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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Ich vermisse meinen Late-Night-Kumpel

Rund 20 Jahre lang war Harald Schmidt der unangefochtene Inbegriff für den Late-Night-Talk in Deutschland. Weihnachten legt Schmidt zwar wieder als ZDF-Traumschiff-Kreuzfahrtdirektor Schifferle in unseren Wohnzimmern an, Frank Behrendt wünscht sich aber für 2018 eine Rückkehr des Meisters ans Talk-Mikro.

Harald Schmidt - Altmeister des deutschen Late-Night-Talk

Harald Schmidt - Altmeister des deutschen Late-Night-Talk

Ich weiß noch, wie ich mir vor über 20 Jahren während der Woche die ersten Folgen der damaligen Harald-Schmidt-Show um 23:15 Uhr auf Sat.1 reingezogen habe, auch wenn ich am nächsten Morgen früh raus musste. Von Beginn an war ich Mega-Fan des Mannes aus Nürtingen, der seine Karriere einst an den Städtischen Bühnen in Augsburg mit einem einzigen Satz begann: "Nur hier herein", sagte der große Schlacks als zweiter Mameluk in Lessings Nathan der Weise.

Später sprach er deutlich mehr, auch zu später Stunde. Oft zynisch und nicht immer politisch korrekt. Aber das gehörte dazu. Ich erinnere mich auch heute noch an so manches Highlight, zum Beispiel wenn Schmidt mit Playmobil-Figuren Aufstieg und Fall des Ödipus vorspielte. Oder als er, assistiert von der charmanten Katrin Bauerfeind, die Geschichte der britischen Monarchie mit den Plastikfiguren inszenierte. Comedy vom Allerfeinsten.

Auch die Unterhaltungen mit seinem langjährigen Side-Kick Manuel Andrack waren oft so amüsant, dass auch nach harten Arbeitstagen jede Form von sich anschleichender Müdigkeit einfach weggelacht wurde. Und wenn Helmut Zerlett & Band vor der Werbe-Pause nochmal musikalisch Vollgas gaben, ging man beschwingt zum Kühlschrank um sich – natürlich – ein weiteres Schöfferhofer Weizenbier zu holen.

Ich war früher selbst beim Fernsehen und kenne die ewigen Quoten-Diskussionen. Die sollten bei einem Ausnahmekönner wie Harald Schmidt keine Rolle spielen. Für mich gehört er in die öffentlich-rechtlichen Sender, denn für die Kunst die er bietet, zahle ich liebend gerne meinen Rundfunkbeitrag.

Das US-Vorbild für die Harald-Schmidt-Show stammt bekanntlich von David Letterman. Der Mann, der in der vergangenen Woche mit dem Mark-Twain-Preis für Amerikanischen Humor ausgezeichnet wurde, feiert 2018 beim Streamingdienst Netflix mit einer neuen Show sein Comeback. Eine Stunde lang wird der legendäre 70-jährige TV-Talker dann mit nur einem Gast sprechen, das wird garantiert ein Highlight. Ähnliches wäre für mich auch für Schmidt vorstellbar. Der Mann ist breit gebildet, durch seine fünf Kinder am Puls der Zeit, immer unterhaltsam und auch mit gerade mal 60 Jahren alles andere als reif für die TV-Rente. Nach diversen Abenden mit den DVD-Konserven alter Folgen der Harald-Schmidt-Show - bezeichnenderweise heißen diese "Die ersten bzw. die zweiten 100 Jahre" - gelüstet es mich nach frischen Talks meines früheren Nachbarn im Kölner Süden.

Einer würde bei einem Comeback des Late-Night-Altmeisters allerdings ins Schwitzen kommen: Rob Vegas, der den Twitter-Fake-Account von "Dirty Harry" betreibt und die "erste und einzig wahre gefälschte Autobiografie" über den Grimme-Preisträger "Ich, Harald Schmidt. Die ganze unfassbare Wahrheit über mein Leben" verfasste, müsste diese noch einmal umschreiben.

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