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GESPERRT! IG Metall: Huber gegen den Rest der Welt

Trotz Wirtschaftskrise will die IG Metall acht Prozent mehr Lohn durchsetzen. Ein riskantes Unterfangen - vor allem für ihren Chef Berthold Huber.

Von Doris Schneyink

Er steht da wie ein Prediger. Die Hände gefaltet. Den Kopf leicht geneigt. 5000 Gewerkschafter warten in der Karlsruher Gartenhalle auf seine Worte wie auf den Segen des Papstes. Auf ihren Transparenten sind Che Guevara abgebildet und Bart Simpson, der seinen nackten Hintern zeigt: Ihr könnt uns alle mal …

Die 5000 wollen jetzt hören, wer die Guten sind und wer die Bösen auf dieser Welt. Berthold Huber, erster Vorsitzender der IG Metall, enttäuscht sie nicht. "Wir kämpfen für eine anständige Gesellschaft", ruft er vom Podium hinunter. Er geißelt die "skrupellosen Zocker" in den Banken, er verspottet den Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, "seinen Namen habe ich vergessen". Er macht die "dramatisierende Schwarzmalerei" der Arbeitgeber nieder, die "uns mit Arbeitsplatzabbau bedrohen". Huber predigt seiner Gemeinde Wein statt Wasser. Trotz Finanzkrise und drohender Rezession. "Unsere Forderung steht und bleibt. Wir kommen nicht auf Knien gerutscht, um für ein paar Euro zu betteln."

Hohe Erwartungen

Nein, Betteln ist wahrlich nicht der Stil der IG Metall, und Berthold Huber weiß das ganz genau. Seit einem Jahr ist der nachdenkliche Schwabe Chef der IG Metall und damit der mächtigste Arbeiterführer Deutschlands. Nun muss er zeigen, dass er es kann. Die Erwartungen seiner Leute an diese Tarifrunde sind extrem hoch. Beim vorigen Mal erstritt die Gewerkschaft zwar eine Lohn- und Gehaltserhöhung von knapp sechs Prozent, doch die wurden in Stufen auf 19 Monate verteilt. Unter der Hand geben Funktionäre heute zu, dass sie damals "zu niedrig" abgeschlossen hatten. Diesmal wollen die Mitglieder mehr haben: acht Prozent, das entspricht - hochgerechnet auf die Lohnsumme der ganzen Branche - etwa 14 Milliarden Euro.

Doch je tiefer sich die Finanzkrise in die reale Wirtschaft hineinfrisst, je mehr Betriebe über rückläufige Aufträge klagen und je häufiger Unternehmen die Bänder für Wochen anhalten wollen, desto schwieriger wird es für Huber, diese Forderung zu verteidigen. In der vergangenen Woche legten die Arbeitgeber ihr erstes Angebot vor: 2,1 Prozent mehr Lohn ab 2009 plus Einmalzahlungen für den November und Dezember. Für die Gewerkschaft fast eine Demütigung. "Die Gewinne sind in vier Jahren um 220 Prozent gestiegen", entgegnet Huber. Das Angebot sei "unanständig, weil es für die Arbeitnehmer Reallohnverlust bedeutet".

Einschüchterungstaktik

Nun will die IG Metall kämpfen. Seit dem Ende der Friedenspflicht am 31. Oktober organisieren die Gewerkschafter Warnstreiks und legen bundesweit Betriebe lahm. Hubers Strategen setzen auf massive Aktionen - um die Arbeitgeber zu beeindrucken, aber auch damit die eigenen Mitglieder Dampf ablassen können. Klaus Hessel, 57, steht in Andernach bei Koblenz mit Hunderten Kollegen im Nieselregen vor dem Werkstor der Firma Rasselstein, eines der größten Weißblechhersteller Europas. Es ist die Nacht von Freitag auf Samstag. In der einen Hand hält Hessel eine Fackel, in der anderen einen Teller heiße Suppe. IG-Metall-Funktionäre verteilen rote Schals und warme Worte, die Sambaband Piri-Piri trommelt, Feuerschlucker jagen Flammen in die Nacht.

