Billigflieger Nur Fahrradfahren ist noch billiger


Die Fluggesellschaften rüsten sich für eine beispiellose Preisschlacht. Der stern zeigt, wie Reisende davon profitieren können und worauf Sie beim Ticketkauf achten sollten.

Wenn Michael Garvens aus seinem Bürofenster am Flughafen Köln-Bonn schaut, sieht er künftig rot. Orangerot. Easyjet kommt. Der britische Billigflieger hat seinen Angriff auf den deutschen Flugmarkt gestartet. Mit Kampfpreisen eröffnet Easyjet in diesem Sommer rund 20 neue Verbindungen von Berlin, Dortmund, München und Köln-Bonn aus. Für 2,99 Euro geht es nach London, für 3,99 Euro nach Kopenhagen. Flughafenchef Garvens prophezeit: "Jetzt geht der Wettbewerb richtig los. Die Preise werden stark unter Druck kommen."

Easyjet ist die fünfte Low-Cost-Airline, die der umtriebige Manager an den altehrwürdigen Regierungsflughafen in der Wahner Heide locken konnte. Die neuen Gesellschaften haben in Zeiten der Reisekrise das Fliegen für die Massen verblüffend erschwinglich gemacht. Und "Köln-Bonn-Airport", wie er jetzt ganz weltläufig heißt, ist das Billigflieger-Drehkreuz. "Wir sind der größte Low-Cost-Airport auf dem europäischen Kontinent", sagt Garvens, der die Passagierzahl von heute 8,5 Millionen auf zehn Millionen im Jahr 2006 steigern will. Ab Sommer 2005 sollen von hier aus sogar Langstrecken zu Schleuderpreisen beflogen werden. Für 99 Euro in die USA oder nach Asien? "Kein Problem", verspricht Garvens. Nur die Airline, die zu solchen Tarifen fliegt, will er noch nicht nennen.

Der Billigflieger-Test
Der stern hat die Preise von über 500 Flügen der fünf wichtigsten Billigfluggesellschaften auf den Europa-Strecken geprüft. Ergebnis: Früh buchen bringt keine großen Preisvorteile mehr. An drei Tagen wurden im Test sämtliche Strecken der Airlines gebucht - eine Woche, einen Monat und drei Monate vor Abflug.

Billig boomt. Ein gutes Dutzend Airlines operiert inzwischen von 19 deutschen Flugplätzen mit einer Flotte von etwa 100 Maschinen. Selbst Provinzflughäfen wie Niederrhein (bei Kleve), Paderborn-Lippstadt, Friedrichshafen oder Karlsruhe/Baden-Baden sind international vernetzt (siehe Flashgrafik auf der vorigen Seite). Und auch innerdeutsch gibt es zur Lufthansa reichlich Alternativen (ebenfalls siehe Grafik). Insbesondere durch das Netz der ehemaligen Deutschen BA, die sich jetzt dba nennt.

Und die Preise fallen weiter: nach Wien für 29 Euro, nach Venedig für 20 Euro oder nach Athen für 19 Euro. Mit Germanwings, Hapag Lloyd Express (HLX) oder Air Berlin, allerdings nur bei rechtzeitiger Buchung. Zugleich wächst das Angebot: Die beiden Billigflugpioniere Ryanair und Easyjet haben im großen Stil neue Flugzeuge eingekauft - Ryanair 100 Boeing 737 und Easyjet gleich 120 Airbus A 319. Momentan werden an beide Gesellschaften in jedem Monat drei neue Maschinen ausgeliefert. Und die müssen fliegen, um Geld zu verdienen - vorzugsweise in Deutschland, dem größten Reisemarkt Europas. Der ist außerdem noch nicht so lange im Billigflieger-Fieber wie Großbritannien und nicht so abgeschottet wie Frankreich.

Ryanair-Boss Michael O'Leary verkauft derzeit Tickets für nur einen Cent und sagt der Konkurrenz ein "Blutbad" voraus (wie bei Easyjet kommen noch Steuern und Gebühren dazu, etwa 20 Euro pro Flug). Natürlich kann keine Gesellschaft zu solchen Preisen langfristig am Himmel bleiben. Nur wenige Tickets werden zu den günstigsten Konditionen angeboten. Der Rest ist teurer. Selbst bei Preisbrecher Ryanair kann ein Flug so schon mal über 200 Euro kosten. Doch insgesamt ist das Preisniveau gesunken (siehe Grafik "Billigflieger-Test").

Die deutschen Billig-Airlines wollen den Kampf annehmen: "Ryanair fliegt doch von nirgendwo nach nirgendwo", mokiert sich Germanwings-Chef Joachim Klein über das Konzept seiner irischen Konkurrenz, nur abgelegene Provinzflughäfen zu nutzen. Er ist davon überzeugt, dass sich die Airline-Landschaft in Europa verändern wird - allerdings nicht zum Nachteil von Germanwings. "Die Schlacht um Deutschland wird Easyjet viel Geld kosten. Wir sind auf den Preiskampf vorbereitet und werden uns die Butter nicht vom Brot nehmen lassen", sagt er. Jürgen Branse, Geschäftsführer von Germania Express (gexx), glaubt: "Es wird der überleben, der auch Low-Cost-Strukturen hat. Mit ihrem teuren Markteintritt können sich Ryanair und Easyjet schnell eine blutige Nase holen."

Gexx profitiert von seinen extrem günstigen Flugzeugen: Aus der Insolvenzmasse der amerikanischen United Airlines übernahm Mutter Germania knapp 20 Fokker-F100-Jets. Die gehörten der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Die Staatsbank wollte vor einigen Jahren im großen Stil ins Flugzeug-Leasing einsteigen - und fiel dabei auf die Nase. Für vier bis fünf Millionen Dollar Stückpreis konnte Germania die generalüberholten 100-Sitzer übernehmen, ein Bruchteil des Neupreises. Wegen ihrer niedrigen Kosten fliegt Germania nicht nur für die eigene Billigflugtochter gexx, sondern auch für Air Berlin, dba und HLX.

Sogar die Lufthansa hat den Preiskampf der Billigflieger angenommen, bietet auf innerdeutschen Strecken Hin- und Rückflug inzwischen schon für 92 Euro an und hat der Ferienflugtochter Condor gar Interkontinentalflüge ab 99 Euro verordnet. "Das ist ein reiner Marketing-Gag", sagt Flughafen-Chef Garvens. "Die Zukunft gehört echten Low-Cost-Anbietern."

Jan Boris Wintzenburg print

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