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Autotarife: Konfrontationskurs bei Volkswagen

Im Volkswagen-Tarifkonflikt verhandeln erneut Gewerkschaft und Unternehmen. Nach Anzeichen einer Annäherung sind die Fronten wieder verhärtet: Personalchef Hartz fordert weiter Einsparungen - alleine in dieser Runde eine Milliarde Euro.

Im Tarifstreit bei Europas größtem Autobauer Volkswagen gibt es nach wie vor keine Anzeichen für eine mögliche Annäherung der Positionen von Konzern und Gewerkschaft. Zwar kündigte Personalvorstand Peter Hartz neue Vorschläge zur langfristigen Beschäftigungssicherung in den westdeutschen Werken an. Gleichzeitig blieb er aber bei seiner Forderung eine Milliarde Euro in dieser Runde einzusparen. "Wir werden einen Beschäftigungsatlas für jedes Werk vorlegen, aus dem jeweils klar hervorgeht, welche Mitarbeiterstärke und welche Produkte geplant sind", sagte Hartz der Braunschweiger Zeitung (Donnerstagausgabe). "Wir müssen eine Lösung hinbekommen, mit der man den Leuten nicht das Geld aus der Tasche zieht und dennoch die Arbeitskosten senkt", fügte er hinzu. Am Mittag trafen sich in Hannover erneut die Verhandlungsführer von VW und der IG Metall. Falls es zu keiner Einigung kommt, will die Gewerkschaft für Anfang November zu ersten Warnstreiks aufrufen, da die Friedenspflicht endet.

Tausende demonstrierten in Hannover

Am Mittag wurden mehrere tausend Beschäftigte zu Protestveranstaltungen in Hannover erwartet. Außerdem hat die IG Metall hatte für Anfang November Warnstreiks angekündigt, falls es keine Einigung gibt. In den vergangenen Tagen haben bereits tausende VW-Beschäftigte gegen den Sparkurs der Unternehmensleitung protestiert. VW-Personalvorstand Peter Hartz hat mit einem massiven Personalabbau gedroht, falls der Konzern sein Kostensenkungskonzept nicht durchsetzen kann. Während die IG Metall ihre Lohnforderung auf rund zwei Prozent halbiert hat, verlangt VW eine zweijährige Nullrunde. "Keine Tariferhöhung bis zur Rente, das ist ja wohl 'ne Ente", hieß es deshalb auf einem Transparent. "Hartz kommt, Zukunft geht", war auf einem anderen zu lesen. Zeitgleich zur fünften Verhandlungsrunde legte VW seine Geschäftszahlen für das dritte Quartal vor. Dmenach musste das Unternehmen eine deftigen Gewinneinbruch hinnehmen.

Nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung (Donnerstagausgabe) geht Volkswagen davon aus, dass im Stammwerk in Wolfsburg mittelfristig zwischen 5000 und 15.000 Arbeitsplätze eingespart werden könnten. Nach internen Berechnungen des Konzerns gebe es allein in der Verwaltung ein Einsparpotenzial von 5000 Stellen, weitere 10.000 in der Produktion seien in den kommenden Jahren entbehrlich. Dem Bericht zufolge ist das 1938 gebaute Werk zeitweise nur zu 60 Prozent ausgelastet, die Fehlerquote liege vergleichsweise hoch. Der Durchschnittsverdienst der westdeutschen VW-Arbeiter betrage über 4000 Euro brutto im Monat, meldet "Bild" weiter.

IG Metall: VW-Spitze ist am Zug

IG-Metall-Verhandlungsführer Hartmut Meine sagte: "Das Unternehmen ist jetzt am Zug, auf unsere Vorschläge einzugehen." Zugleich kritisierte er frühere Äußerungen von Hartz, der mit dem Abbau von Arbeitsplätzen gedroht hatte, falls es zu keiner Einigung über das von VW vorgeschlagene Milliarden-Sparpaket komme. "Das ist eine Eskalation, die wir unglaublich finden", ließ Meine durch seinen Sprecher mitteilen. Nach Informationen der Tageszeitung "Die Welt" wollen die Verhandlungsparteien bis zur Sitzung des Aufsichtsrates am 12. November einen Tarifabschluss vorlegen. Das Kontrollgremium will dann weit reichende Investitionsentscheidungen beschließen. Bis dahin solle es zwei weitere Verhandlungsrunden geben, berichtete die Zeitung ohne Angabe von Quellen.