"Was die Arbeitgeber uns anbieten, ist eine Riesensauerei", sagt Hessel. Die Geschäfte der Thyssen-Krupp-Tochter laufen gut. Der Verpackungsstahl, den die 2400 Beschäftigten hier herstellen, wird für Verschlüsse und Dosen in der Chemie- und Lebensmittelindustrie gebraucht. Rasselstein hat mit der Autoindustrie nichts zu tun, die gerade in die Krise schlittert.

Auch die mächtigen Betriebsräte der Autohersteller sehen keinen Grund zur Bescheidenheit. So schwört Porsche-Mann Uwe Hück die Mitarbeiter auf Kampf ein. Tor 2 des Porsche-Werks in Stuttgart-Zuffenhausen, an einem nebeligen Morgen vor zwei Wochen: Fast 3000 Arbeiter haben sich versammelt. Es ist saukalt, die Männer frieren und wollen wissen, wo es langgeht. Hück, Zwei-Meter-Mann und durchtrainierter Thaiboxer, klettert auf die improvisierte Bühne, greift zum Mikro. "Kommt näher, ich brauche euch. Die Zeit ist gekommen, wo mir zusammenrücken müssen", ruft er in die Menge.

"Wir sind Erfolgsfaktoren"

Hück wütet und tobt. "Die Arbeitgeber, die kein Geld verdienen, die kenn ich nicht", brüllt er ins Mikrofon. Porsche werde in diesem Jahr rund sieben Milliarden Euro Gewinn einfahren. "Sie wollen uns einschüchtern mit der Finanzkrise, aber wir sind keine Kostenfaktoren, wir sind Erfolgsfaktoren." Ohrenbetäubendes Johlen, Pfeifen, Klatschen. Die Arbeiter schwenken ihre roten IG-Metall-Fahnen. Hück übertönt sie alle: "Wir werden die Gerechtigkeit aus ihnen herausprügeln." Seine Stimme überschlägt sich. "Wir werden streiken. Acht Prozent sind nicht zu viel, sie sind eher zu wenig." Der Chef des Konzernbetriebsrates liefert genau die Klassenkampf-Show, die seine Leute jetzt hören wollen.

Tarifverhandlungen sind hochritualisierte Veranstaltungen. Eine Kombination aus Boxen, Poker und Schachspiel. Man tänzelt um den Gegner herum, man blufft, man bereitet den nächsten Zug vor und teilt zwischendurch kräftig aus. So bescheinigte Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, der IG Metall, sie habe "nicht alle Tassen im Schrank". Huber beleidigte per Interview alle Volkswirte, die vor einer Rezession warnen. "Wann haben deutsche Ökonomen jemals eine Prognose abgegeben, die stimmt? Nie! Diese Zunft ist versaut ohne Ende."

Kämpferische Rhetorik, wilde Beschimpfungen - all das gehört zur Folklore einer Metalltarifrunde dazu. Doch am Ende steht immer eine Einigung, die beide Kontrahenten das Gesicht wahren lässt. Diesmal allerdings liegen die Vorstellungen so weit auseinander wie lange nicht mehr. Der Gewerkschaftsforscher Wolfgang Schroeder von der Universität Kassel sagt: "Das Außergewöhnliche an dieser Tarifrunde ist, dass sich während der ersten Annäherungsphase die Welt komplett verändert hat."

Huber hat seine Argumentation stark auf die Themen Gerechtigkeit und Teilhabe aufgebaut. Die Forderung nach acht Prozent entstand unter dem Eindruck des Booms, den die Branche erlebt hat: Nicht nur die Autobauer verdienen Milliarden. Auch im Maschinenbau ist die Produktion in den vergangenen fünf Jahren um 40 Prozent gewachsen. Mit 968 000 Arbeitsplätzen ist dieser Zweig noch bedeutender als die Autoindustrie. Der Umsatz ist seit 2003 um 70 Milliarden auf 202 Milliarden Euro geklettert. Manfred Wittenstein, Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), sagt: "Eine solche Dynamik hat es im deutschen Maschinenbau zuletzt 1958 bis 1962 gegeben." Für 2009 rechnet Wittenstein nicht mit einem Einbruch, sondern mit Stagnation auf hohem Niveau.

