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Steigende Energiepreise: "Der Ölpreis wird sich verdoppeln"

An den internationalen Rohstoffmärkten ist keine Entspannung in Sicht - der Ölpreis nähert sich mit rasanten Schritten der Marke von 100 Dollar. stern.de erklärt, warum die Preise so stark steigen und welche Folgen die Entwicklung für Deutschland und die Verbraucher hat.

Von Marcus Gatzke

Seit Monaten kennt der Ölpreis an den internationalen Warenterminbörsen nur eine Richtung: nach oben. In den kommenden Tagen könnte er erstmals die Marke von 100 Dollar je Barrel (ein Barrel = 159 Liter) durchbrechen. Damit steht der Preis kurz davor, ein neues Allzeithoch zu erreichen: Nur im April 1980 war ein Barrel Öl - wird die Inflation mit eingerechnet - mit 102 Dollar etwas teurer.

Für die Verbraucher in Deutschland sind die Folgen bereits bei jeder Fahrt zur Tankstelle spürbar. Fast schon im Wochenrhythmus werden dort die Benzin-Preise angehoben.

Claudia Kemfert, Energieexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), sieht eine Hauptursache für den Preisschub in der hohen Nachfrage aus Indien und China. "Sie wurde bisher unterschätzt und wird weiter hoch bleiben", sagte sie im stern.de-Interview. Die chinesische Wirtschaft wächst seit Jahren zweistellig. Das Wirtschaftswachstum geht mit einem rasant steigenden Energiehunger einher - und erhöht damit die Nachfrage nach Öl auf den Weltmärkten erheblich.

Darüber hinaus spielen laut Kemfert auch geopolitische Unsicherheiten eine Rolle. "Wenn die Produktion im Iran oder Irak ausfällt, wird dies kaum zu kompensieren sein", sagte sie mit Blick auf die instabile Lage in den beiden Ländern. "Dann droht eine Energiekrise." Beide Länder gehören zu den wichtigsten Öl-Produzenten der Welt.

Spekulanten machen das Geschäft

Spekulanten nutzen die politische Unsicherheit geschickt zu ihren Gunsten: Sie wetten auf steigende Preise - und haben bislang auch richtig gelegen. Laut Kemfert sind 20 Prozent des derzeitigen Preises auf Spekulationen zurückzuführen.

Dem Öl-Kartell Opec kommt die Entwicklung natürlich gerade recht, füllt sie doch die Staatskasse mit zusätzlichen Milliarden. Viel Spielraum für eine Erhöhung der Fördermenge, um der steigenden Nachfrage zu begegnen, haben die Opec-Länder nicht mehr - allein Saudi-Arabien hat noch Kapazitäten.

Zwei Opec-Mitglieder - Venezuela und Iran - haben schon öffentlich klar gemacht, dass 100 Dollar pro Barrel bei weiten noch nicht ausreichend ist. Dabei werden auch sehr ungewöhnliche Allianzen geschmiedet. So hat Venezuelas Präsident Hugo Chavez prognostiziert, dass sich der Ölpreis auf 200 Dollar je Barrel verdoppelt, sollten die USA versuchen, "den Iran anzugreifen oder erneut Venezuela zu attackieren". Für Chavez sind 100 Dollar je Barrel "ein fairer Preis" – Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad sagte sogar, Öl sei noch zu billig.

Auch wenn die restlichen Opec-Staaten die Aussagen kritisierten, belegen sie doch die Angst vor einem Versorgungsengpass: "Öl wird immer mehr zu einer politischen Waffe" sagte Experin Kemfert. Venezuela versuche, "über den Preis für den Rohstoff, die USA in die Knie zu zwingen." Der Iran ist sich wiederum seine Position als wichtiger Öl-Produzent durchaus bewusst. Allein schärfere UN-Sanktionen gegen das Land im Streit um das Atom-Programm würden den Preis weiter deutlich nach oben treiben.

Kein billiges Öl in Sicht

Kemfert rechnet jedoch damit, dass der Ölpreis auch ohne geopolitische Erdbeben weiter zulegen wird: "Ich gehe davon aus, dass sich der Preis in den kommenden fünfzehn Jahren noch mal verdoppelt", sagte sie. "Spätestens wenn wir 2020 das so genannte Peak-Oil erreichen sind auch 200 Dollar und mehr je Barrel möglich." Der Begriff Peak-Oil - oder zu Deutsch: Ölfördermaximum - beschreibt den Zeitpunkt an dem die weltweite Ölproduktion ihr absolutes Maximum erreicht. Wann dies genau der Fall sein wird, darüber herrscht unter Experten keine Einigkeit. Das wir nie wieder eine Zeit sehr billigen Öls erleben werden, ist dagegen unumstritten.

