Arbeitszeit Müssen wir alle länger arbeiten?


Politiker und Wirtschaftsexperten behaupten: Wenn alle ein bis zwei Stunden mehr pro Woche schaffen, kommt das Land aus der Krise. Stimmt diese simple Formel?

Seit voriger Woche ist das Leben für Peter Gießer ein bisschen bequemer geworden, aber auch ein bisschen komplizierter. Durchschnittlich nur noch 30 statt bisher 35 Stunden in der Woche wird er fortan arbeiten, mehr gibt die Auftragslage derzeit nicht her. Allerdings muss Gießer, der seit 28 Jahren bei Opel in Rüsselsheim Autos baut, nun auch Nachtschichten schieben, was bislang nicht von ihm verlangt wurde. Sein Leben wird einem festen Rhythmus folgen: eine Woche Frühschicht, eine Woche Spätschicht, eine Woche mit vier kurzen Arbeitsnächten à fünf Stunden. Zu präzisen Zeiten, streng getaktet, weil das nicht anders geht in einer Autofabrik, in der eine Hand in die andere greift, auch nicht im blitzmodernen neuen Opel-Werk, durch die in bunter Reihe Vectra-Limousinen, Vectra-Kombis und Signums gleiten.

Gießers Kollegin Konstanze Anspach folgt eher ihrem eigenen Rhythmus. Die promovierte Maschinenbauingenieurin ist mal um acht im Büro, mal erst um halb zehn. Mindestens sechs und höchstens zehn Stunden am Tag soll sie da sein, aber auch da sind Ausnahmen drin. 35 Wochenstunden arbeitet sie nach Tarif, "aber wenn es sein muss, sind es auch 45 oder 50 Stunden". Das bummelt sie später ab.

Alle müssen Opfer bringen

Nun arbeitet sie auch noch zehn Minuten am Tag umsonst - für Kollegen wie Peter Gießer aus der Fertigung, denen nur 30 Stunden bleiben. Die Führungskräfte geben ein paar Urlaubstage nebst Urlaubsgeld dran. Alle müssen Opfer bringen, damit sich die Lohneinbußen der Leute am Band in Grenzen halten. Gut die Hälfte des Arbeitsausfalls wird ihnen von Opel deshalb auch weiterhin bezahlt. "Bleibt rechnerisch ein Minus von 80 Euro netto im Monat, aber auch das merke ich kaum, weil das Urlaubsgeld nun übers Jahr verteilt ausbezahlt wird", sagt Peter Gießer.

Norbert Küpper, der Chef von Gießer und Konstanze Anspach, ist stolz auf sein neues Arbeitszeitmodell. Genau mag der Personalvorstand von Opel es nicht verraten, aber er dürfte damit mindestens 20 Millionen Euro sparen. "1.200 Arbeitsplätze konnten wir so retten, und das Schöne an dem Modell ist die Solidarität, die in ihm steckt." Noch schöner dürfte für ihn sein, dass er, weil er niemand entlassen muss, die Produktion sofort wieder hochfahren kann, sollte die Autokonjunktur anspringen. Bis zu 38,75 Stunden dürfen die Autobauer dann schaffen, das wurde vor Jahren schon mit der IG Metall vereinbart. "Aber derzeit sind eben 30 Stunden für uns das richtige Modell", sagt Küpper.

Einzig die Gewerkschaften halten dagegen, aber das kennt man ja

"Die 40-Stunden-Woche muss eher die Regel als die Ausnahme werden", meint hingegen Thomas Sattelberger, Personalvorstand beim Reifenhersteller Continental. Bereits seit 1998 gilt sie bei der Tochterfirma Contitech Profile in Hannover, die Türdichtungen und dergleichen herstellt. Das sind zweieinhalb Stunden mehr als die tarifliche Regelarbeitszeit. Einen Ausgleich gibt es dafür nicht, das ist durch eine Öffnungsklausel im Tarifvertrag gedeckt. 1998 schrieb das Unternehmen rote Zahlen, die Belegschaft wurde halbiert. Mittlerweile ist "der Turnaround geschafft" (Sattelberger), neue Leute wurden eingestellt, das Arbeitszeitmodell soll kommendes Jahr auch im Contitech-Werk in Hannover-Stöcken eingeführt werden. Die Produktion ist arbeitsintensiv, Contitech hat eine Lohnkostenquote von 25 Prozent - bei Opel sind es nur 16 bis 18 Prozent.

