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Kampagne des Familienministeriums "Distanzieren uns ausdrücklich": Berufsverband Pflege kritisiert Miniserie "Ehrenpflegas" scharf

Ehrenpflegas Poster
Danilo Kamperidis als Boris in einer Szene der Miniserie "Ehrenpflegas"
© Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen
Mit der Miniserie "Ehrenpflegas" will Familienministerin Giffey mehr Menschen von Pflegeberufen begeistern. Doch die Berufsverbände sind alles andere als begeistert.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist händeringend auf der Suche nach Nachwuchs in den Pflegeberufen. Deshalb hat man sich nun eine neue Strategie ausgedacht und eine Miniserie veröffentlicht, um jungen Menschen Berufe in der Alten- oder Krankenpflege schmackhafter zu machen. "Ehrenpflegas" heißt das gute Stück.

Der Protagonist hat schon zahlreiche Ausbildungen abgebrochen, nachdem er "das Cash kassiert" hatte, interessiert sich brennend dafür, welche iPhone-Versionen seine Mitmenschen so haben und träumt davon, irgendwann einen eigenen E-Zigaretten-Laden zu eröffnen. Außerdem beginnt er seine Reise durch die Serie mit den Worten: "Mein Name ist Boris. Ich bin 25 Jahre alt und gehe 1. Klasse. 1. Klasse Pflegeschule." Wieso ein kleines "in die" die Nachricht der Serie in irgendeiner Form verfälscht hätte, bleibt offen.

Selbstredend hat er "die Alten" am Ende der Serie so sehr ins Herz geschlossen, dass er sich entscheidet, den Beruf des Altenpflegers doch weiter auszuüben. Kein Wunder, schließlich erhält er beim Referat in der Berufsschule tosenden Applaus dafür, dass er einem Pärchen aus dem Seniorenheim Handys besorgt hat, sodass sie miteinander "chatten" können. Menschen, die in ihrem Leben schon viel Mist gebaut hätten, würden manchmal regelrecht aufblühen, wenn sie gebraucht würden, erklärt die Lehrerin mit dem 7er-iPhone der Klasse, wieso Boris überhaupt für die Ausbildung angenommen wurde.

"Ehrenpflegas" soll junge Menschen ansprechen – aber ist die Darstellung realistisch?

Kurz gesagt: Von Windeln wechseln, Rückenschäden und schlechter Bezahlung weit und breit keine Spur. Dafür jede Menge Sachen, die die jungen Leute eben so sagen und eine Liebesgeschichte, die jeden "Bravo"-Fotolovestory-Leser stolz machen würde. Dazu noch ein kurzer Cameo-Auftritt von Familienministerin Giffey persönlich – fertig sind 25 Minuten seichte Unterhaltung, die mit der Realität des Berufs vermutlich wenig zu tun haben, aber dafür unterhaltsam sind.

"Mit der Miniserie 'Ehrenpflegas' wollen wir die Jugendlichen in ihrer Lebenswelt abholen und genau dort erreichen, wo sie sich Informationen holen: in den sozialen Netzwerken", sagt Ministerin Giffey in einer Pressemitteilung zur Serie und spielt darauf an, dass "Ehrenpflegas" auf Youtube veröffentlicht wird. Dort wurde die erste Folge immerhin schon fast 50.000 Mal angeklickt.

Problematisch ist: Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe distanzierte sich am Dienstag in einer Pressemitteilung ausdrücklich von der Serie. "Keine der die Pflegeberufe vertretenden Organisationen" sei "in die Pläne der Miniserie, deren Vorbereitung oder Realisierung einbezogen" worden. Wichtig sei bei einer Kampagne wie der des Familienministeriums vor allem, "dass ein den tatsächlichen Anforderungen in den Pflegeberufen realistisch entsprechendes Bild gezeichnet wird. Dies leistet die Serie auch im Zusammenspiel mit den anderen Kampagnen-Bausteinen nicht."

Das Fazit des Berufsverbandes: "Wir distanzieren uns ausdrücklich von der Darstellung der bereits in den ersten Sekunden erzeugten Aussage, bei den Pflegefachberufen handele es sich um ein Auffangbecken für alle Personen, denen an anderer Stelle keine Perspektive eröffnet wird. Pflege ist ein anspruchsvolles Handlungsfeld, für das es Kompetenzen und Fähigkeiten braucht. Niemand stolpert zufällig in eine Pflegeausbildung." Die "klischeehafte Überzeichnung" der Serie spiegele "allenfalls die Vorurteile der Macherinnen und Macher wieder."

Quellen: "Bundesministerium für Familie, Senioren, Jugend und Frauen", "Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe"


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