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Lebkuchen-Start-up: Wie die "Höhle der Löwen" zwei Gründerinnen fast in den Ruin trieb

Die TV-Show "Die Höhle der Löwen" bringt unbekannte Start-ups ganz groß raus. Es kann aber auch anders laufen: Zwei Gründerinnen erzählen, wie sie nach ihrem missglückten DHDL-Abenteuer gegen die Pleite kämpften.

Lenchen

Die Lenchen-Macherinnen Alexandra Vázquez Bea (links) und Annette Rieger

Ein Auftritt in der Vox-Show "Die Höhle der Löwen" dient vielen Gründern als Sprungbrett für den ganz großen Erfolg. Selbst wer keinen Deal mit einem der prominenten Löwen eingeht, profitiert von kostenloser Werbung vor einem Millionen-TV-Publikum. Für Annette Rieger und Alexandra Vázquez Bea aber geriet das Löwen-Abenteuer zum Desaster, das ihre Firma fast in die Insolvenz trieb. Was war passiert?

2016 haben die heute 32 und 36 Jahre alten Cousinen ihre Firma "Lenchen" gegründet, die Lebkuchen nach uraltem Familienrezept herstellt und in hübschen Verpackungen verschickt. Das Geschäft lief zunächst gemächlich an: 2017 erwirtschaftete Lenchen 65.000 Euro Umsatz. Im Frühjahr 2018 bewarb sich das Gründerduo bei der "Höhle der Löwen" und wurde prompt zum Dreh nach Köln eingeladen. Eine große Chance, das Wachstum der Firma außerplanmäßig zu beschleunigen.

Die Twitter-User machen sich über die DHDL-Produkte lustig

DHDL und die Folgen

Rieger und Vázquez Bea schauen sich alle Folgen der vorherigen Staffel an und üben einen Pitch ein, der sie und ihre Lebkuchen im besten Licht darstellt. Die Löwen können sich für einen Einstieg ins Lebkuchenbusiness zwar nicht begeistern, aber das ist nicht schlimm. Die geplante TV-Ausstrahlung im November garantiert Lenchen auch ohne Deal pünktlich zum Beginn der Lebkuchen-Saison sprunghaft steigende Bekanntschaft.

Leider gibt es in den DHDL-Verträgen für die Gründer eine Klausel, die besagt, dass es keine Garantie gibt, dass der Pitch auch ausgestrahlt wird. Rieger und Vázquez Bea halten das zunächst eher für eine theoretische Möglichkeit. Zumal sich das Produktionsteam der Show begeistert von den Jungunternehmerinnen zeigt und ihnen sogar ein Kamerateam für eine Homestory nach Hannover schickt. "Wir haben keinen Moment daran gedacht, dass wir nicht ausgestrahlt werden", sagt Alexandra Vázquez Bea im Gespräch mit dem stern.

Stattdessen bereiten die beiden alles vor, um den erwarteten Aufmerksamkeitsschub bestmöglich auszunutzen. Sie produzieren 300.000 Lebkuchen und lassen sie mit wochenlangem Vorlauf verpacken. Sie mieten zusätzliche Server und stellen Mitarbeiter ein, die die Website überarbeiten und nach der Sendung Kundenanfragen bearbeiten sollen. Auf diese Weise bauen sie Verbindlichkeiten in Höhe von rund 150.000 Euro auf.

Bergeweise unverkäufliche Lebkuchen

Zwei Wochen vor der geplanten Ausstrahlung erhalten die Gründerinnen eine Mail von der Produktionsfirma. "Aus dramaturgischen Gründen" werde man den Lenchen-Auftritt leider nicht ausstrahlen. Für Alexandra Vázquez Bea und Annette Rieger ist das ein Schock. All die Vorbereitungen umsonst? Was passiert mit der verderblichen Ware? "Als allererstes hatte ich das Mindesthaltbarkeitsdatum im Kopf", sagt Rieger.

Ohne den Werbeeffekt der Show können sie die auf Pump gekauften 300.000 Lebkuchen nicht verkaufen – zumal im engen Zeitfenster bis Weihnachten. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Ware mit Rabatten unters Volk zu bringen, der unverkäufliche Rest wird an Food-Organisationen verschenkt. Statt den geplanten 600.000 bis 900.000 Euro Umsatz sind am Ende des Jahres nur 150.000 Euro in der Kasse – zu wenig angesichts der enormen Investitionen und laufenden Kosten. Das Duo muss bei Geschäftspartnern um Zahlungsaufschub bitten und überlebt letztlich nur, weil ein Investor ein weiteres Darlehen gewährt. "Es gab Momente, die waren sehr schlimm", sagt Rieger. "Wir hatten zeitweise kein Geld mehr, um unsere Rechnungen zu bezahlen. Freunde und Familie haben uns emotional, aber auch finanziell unterstützt."

Ein Jahr später leidet Lenchen immer noch unter den Folgen des geplatzten DHDL-Auftritts. Aber langsam erholt sich die Firma von dem Fehlschlag. Im Juni gab es einen Großauftrag über 30.000 Stück. Nun blickt das Team zuversichtlich auf das anstehende Weihnachtsgeschäft. "Das letzte Jahr war sehr nervenaufreibend", sagt Alexandra Vázquez Bea. "Aber die Firma hat überlebt."

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