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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Warum ein Frisör für Howie der Fels in der Brandung aller Veränderungen ist

Wer mit Abstand frühere Stationen seiner Vita aufsucht wird feststellen, dass viele Unternehmen nicht mehr an dem Platz sind, wo man ihnen einst diente. Frank Behrendt liebt es, an die ehemaligen Stätten seines Schaffens zurückzukehren und dabei festzustellen, dass etwas von damals noch da ist.

Ein Gang über die "Seufzerbrücke" am Glockengießerwall

Ein Gang über die "Seufzerbrücke" am Glockengießerwall in Hamburg

Als ich neulich in unmittelbarer Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs über die Ernst-Merck-Brücke vom Holzdamm zum Glockengießerwall schlenderte musste ich automatisch grinsen. Wie oft war ich Ende der 90er genau diesen Weg gegangen? Ich arbeitete seinerzeit im Bereich Kinder-Entertainment und produzierte Hörspiele. Vom Räuber Hotzenplotz, über Pumuckl und Pippi Langstrumpf bis hin zum König der Löwen von Disney reichte das Repertoire, das damals noch auf Kassetten den Weg in die Kinderzimmer fand. Als Bonustrack durfte ich die Schöpfer der wunderbaren Charaktere wie Otfried Preußler, Ellis Kaut oder Paul Maar persönlich treffen. 

Weniger angenehm war zuweilen der Gang über die besagte Brücke. Mein Lieblings-Vertriebskollege Holm nannte sie gar die "Seufzerbrücke". Denn der Weg von unseren Büroräumen jenseits der Überführung rüber zur Zentrale am "Glogi" verhieß nicht immer Sonnenschein. Bei harten Zahlen war auch mal Schluß mit lustig. Während ich für die vertonte Geschichte mit dem liebenswerten Löwen "Simba" noch eine goldene Mickey-Mouse für eine Million verkaufte Tonträger verliehen bekam, kriegte ich für spätere Flops gehörig um die Löffel. That`s business. PolyGram wurde später mit Universal Music verschmolzen, die Company verlegte ihren Sitz anschließend nach Berlin. In den Hamburger Büroräumen von früher residieren heute Pizzahersteller, Logistikfirmen, Energieprovider. Für die Musik sorgt am früheren Haupteingang lediglich der Gitarrenspieler, der dort, wo sich einst Nena, Udo Lindenberg und Bon Jovi die Klinke in die Hand gaben, auf einer abgegriffenen Klampfe Bob Dylan Songs spielt.

Ein Highlight war damals für mich in der Mittagspause der Gang zum Frisör in der Ferdinandstraße. Nic war schon vor 20 Jahren ein Meister seines Fachs und schnitt nicht nur unserem legendären Chef die Haare, sondern ebenfalls meine Matte. Für mich ist es heute immer noch ein Highlight, bei Dienstreisen zwischen zwei Terminen für den perfekten Cut im Salon "Möbius" einzukehren. Während Nic mein immer noch volles Haar in Form bringt, quatschen wir über unsere groß gewordenen Töchter, die beide mit Kinderhörspielen aufgewachsen sind. Bei der Verabschiedung sehe ich im Planer meinen Termin in fetten Buchstaben. Wie 1997 steht da nicht " " – sondern "Howie", in Anlehnung an die mir oft zugeschriebene Ähnlichkeit zum gleichnamigen Schlagersänger aus Südafrika. Ich gehe mit einem Lächeln und dem verdammt guten Gefühl, dass sich im Umfeld meiner alten beruflichen Heimat auch in Zukunft vieles verändern wird, aber nicht der Nickname bei meinem Hamburger Lieblingsfriseur.

Christoph Busch sitzt in seinem Zuhör-Kiosk in der U-Bahnhaltestelle Emilienstraße in Hamburg