Mitarbeit: Karin Spitra.

Wie funktionieren Spekulationen?

Nach der US-Hypothekenkrise haben in den vergangenen Monaten die Spekulationen mit Rohstoffen wieder stark zugenommen und die Preise nach oben getrieben. Auslöser der neuen Rekordstände sind auch renditegierige Finanzjongleure: Sie legen ihr Geld zunehmend in Rohstoffen an - oder spekulieren massiv gegen den Dollar.

Dollar auf Höchststand

So war die US-Währung in der vergangenen Woche so schwach wie nie: Für einen Euro musste man rund 1,47 Dollar zahlen. Gleichzeitig legte der Goldpreis um gut 25 Prozent zu, Öl wurde in diesem Zeitraum um 35 Prozent teurer. Experten bezweifeln, dass dies mit der normalen Nachfrage viel zu tun hat. Im stern-Interview bestätigte Eugen Weinberg von der Commerzbank: "Die Hedgefonds suchen im Rohstoffmarkt Schutz vor der drohenden US-Wirtschaftskrise und dem fallenden Dollar. Folge sind heftige Preisbewegungen von bis zu fünf Dollar am Tag im Ölmarkt."

Sportlicher Ehrgeiz

Während Ölmultis oder Fluggesellschaften tatsächlich mit Öl handeln und ihre Einnahmen oder Kosten für die Zukunft planbar machen wollen, arbeiten Spekulanten mit so genannten Futures, ohne jemals in der Realität einen Tropfen Öl zu kaufen. Diese Futures verpflichten in der Zukunft zum Kauf oder Verkauf einer bestimmten Menge Öl zu einem bestimmten Preis. Steigt der Preis tatsächlich, wird auch der Future teurer - das Geschäft geht auf, die Papiere werden mit Gewinn verkauft. Dass Spekulanten die Preise künstlich nach oben treiben, gilt in Expertenkreisen als sicher. Angeblich hat sich unter den Händlern bereits ein sportlicher Ehrgeiz entwickelt, den Preis für ein Barrel Öl auf über 100 Dollar zu treiben.

Welche Rolle spielen Euro und Dollar?

Der auf ein Rekordtief zum Euro gefallene Dollar federt den hohen Ölpreis für die Länder in der Euro-Zone etwas ab. Da der Euro im Vergleich zum Dollar an Wert gewonnen hat, fällt der Ölpreisanstieg - in Euro gerechnet - nicht so deutlich aus: Während der Ölpreis auf Dollarbasis seit Anfang 2002 um das Vierfache gestiegen ist, verteuerte sich Rohöl in Euro gerechnet um nur 250 Prozent.

"Stünde der Euro bei 1,20 und nicht bei 1,48 Dollar hätten wir derzeit einen Benzinpreis von 1,90 Euro", sagt Claudia Kemfert vom DIW. "Die negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft wären dann erheblich größer."

Opec-Minister haben darauf verwiesen, dass sich die Preise zwar nominal auf Rekordniveau bewegen, aber die Inflation und die Dollarentwicklung den Effekt abmildern. Einige Experten gehen davon aus, dass Investoren Öl benutzen, um sich gegen den schwachen Dollar abzusichern.

Die Opec versucht aufgrund dieser Entwicklung auch durchzusetzen, dass Öl nicht mehr in Dollar sondern in Euro abgerechnet wird. Expertin Kemfert rechnet aber nicht damit: "Der Dollar wird und muss die Leitwährung bleiben, ansonsten würde die Währung weiter geschwächt und es droht eine Rezession."

Werden die Spritpreise weiter steigen?

Der Rohstoff Öl ist ein knappes Gut - je höher der Preis, desto stärker zieht auch der Preis den Zapfsäulen an.

Im Durchschnitt des dritten Quartals kostete Super 136,5 Cent pro Liter - ein Cent mehr als noch in den drei Monaten zuvor. Für Diesel mussten Autofahrer im Schnitt 116,8 Cent bezahlen - rund zwei Cent mehr als im Vorquartal.