So kompliziert ist die Realität - viel komplizierter als jene Debatte, die derzeit vor allem Politiker führen. Zuletzt hat sich eine bemerkenswert große Koalition geformt, endlich gibt es mal wieder eine klare Botschaft: Die Deutschen müssen länger arbeiten, wollen sie ihren Wohlstand halten. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) ist dafür, CDU-Chefin Angela Merkel hält ein bis zwei Stunden mehr für angemessen, 42 Wochenstunden fordert der Münchner Ökonom Hans-Werner Sinn, 48 Stunden Johannes Singhammer von der CSU. Einzig die Gewerkschaften halten dagegen, aber das kennt man ja.

Ähnlich bunt agiert Arbeitgeber Staat

Verwirrend ist hingegen die Meldungslage aus der Realität. Beim Kieler Schiffsbauer HDW müssen die Werftarbeiter drei Stunden länger arbeiten - und überdies auf Geld verzichten. Der Computerhersteller Maxdata lässt seine Leute von Januar an 41 Wochenstunden malochen und streicht zudem zwei Urlaubstage. Die Lufthansa wiederum hatte vorübergehend die Arbeitszeit gesenkt, der Energiekonzern EnBW möchte die Vier-Tage-Woche einführen, die Telekom Arbeitszeit und Lohn um zehn Prozent kürzen. Bei der Post hingegen schuften die Boten bis zu 48 Stunden (mit Lohnausgleich), um privaten Paketdiensten trotzen zu können.

Ähnlich bunt agiert Arbeitgeber Staat: Um die wunden Etats zu schonen, wollen einige Bundesländer die Arbeitszeit ihrer Beamten erhöhen oder haben das, wie Baden-Württemberg, bereits getan. Der Berliner Senat hat mit der Gewerkschaft Verdi einen Tarifvertrag geschlossen, nach dem für die Beschäftigten des hoffnungslos überbesetzten öffentlichen Dienstes das Gehalt ebenso sinken soll wie die Arbeitszeit. Ähnlich will auch Verdi selbst die viel zu hohen Personalkosten drücken.

Der Kalendereffekt ist nicht zuletzt ein statistisches Phänomen

Gemessen an dieser Vielfalt wirkt die Forderung nach einer pauschalen Arbeitszeitverlängerung sehr schlicht. Angefeuert wurde sie noch durch eine Prognose der Wirtschaftsforschungsinsitute, nach der 2004 die Wirtschaft zusätzlich um 0,6 Prozent wachse, weil besonders viele Feiertage auf Wochenenden fallen und die Deutschen entsprechend mehr arbeiten werden. Die Botschaft scheint klar: Wenn es denn so einfach ist, das Land nach vorne zu bringen, ist es nicht zu viel verlangt, wenn alle ein bisschen länger reinhauen.

So einfach ist es aber leider nicht. Dieser Kalendereffekt ist nicht zuletzt ein statistisches Phänomen: Das Bruttoinlandsprodukt ist eine so genannte Stromgröße, die permanent entsteht. Entscheidend ist, wann genau man sie misst und welche Messungen man vergleicht. Von Montag bis Freitag wird mehr erwirtschaftet als von Mittwoch bis Sonntag und tagsüber mehr als nachts, und trotzdem will niemand Nächte und Wochenenden abschaffen. Der Sachverständigenrat ("die Fünf Weisen") hat gerade darauf hingewiesen, dass die zusätzlichen Arbeitstage des Jahres 2004 allenfalls zu einem Abbau von Überstunden führen dürften. Aber das steht erst auf Seite 584 des Gutachtens.

Weniger Arbeit fürs gleiche Geld - eine bequeme Lösung des Problems

Die Diskussion um längere Wochenarbeitszeiten erwischt die Gewerkschaften auf dem falschen Fuß. Geschwächt durch Mitgliederschwund, Richtungskämpfe und die Niederlage im Kampf gegen die Sozialreformen, werden sie jetzt auf dem Feld ihrer letzten großen Siege angegriffen. Die 35-Stunden-Woche, so sie denn überhaupt erreicht wurde, ist ein Symbol vergangener Stärke. Nun fordern zum Beispiel die Druckarbeitgeber die generelle Rückkehr zur 40-Stunden-Woche.