Rasendes Wachstum

Das Maschinenbauwunder ist für Hans-Jochen Tombarge tagtäglich greifbar. Mit großen Schritten geht er durch die nagelneuen Fabrikhallen. Der 49-Jährige ist Betriebsratsvorsitzender bei Sauer-Danfoss im schleswig-holsteinischen Neumünster. Die Firma baut hydrostatische Antriebe, wie sie etwa in Betonmischern, Baggern, Planierraupen oder Mähdreschern gebraucht werden. Auch in vielen Gartentreckern, mit denen die Amerikaner so gern ihre gewaltigen Rasenflächen mähen, stecken solche Antriebe. "Wir sind zum Glück nicht nur von einem Hersteller abhängig", sagt Tombarge.

Weil die Nachfrage so groß ist, hat Sauer-Danfoss die Belegschaft in nur fünf Jahren um 50 Prozent aufgestockt - von 560 auf 840 Beschäftigte. Vor allem in der Endmontage werden Facharbeiter gebraucht. Weltweit beschäftigt das Unternehmen 9800 Leute. Und erzielte immer neue Umsatzrekorde. Nun erlebe man eine Normalisierung auf "hohem Niveau", sagt Tombarge. "In dem Tempo konnte man ja gar nicht weiterwachsen. Ich sehe keinen Grund, von unseren acht Prozent abzuweichen."

Es geht um Geld - aber auch um Prinzipien

In vielen Betrieben werden nach wie vor Sonderschichten gefahren, und die Auftragsbücher sind voll bis weit ins Jahr 2009 hinein. Die Beschäftigten sehen nicht ein, warum sie sich in Lohnverzicht üben sollen. Selbst Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) sagt: "Ich halte Lohnerhöhungen in der jetzigen Entwicklung nicht nur für vertretbar, sondern auch für richtig."

Doch es geht in dieser Tarifrunde um mehr als um die acht Prozent. Es geht auch darum, die Deutungshoheit über die Finanzkrise zu gewinnen. Gewerkschaftschef Huber hatte gehofft, dass das spektakuläre Versagen der Manager zu einem Wertewandel in Deutschland führt. Dass es wieder um mehr Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich geht statt um die Jagd nach aberwitzig hohen Renditen.

Auf einer Tagung der gewerkschaftsnahen Otto Brenner Stiftung diskutiert Huber mit der SPD-Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan über die Zukunft des Sozialstaates. Er sitzt in einem Ledersessel, die Arme verschränkt, und macht ein muffeliges Gesicht. Er sehnt sich wohl nach einer Zigarette. Dann lästert er über das neue Buch des CDU-Wirtschaftspolitikers Friedrich Merz: "Mehr Kapitalismus wagen". Er werde es garantiert nicht lesen. "Aber ich möchte ein neues Kapitel des Kapitalismus schreiben. Und in dem soll stehen, dass der Staat sich nicht nur der Globalisierung anpasst, sondern sie gestaltet. Dass nicht nur der Export zählt, sondern auch die Binnennachfrage."

Ein schmaler Grad

Es steht eine Menge auf dem Spiel für Huber. Er ist als neuer IG-Metall-Chef mit dem Ziel angetreten, die Organisation zu stärken und neue Mitglieder zu gewinnen. Seine Wahl war nicht unumstritten. Huber gilt als einer, der zuhört, statt Befehle zu erteilen. Als einer, der erst mal fünf Fragen stellt, statt Wahrheiten zu verkünden. Wenn er die hohen Erwartungen seiner Leute enttäuscht, dann wird ihn das schwächen. Setzt er dagegen auf Eskalation und riskiert womöglich einen längeren Arbeitskampf, steht er als skrupelloser Interessenvertreter da, der die Krise nur noch verschlimmert.

Am 10. November berät der Vorstand der IG Metall über das weitere Vorgehen. Einen Tag danach soll die nächste Verhandlungsrunde mit den Arbeitgebern beginnen. Dann wird sich zeigen, ob Berthold Huber seinen Leuten weiterhin Wein statt Wasser predigt. Oder ob er anfängt, ihnen Weinschorle schmackhaft zu machen.

Mitarbeit: Mathias Rittgerott, Matthias Lauerer / print