Betriebsratschef Klaus Volkert hatte bereits Mitte Oktober zu erkennen gegeben, dass er bis zum 12. November mit einer Vorentscheidung rechnet. Die Gewerkschaft strebt konkrete Investitionszusagen für die einzelnen Werke an, um die Arbeitsplätze zu sichern. Der in einer Ertragskrise steckende Wolfsburger Konzern, der am Morgen über die Geschäftsentwicklung in den ersten neun Monaten des Jahres berichten will, möchte dagegen mit der Belegschaft einen Verzicht auf Lohn- und Gehaltssteigerungen für zwei Jahre aushandeln. Gleichzeitig soll in der Tarifrunde die Hälfte der langfristig geplanten Kostensenkungen von zwei Milliarden Euro realisiert werden.

Weniger Geld bei Neueinstellung

Die IG Metall war zuletzt von ihrer ursprünglichen Forderung nach vierprozentigen Einkommenssteigerungen abgerückt und verlangt nun zweiprozentige Zuwächse, wie sie auch im Flächentarifvertrag der Metallindustrie vereinbart sind. Für eine Zusage der Konzernspitze zur Sicherung der 103.000 Arbeitsplätze in den betroffenen westdeutschen Werken ist die IG Metall zu einer weiteren Flexibilisierung der Arbeitszeit bereit. Zudem will sie bei Neueinstellungen einer geringeren Bezahlung zustimmen, wenn ein Abschluss zu Stande kommt.

VW-Betriebsratschef Klaus Volkert hat vor der entscheidenden Verhandlungsrunde die Hoffnungen der Belegschaft auf Lohnerhöhungen gedämpft. "Wir erwarten kein Tarifergebnis, das mit dem Füllhorn materielle Wohltaten über uns ausbreitet", sagte er am Mittwoch vor mehr als 30.000 Arbeitern im Stammwerk Wolfsburg. Wichtiger sei die Sicherung der Arbeitsplätze. VW-Personalvorstand Peter Hartz drohte mit massiven Stellenstreichungen, falls die Verhandlungen scheitern.

Im Zusammenhang mit der anstehenden fünften Tarifverhandlungsrunde zwischen VW und der IG Metall hat der renommierte Autoindustrie-Experte Ferdinand Dudenhöffer vor einem Scheitern der Gespräche gewarnt und zu einschneidenden Kostenmaßnahmen geraten: "Wenn die Lohnkosten nicht um ein Viertel sinken, fährt VW vor die Wand und wird zum zweiten Fall Opel. Dann fallen bis 2009 konzernweit sogar 25.000 bis 30.000 Jobs weg." Und weiter: "Es muss starke Einschnitte im Lohnbereich geben, im Gegenzug eine langfristige Jobgarantie", sagte er der "Bild"-Zeitung in Hannover.

Diez: Kurzer Streik tut VW kaum weh

Autoexperte Willi Dietz vertrat die Ansicht, dass "ein paar Tage" Streik dem Absatz des Unternehmens nicht schaden würden. "Ein paar Tage tun VW sicher nicht besonders weh, weil der Absatz ohnehin mau ist", sagt Diez, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft an der Hochschule Geislingen/Nürtingen, in der Wochenzeitung "Zeit". "Aber jeder Streik ist schlecht fürs Image."

Kritik übte Diez an der Modellpolitik von Volkswagen: "Der Konzern braucht weder das 100.000-Euro-Auto, noch das 5.000-Euro-Auto, sondern attraktive Angebote in der 15 000- bis 20 000-Euro-Klasse." Laut Handelsblatt zahlt VW in den USA den Händlern für jede verkaufte Luxuskarosse vom Typ Phaeton 10.000 Dollar, um den lahmen Absatz anzukurbeln. Laut "Capital" will VW außerdem dafür sorgen, dass das Tochterunternehmen Europcar mehr Konzernautos in die Flotte der vermieteten Autos aufnimmt und weniger der billigen Franzosen und Japaner. (AP/DPA/Reuters)