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Deutscher Gründerpreis: "Ein Gamer will den Anschlag spüren"

René Korte weiß, was Gamern Spaß macht: Seine Firma Roccat entwickelt Mäuse und Tatstaturen, mit denen sie besser und schneller spielen können - und die cool aussehen. Nun wurde Roccat mit dem Deutschen Gründerpreis ausgezeichnet.

Roccat-Chef René Korte bei der Arbeit.

Roccat-Chef René Korte bei der Arbeit. 

"Ich muss Ihnen leider schweren Herzens mitteilen, dass am 20.4.2016 um 21.30 unsere ISKU-FX verstorben ist. Wir werden sehr vermissen, wie sie morgens immer vor Freude angefangen hat zu leuchten und zu blinken in all ihren Farben, ganz aufgeregt welche Abenteuer sie heute bestreitet...."

ISKU-FX ist eine Computer-Tastatur, entwickelt für die Bedürfnisse von Gamern und gebaut von der jungen Hamburger Firma Roccat. "Fast schon poetisch" findet René Korte den Nachruf, den der Besitzer der verstorbenen ISKU-FX an ihn geschickt hat. "Unsere Nutzer haben ein sehr emotionales Verhältnis zu unseren Produkten."

Viele hielten ihn für verrückt

Rene Korte ist der Gründer der Roccat GmbH. Er selbst gehörte vor 20 Jahren zu den ersten Profi-Spielern in Deutschland und verdiente sich damit sein Studium. Was dem Wirtschaftsingenieur jedoch nicht gefiel, waren die marktüblichen Mäuse und Tastaturen. Er fand, die könnte man viel cooler, präziser und ergonomischer machen. Als er sein Start-up gründete, hielten ihn viele für verrückt. Immerhin trat er gegen etablierte Hersteller wie Microsoft, Razor und Logitech an. Doch Korte hatte von Anfang an ein besonderes Gespür für die Wünsche von Gamern.  Er wusste, dass, wenn sie im Wettstreit mit anderen Spielern auf den Tasten WSAD hämmern – vor, zurück, links, rechts – den Anschlag spüren wollen; er wusste auch, dass sie es geil finden würden, wenn die Tastatur ihr Licht je nach Spielzug ändert – ein aggressives rot bei Angriff, grün, wenn im Rollenspiel der böse Feind vergiftet wird.  "Heute sind Multi-Color-LEDS Standard", sagt Korte.

Deutscher Gründerpreis 2016: Das waren die Höhepunkte der Preisverleihung

Deutscher Gründerpreis für Roccat 

22 Millionen Euro setzt er weltweit mit seinen Produkten mittlerweile um, er beschäftigt rund 100 Mitarbeiter und ist in den vergangenen Jahren zwischen 20 und 40 Prozent gewachsen. In diesen Wochen bringt Roccat eine ganz neue Tastatur auf den Markt – Sova. Die ist schön groß, bietet eine Ablagefläche für Hände und das Smartphone und ermöglicht das bequeme, ergonomisch korrekte Spielen – auf dem Sofa liegend. Der Traum aller Gamer.

Für diese Leistung, für seine Innovationen und seinen Mut  ist René Korte vergangenen Woche in Berlin mit dem Deutschen Gründerpreis ausgezeichnet worden, der seit 15 Jahren vom Deutschen Sparkassenverband, von Porsche Consulting, dem ZDF und dem stern verliehen wird.

"Eine gehörige Portion Naivität gehört zum Gründen sicher dazu", sagt Korte. The sky is my limit, so habe er anfangs gedacht, und dann feststellen müssen, dass es sein Job ist, zwischen Träumen und der Realität zu vermitteln.

180 sinnnvolle Aktionen pro Minute

Geträumt wird in den Büroräumen von Roccat in Hamburg-Bahrenfeld, in einem restaurierten Ziegelsteingebäude auf dem Gelände eines ehemaligen Gaswerks. In einem Büro sitzen Entwickler und designen am Bildschirm die nächste Generation von Mäusen, die man noch besser konfigurieren kann, mit der man für wirklich jeden Zauber in einem Rollenspiel eine eigene Belegung hat und deshalb noch schneller spielen kann. Derzeit ist ein Gamer, der es bei "League of Legions" etwa auf 180 sinnvolle Aktionen pro Minute bringt, absolut konkurrenzfähig. Bei Roccat wird jedoch nicht nur am Computer gearbeitet – in einer Werkstatt bauen sie ganz klassisch Prototypen aus Ton oder Kunststoff. Von der Idee bis zur Massenfertigung in China, vergehen häufig ein oder zwei Jahre.

