gegen Mann. "Zwei Typen verdreschen sich. Das versteht jeder." Dann kommt sein Lieblingsbeispiel: Wenn man durch einen Park gehe, in dem alle möglichen Menschen Sport treiben - Tennis, Baseball, Joggen - und in einer Ecke prügeln sich zwei, wo gucken die Leute hin? "Kämpfen ist in unserer DNS." Damit sind wir wieder beim Monster angelangt und all den Menschen, die es womöglich sogar gut meinen, wenn sie ein Verbot der UFC fordern.

Die Moral

Dass Gewalt keine Lösung ist, ist gesunder Menschenverstand. Aber sie ist Teil unserer Realität, was ein einziger Blick in die Nachrichten beweist, auf den viele Menschen aber lieber verzichten möchten. Ganz nach dem Motto: Was ich nicht sehe, gibt es nicht. Das lässt sie aber leider nicht verschwinden. Es ist zudem auch bekannt, dass Unterdrückung das Unterdrückte stärkt. Warum die Gewalt also nicht kanalisieren? Der kontrollierte Ausbruch, der Stellvertreterkampf, die übertragene Katharsis. So sieht das zumindest einer, der sich mit der Gewalt und ihren Bildern auskennt: Wenn Action-Regisseur W.S. Anderson mal wieder einen Film wie "Resident Evil" oder auch "Death Race" herausbringt, sieht er sich der gleichen Kritik gegenüber wie die UFC oder auch ein Provokateur wie Marilyn Manson. Das sei kein Kino, kein Sport, keine Kunst, sondern ein Indiz für eine zunehmend verrohende Gesellschaft, lautet immer wieder der Vorwurf.

"In der Entwicklung des Menschen sind wir noch nicht besonders lange eine zivilisierte Gesellschaft.", setzt Regisseur Anderson zur Erklärung des Problems mit der Gewalt an. "Wir sind genetisch darauf programmiert, vor Säbelzahntigern wegzulaufen. Heute müssen wir normalerweise nicht mehr um unser Leben fürchten. Filme bieten ein wichtiges Ventil für Wut, Angst, für all diese Emotionen, die wir als Menschen brauchen. In Filmen können wir sie begrenzt und kontrolliert erleben."

UFC-Kämpfer Forrest Griffin, ein gelernter Polizist mit Politikstudium, nennt seinen gut bezahlten Job - die Kämpfer verdienen bis zu 500.000 Dollar pro Kampf - das "Geschäft mit dem Wütendwerden". Ex-Senator McCain, der das Ultimate Fighting einst als "menschlichen Hahnenkampf" brandmarkte, hörte sich 2007, nachdem die UFC ein umfangreiches Regelwerk und Gewichtsklassen eingeführt hatte, auch schon anders an: "Der Sport ist erwachsen geworden. Die Regeln schützen die Athleten und sorgen für einen faireren Wettkampf". Und dann gibt es da noch einen Ultimate Fighter, der auch den schärfsten Kritiker zumindest kurz verstummen lassen dürfte: Der griechische Philosoph Platon war zweimaliger Sieger im Pankration bei den Olympischen Spielen, wie die IOC auf ihrer Website vermeldet. Pankration wurde in der griechischen Antike der "Allkampf" genannt, der seit der 33. Olympiade, 648 v.Chr., dazu gehörte. Es ist "eine besondere Art von Wettkampf, deshalb so genannt, weil dabei der Faustkampf und Ringkampf vereinigt waren, so dass jede Kraft des Körpers, die Gewalt des Schlages und Stoßes, die Schnelligkeit und gelenke Biegsamkeit aller Glieder zur Anwendung kommen konnten", wie es im Lexikon heißt. Bei genauerer Betrachtung sind auch die größten Monster meist Scheinriesen.

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