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Autos: Russlands neue Mittelklasse lässt Autobranche boomen

Nachdem sich 2003 eine Rekordzahl von Russen den Traum vom eigenen Auto erfüllt hat, bricht besonders in Moskau der Verkehr immer öfter komplett zusammen.

Eine Rekordzahl von Russen hat sich 2003 den Traum vom eigenen Auto erfüllt. Dem Verkehr in Moskau merkt man das an. Zu Neujahr, als Haupteinkaufszeit mit den Advents-Samstagen in Deutschland vergleichbar, erlebte die russische Hauptstadt die schlimmsten Staus ihrer Geschichte. Immer seltener träumen die Russen jedoch von den altmodischen Eigenbauten Lada oder Wolga. 2003 wurden in Russland mehr als 1,2 Millionen Personenwagen verkauft im Wert von 8,5 Milliarden US-Dollar (6,8 Mrd Euro). Dabei wurde mit ausländischen Marken mit 4,5 Milliarden Dollar erstmals mehr Umsatz erzielt als mit einheimischen (4,0 Mrd Dollar).

Autos hauptsächlich in Ballungsräumen

Russland ist zwar immer noch schwächer motorisiert als westliche Länder. Auf 145 Millionen Einwohner kommen 23,2 Millionen Autos. Dafür liegt die Zuwachsrate nach Regierungsschätzungen bei jährlich acht Prozent. Der Großteil konzentriert sich in großen Ballungszentren wie Moskau oder St. Petersburg. Verkehrsminister Sergej Frank rechnet damit, dass die Zahl der Wagen zum Jahr 2005 auf 230 bis 250 pro 1.000 Einwohner steigen dürfte von 160 derzeit. "Auf dem russischen Automarkt wird es auch weiter ein Wachstum geben", erwartet Gerhard Hilgert, Leiter der Repräsentanz von DaimlerChrysler in Moskau.

Kaufkräftige Mittelschicht

Längst kaufen nicht mehr nur neureiche Unternehmer oder ranghohe Beamte Automobile. Massenhersteller drängen auf den Markt. Der Autoboom belegt genauso wie die zahllosen neuen Geschäfte und Hochhäuser mit Eigentumswohnungen in Moskau das Wachstum einer kaufkräftigen Mittelschicht. Zweispurig stauen sich an Wochenenden die Autos auf der Ringautobahn, weil die neue Mittelklasse zu den Einkaufszentren von Metro, Ikea, Obi oder Auchan abbiegen will. Die Zahl verkaufter ausländischer Wagen verdoppelte sich nach Angaben der russischen Ford-Filiale 2003 etwa auf 215.000 Stück. Toyota verdreifachte den Absatz auf 25.000 Stück und stieg zum führenden Importeur auf. Angesichts der Dollar-Schwäche hätten Marken aus Japan und den USA besser abgeschnitten als die Europäer, schrieb die Internetzeitung "Newsru.com".

Ford Focus erfolgreichster Westwagen

Erfolgreichster "Westwagen" war der Ford Focus, der aber längst nicht mehr aus dem Westen kommt, sondern in Wsewoloschsk bei St. Petersburg gebaut wird. Nach Schätzungen der russischen Regierung verfünffachte sich 2003 die einheimische Produktion ausländischer Wagen auf etwa 50.000 Stück. BMW lässt in Kaliningrad produzieren, Renault in Moskau. GM baut mit Lada den Geländewagen Chevrolet Niva. Nur dank der ausländischen Modelle verzeichneten russische Autobauer ein Produktionsplus von 2,2 Prozent auf 1,2 Millionen Wagen.

Lada wächst nur langsam

Die Verkäufe einheimischer Marken wuchsen viel langsamer als der Markt. Beim Absatz legte Marktführer Lada nur um 3,1 Prozent auf etwa 720.000 Autos zu. "Die Preise für Lada sind in letzter Zeit gestiegen, die Qualität ist dagegen bestenfalls gleich geblieben", begründet der Experte Wladimir Skowzow von der Firma BKG das schlechte Abschneiden. Selbst der Durchschnittspreis von nur 5.000 Dollar für ein russisches Auto sei kein Argument mehr. Immer mehr Russen finanzierten den Kauf eines zuverlässigen ausländischen Wagen mit einem Verbraucherkredit, sagt Skowzow. Der Autoboom geht weiter, und für Silvester 2004 sind in Moskau neue Rekordstaus programmiert.

Friedemann Kohler / DPA