Eine Entspannung an den Tankstellen ist nicht in Sicht. Nach der letzten großen Preisrunde prophezeihten Experten zuletzt einen möglichen Benzinpreis von bis zu 1,87 Euro.

Wann sollte man Heizöl kaufen?

Einen Tipp, wann der Verbraucher seine Öltanks füllen sollte, kann auch Günter Hörmann von der Verbraucherzentrale Hamburg nicht geben. Sein Rat lautet allerdings: "Antizyklisch kaufen." Also dann zuschlagen, wenn keiner an Heizöl denkt und die Preise niedrig sind. Dazu gibt es genug Online-Seiten, die einen ständig aktuellen Preisvergleich anbieten. Was aber aus keinem Vergleich hervorgeht ist, wie sich der Winter entwickeln wird: Bleibt er mild oder wird er richtig kalt?

Der Bund der Energieverbraucher ist bei seiner Empfehlung schon konkreter. "Halb füllen, halb warten", rät dessen Vorsitzender Aribert Peters jenen Kunden, deren Tank nur bei einem warmen Winter noch bis zum Frühjahr reicht.

Außerdem rät die Verbraucherzentrale dazu, sich bei der Bestellung zu Gruppen zusammenzuschließen. Wenn der Heizöl-Laster für 800 Liter aufs Dorf fahren muss, kostet das natürlich Geld. Billiger wird es, wenn sich viele Kunden vereinen und eine Großbestellung aufgeben.

Lohnt sich ein Dieselauto noch?

Die durch den starken Anstieg des Ölpreises scheinbar explodierenden Kraftstoffpreise bekommen derzeit vor allem die Dieselfahrer besonders hart zu spüren. Laut ADAC erreichte der Durchschnittspreis für Diesel in dieser Woche mit 1,30 Euro ein neues Allzeithoch. Damit sank die Differenz zum höher besteuerten und deshalb eigentlich wesentlich teureren Superbenzin, für das gestern der Jahreshöchstpreis von 1,431 Euro je Liter bezahlt werden musste, auf nur noch rund 13 Cent. Wichtigster Grund dafür ist die regelmäßig vor Beginn des Winters steigende Nachfrage nach Heizöl.

Entwicklung nicht ungewöhnlich

Der hohe Heizölbedarf wirkt offensichtlich massiv auf die Preisentwicklung beim Diesel ein. Allerdings ist dieser Prozess im Herbst nicht ungewöhnlich: Laut ADAC schmolz auch in den vergangenen drei Jahren die durchschnittliche Differenz der beiden Sorten im Monat November auf jeweils rund 13 Cent.

Allerdings sind Dieselfahrzeuge im Unterhalt teurer geworden: Die Gesamtkosten pro Kilometer eines Diesel-Mittelklassewagens stiegen laut ADAC innerhalb des vergangenen Jahres von 31,7 auf 32,3 Cent. Bei einem Benziner derselben Klasse, der 3000 Euro günstiger in der Anschaffung ist, stiegen die Gesamtkosten nur von 33 auf 33,4 Cent pro Kilometer. Diese Erhöhung wurde allein durch die gestiegenen Ölpreise verursacht, heißt es beim ADAC.

Leidet die Wirtschaft?

In den vergangenen Jahren sind die Unternehmen wesentlich effizienter geworden, was die Nutzung von Energie betrifft. Die deutsche Wirtschaft braucht nur noch halb so viel Energie wie 1970.

Dementsprechend können auch Ölpreise, die noch vor zehn Jahren zu einem Aufschrei geführt hätten, besser verkraft werden. Gerade der für die deutsche Wirtschaft so wichtige Exportsektor kann sich derzeit vor Aufträgen kaum retten - die hohen Energiekosten spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Auch die Gewerkschaften gehen sensibler mit dem Thema um: Sie nutzen einen steigenden Benzinpreis nicht sofort, um höhere Löhne durchzusetzen. Diese hätten in der Folge wieder höhere Preise zur Folge.

Zudem ist der Benzinverbrauch von neuen Auto-Modellen seit Jahren rückläufig. Die höheren Preise können aber nicht allein durch sparsames Fahren ausgeglichen werden.

Manche Experten können dem hohen Preis sogar etwas Positives abgewinnen: Die Öl-Produzenten würden deutlich mehr Geld einnehmen und in der Folge mehr Investitionsgüter in Deutschland kaufen.