Es ist René Kortes Anspruch, eine große Nähe zu seinen Kunden zu haben. Den Support etwa, haben sie nicht ausgelagert an ein Call-Center, sondern mehrere Mitarbeiter in Hamburg kümmern sich um die Sorgen, Nöte und Beschwerden der Gamer. "Das hat etwas Verzeihendes", sagt Korte.

Roccat-Kunden sind wie Fans

Im Foyer von Roccat steht ein riesiger Bildschirm, auf dem taucht innerhalb von Millisekunden auf, was die Fangemeinde gerade über Roccat irgendwo im Internet twittert oder postet. "Meine neue Freundin", präsentiert ein junger Typ seine Roccat-Maus, die er sich gerade gekauft hat und lädt das Foto auf Facebook hoch. Einmal, erzählt René Korte, habe ein Kunde eine Foto von seinem Oberarm gepostet, darauf hatte er sich das Roccat-Logo tätowiert, einen Tiger. "Dann denke ich schon , oh Gott, was habe ich bloß angerichtet."

In den sozialen Netzwerken zählt das Start-up über 600.000 Follower und Nutzer, und dass die Verbindung zu Roccat so emotional ist, liegt an der Natur der Sache: Gaming hat sich zur weltweit dominierenden Jugendkultur entwickelt, die Millionen von Menschen in ihren Bann zieht.  Der Umsatz soll 2016, laut dem Marktforschungsinstitut Newzoo  bei knapp 100 Milliarden Dollar liegen. Damit ist die Branche ökonomisch bedeutender als Hollywood.

Gaming hat Suchtpotenzial

Auch die Diskussion über die vermeintlich schädlichen Folgen des Spielens hat sich in den vergangenen Jahren versachlicht. Dass das Spielen von Ego-Shootern allein nicht automatisch die Gewaltbereitschaft erhöht, ist mittlerweile wissenschaftlich belegt. Spiele fördern Reaktionsschnelligkeit, räumliches und strategisches Denken, sie aktivieren aber auch das Belohnungszentrum des Gehirns, was das Entstehen von Suchtverhalten begünstigen kann. Bereits vor drei Jahren wurde die "Internet gaming disorder" in das Handbuch der American Psychiatric Association aufgenommen – entscheidend für die Frage, ob ein Spielverhalten problematisch ist oder nicht, ist jedoch das Gesamtbild: Geht jemand gern zur Schule? Hat er Freunde? Macht er Sport? Nur wenn das alles nicht mehr der Fall ist und ernsthafte Erkrankungen hinzukommen, Depressionen etwa oder familiäre Probleme, steigt das Risiko, ein Suchtverhalten zu entwickeln.

René Korte selbst war leidenschaftlicher Handballer und hatte eigentlich nie am Computer gespielt. Bis er einen Freund besuchte und der sagte, ‚komm, wir spielen mit dem Kai'". Aber Kai war überhaupt nicht in der Wohnung, sondern Hunderte Kilometer entfernt. "Das fand ich so genial", erinnert sich Korte. Und es war um ihn geschehen. Damals, 1996, spielte er Quake, einer der ersten Ego-Shooter in einer echten 3D-Umgebung. "Wir haben online gespielt, in den Gilden gequatscht und uns dann in echt getroffen", sagt Korte. Völlig unterschiedlich Typen, die sich im wirklichen Leben vermutlich nichts zu sagen gehabt hätten. Banker, Rollstuhlfahrer, Studenten.

Vermitteln zwischen Traum und Realität

Begeisterter Gamer zu sein, wäre für Korte jedoch kein ausreichendes Krtierum, um jemanden als Mitarbeiter einzustellen. Roccat arbeitet hochprofessionell – und geht beim Brainstorming für neue Produkte ungewöhnliche Wege: "Wir haben einen Council eingerichtet, da pitchen alle Mitarbeiter ihre Ideen." Den Vorsitz übernimmt jeweils für einen begrenzten Zeitraum ein Kollege. "So wollen wir sicherstellen, dass wir Produkte herstellen, die wir auch selbst gern spielen würden, dass unsere Ideen nicht rein marketinggetrieben sind, sondern eine Seele haben." Und dann ist es wieder seine Aufgabe, zwischen Traum und Realität zu vermitteln.