Dahinter steckt ein uralter Ideologienstreit über die Arbeitszeitverkürzung. In den achtziger Jahren galt sie den Gewerkschaften, aber auch großen Teilen der Öffentlichkeit als wichtigstes Mittel gegen die Arbeitslosigkeit: Weil die Produktivität dramatisch stieg und eine wachsende Wirtschaftsleistung in immer weniger Zeit erbracht wurde, versprach die Formel "Weniger Arbeit fürs gleiche Geld" eine bequeme Lösung des Problems.

Bloß war diese Strategie sehr defensiv und beförderte überdies die Entwicklung, deren Folgen sie bekämpfen wollte: Weil die Arbeit pro Stunde immer teurer wurde, wuchs der Druck, sie noch rationeller einzusetzen. Einigen Branchen wie der Autoindustrie hat das gut getan, weil diese Produktivitätspeitsche die Ingenieure zwang, immer bessere Produkte und effizientere Fabriken zu bauen. Andere Unternehmen, die eine hohe Lohnkostenquote schultern müssen, haben die steigenden Stundenlöhne hingegen in den Konkurs getrieben. Die Politik der Arbeitszeitverkürzung hat die Jobkrise jedenfalls nicht beseitigt, auch wenn sich die Gewerkschaften bis heute rühmen, Schlimmeres verhindert zu haben. Und je schärfer die weltweite Konkurrenz wurde, desto mehr wurden die hohen Stundenlöhne zu einem Problem.

Dass der Wind sich dreht, war nur eine Frage der Zeit

In den Neunzigern wuchsen auch bei vielen Gewerkschaftern die Zweifel an ihrer Politik. Ketzerische Metaller legten schon mal die Statistiken nebeneinander, die die Entwicklung von Arbeitszeitverkürzung und Arbeitslosigkeit zeigen - und entdeckten einen hässlichen Zusammenhang: Beides ging Hand in Hand. Das große Projekt der 35-Stunden-Woche blieb auf halbem Weg stecken. Es wurde nur in wenigen Branchen verwirklicht und ist in der Realität längst auch dort vielfach durchlöchert. Als der damalige IG-Metall-Chef Klaus Zwickel 1997 als neues Ziel die 32-Stunden-Woche ausrufen wollte, mochte seine eigene Basis ihm nicht mehr folgen. Der unlängst kläglich gescheiterte Streik für die 35-Stunden-Woche in der ostdeutschen Metallindustrie dürfte vorerst der letzte Versuch einer kollektiven Arbeitszeitverkürzung gewesen sein.

Dass der Wind sich dreht, war da nur eine Frage der Zeit. Die Forderung nach einer längeren Wochenarbeitszeit ist ökonomisch auch nahe liegend, weil sich so am einfachsten die Lohnkosten senken lie-ßen, ohne dass der Einzelne weniger Geld in der Tasche hat - sofern er seinen Job behält. In der Theorie senken die Unternehmen in der Folge die Preise, verkaufen mehr Produkte, Investitionen lohnen sich wieder, neue Jobs entstehen. Verkehrt ist das nicht, nur richtet sich die Wirklichkeit selten nach der Theorie. "Natürlich würde langfristig unsere Wettbewerbsfähigkeit steigen, wenn unsere Belegschaft fürs gleiche Geld länger arbeiten würde", sagt Opel-Vorstand Küpper. "Erst einmal aber müsste ich eine Menge Leute entlassen."

Unternehmen bedienen ein ganzes Arsenal von Schichtmodellen und Arbeitszeitkonten

Es wirkt paradox, aber eine pauschale Arbeitszeitverlängerung könnte ebenso Probleme schaffen wie die pauschale Arbeitszeitverkürzung der Vergangenheit. Selbst der Sachverständigenrat, der keine Scheu vor unpopulären Empfehlungen kennt, beurteilt die Beschäftigungseffekte längerer Arbeit äußerst "zurückhaltend". Kurzfristig würde es eher zu Entlassungen kommen, und auch langfristig würden nur unter bestimmten Bedingungen neue Jobs entstehen. Eine dieser Voraussetzungen wäre, dass die mutmaßlich steigende Nachfrage nach Arbeit nicht schon durch die längeren Arbeitszeiten gedeckt ist.

Die Debatte wirkt auch deswegen altmodisch, weil die Realität viel weiter ist. Mittlerweile bedienen die Unternehmen ein ganzes Arsenal von Schichtmodellen und Arbeitszeitkonten, deren Ziel es ist, Arbeitsanfall und Arbeitszeit in Deckung zu bringen, denn das senkt wirksam die Kosten. Das reicht von bis zu einjährigen, nur teilweise bezahlten Zusatzferien bei der Mobilfunksparte von Siemens bis zu einer Regelung in der Süßwarenindustrie, nach der die Beschäftigten in Saisonzeiten eine Mehrarbeit von sagenhaften 65 Arbeitstagen ansammeln können. Es ist bezeichnend, dass die Metallarbeitgeber für die demnächst beginnende Tarifrunde keine generelle Rückkehr zur 40-Stunden-Woche fordern, sondern einen Arbeitszeitkorridor - um die 35 herum. Ähnliches gibt es längst in der Chemieindustrie.

Opel-Vorstand Norbert Küpper sagt: "Für mich ist entscheidend, wie flexibel ich meine Leute einsetzen kann. Ob im Tarifvertrag 35 oder 37 Stunden stehen, ist vergleichsweise egal."

Arne Daniels und Brigitte Zander

30 Arbeitsstunden

Weil der Autoabsatz stockt, sinkt für 3.600 Opelianer in der Fertigung die Arbeitszeit vorübergehend von 35 auf 30 Stunden. Gießer verliert dadurch rund 80 Euro im Monat, ist aber froh, dass 1.200 Jobs gerettet werden konnten. Küpper spart mindestens 20 Millionen Euro, obwohl die Hälfte des Arbeitsausfalls bezahlt wird, und behält seine Mannschaft für bessere Zeiten zusammen. Konstanze Anspach arbeitet so wie bisher, "spendet" aber täglich zehn Minuten für die Kollegen aus der Produktion. "Sanieren lässt sich ein Unternehmen mit solch einem Modell nicht, aber es hilft in der Krise", sagt Küpper. In Rüsselsheim arbeiten noch 5.500 Menschen in der Fertigung - aber 8.000 in Forschung und Entwicklung.

40 Arbeitsstunden

Weil die hohen Lohnkosten der arbeitsintensiven Gummiteileproduktion die Firma in die roten Zahlen drückten, arbeiten die Contitech-Leute seit fünf Jahren 40 statt 37,5 Stunden - ohne Lohn- oder Freizeitausgleich. Die Sicherheit der nach einem drastischen Personalabbau verbleibenden Jobs war der Belegschaft wichtiger. "Hauptsache, das Einkommen bleibt gleich", sagt Niebuhr. Nun geht es dem Unternehmen besser, doch das Arbeitszeitmodell wird fortgeführt und auf einen weiteren Betrieb ausgedehnt. "Wettbewerbsfähig sind wir nur mit preiswürdigen Produkten", meint Sattelberger. "Die 40-Stunden-Woche muss eher die Regel als die Ausnahme werden."

37-40 Arbeitsstunden

Der Berliner Senat fährt eine doppelte Strategie: Für viele Beamte wurde die Arbeitszeit erhöht. Für Arbeiter und Angstellte im öffentlichen Dienst wurde hingegen ein Tarifvertrag ausgehan-delt, nach dem Arbeitszeit und Einkommen um acht bis zwölf Prozent sinken - "eine Art Zwangsteilzeit", sagt Körting. Die Alternative wäre die Entlassung von 12.500 Bediensteten der hoch verschuldeten Stadt gewesen. Nun wird bis 2009 auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet. Polizisten arbeiten durch eine neue Pausenregel de facto 1,5 Stunden mehr. "Die Stadt ist eben pleite. Wo nichts mehr ist, kann nichts verteilt werden", sagt Christiane Krüger.

38 Arbeitsstunden

Bei dem nicht tarifgebundenen Maschinenbauer wurde schon immer drei Stunden über Tarif gearbeitet, was der Firma eine Lohnersparnis von acht Prozent bringt. Früher bekamen die Mitarbeiter drei dieser acht Prozent als zusätzliche Vergütung, doch das wurde nun gestrichen. Bereits zuvor mussten sie auf ein Prozent (Azubi) bis zehn Prozent (Vorstand) ihres Einkommens verzichten, um die anhaltende Krise zu meistern. Seit 2001 wurden so 20 Millionen Euro gespart, etwa 200 Leuten blieb die Kündigung erspart. "38 Stunden sind okay", sagt Worm. "Nur durch Mehrarbeit entstehen neue Jobs", glaubt Firmengründer Schuler.

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