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Klaus Kleinfeld: Der Image-Gau des Siemens-Chefs

Als Wunderknabe wurde Siemens-Chef Klaus Kleinfeld einst gefeiert. Jetzt ist er für viele eine Ikone der Gier. In Berlin, vor wichtigen Freunden, hat der Umstrittene Kraft getankt.

Von Arno Luik

Er kommt sehr pünktlich, es ist Freitag, 16 Uhr, er trägt einen dunklen Anzug und eine rosa Krawatte, kurz stellt er sich für ein Foto ins Foyer, er geht die Treppe hinauf, an dem Glasbild vorbei mit überlebensgroßen Szenen aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Liebknecht und Luxemburg, 180 Quadratmeter DDR. "Es ist gut, dass er zu uns kommt", sagen sie in den Korridoren, "es ist wirklich gut, gerade jetzt, wir freuen uns auf ihn."

"Miesester Manager Deutschlands"

Harte Wochen hat der Siemens-Chef Klaus Kleinfeld hinter sich, böse Schlagzeilen, die ihn als "miesesten Manager Deutschlands" geißelten, als einen Raffke-Boss, der Tausende entlässt, der sich und seinem Vorstand eine 30-prozentige Gehaltserhöhung gönnen wollte und dazu noch, wie jetzt erst bekannt wurde, einen Bonus von 20 Prozent. Von Kleinfelds Chaostagen in München ist die Rede, wohin führt dieser Mann das Traditionsunternehmen Siemens? Wird er es ruinieren?

Aber München, die Sorgen, sind jetzt weit weg. Hier, in Berlin, im sorgsam renovierten Staatsratsgebäude der DDR, Schlossplatz 1, Berlin-Mitte, ist Feierstimmung, 200 Gäste warten auf ihn. Die European School of Management and Technology (ESMT), eine private Wirtschaftsuniversität, vor vier Jahren gegründet von 23 deutschen Großunternehmen, dem Arbeitgeberverband und dem Bundesverband der Deutschen Industrie, lädt ein zur "Presidential Inauguration". Ein neuer Präsident wird ins Amt eingeführt.

Verkehrte Geschichte

Der neue Präsident heißt Lars-Hendrik Röller, ist Wirtschaftsprofessor für Wettbewerbsrecht und führt Klaus Kleinfeld im zweiten Stock zum berühmten Balkonfenster, man kennt es aus den Geschichtsbüchern. Es ist ein Fragment des gesprengten Stadtschlosses, das früher hier stand, von diesem Balkon aus verkündete Karl Liebknecht am 9. November 1918 die "erste sozialistische Republik auf deutschem Boden". Die beiden blicken auf den Schlossplatz, den Dom, die Humboldt-Uni, die Kommandantur. Ein herrschaftlicher Blick. "Toll", sagt Kleinfeld. "Großartig", sagt Röller. "Unsere Geschichte", sagt Kleinfeld, "toll."

Auf dem Korridor ein alter Mann, aufrecht an seinem Stock, Otto Graf Lambsdorff, er sagt: "Es ist doch lustig, dass wir hier sind." Er lacht. Ein anderer alter Mann, weißhaarig und korpulent, der ehemalige US-Botschafter John Kornblum sagt: "I like this DDR-style." Auch er lacht.

Traum vom deutschen Harvard

Die ESMT ist ein grosser Traum der deutschen Industrie: Ein deutsches Harvard soll sie werden. Ein Konkurrent der London School of Economics. Eine Kaderschmiede des Kapitals. 80 Millionen Euro haben die Konzernherren bisher in die Schule gesteckt, sie sind es, die hier ihre Nachfolger heranziehen wollen. Aber noch wird die ESMT als SchmalspurFakultät belächelt, nur sieben Professoren sind fest angestellt, die meisten Lehrkräfte werden bisher für ihren Unterricht aus- und eingeflogen. Das soll nun anders werden, auch deswegen ist Kleinfeld hier.

Orte wie dieser sind nicht nur Orte, sie sind bewohnt von Geistern der Vergangenheit. Erst war Ulbricht hier drin, dann Honecker, dann Schröder, 1999 bis 2001, bis das neue Kanzleramt fertig war. Ulbricht ist weg, Honecker ist weg, Schröder ist weg, ein mehrfacher Exorzismus, die Wirtschaft, so sieht es aus, hat endgültig über die Politik gesiegt.

Stets selbstbewusst

Klaus Kleinfeld steigt auf das Podium im ehemaligen Bankettsaal, jetzt ist es das Audimax der Business School. Vom Podium aus sieht man links durch ein Panoramafenster den halb abgerissenen Palast der Republik und rechts an der Wand einen Fries aus Meißener Porzellanfliesen, das Leben der DDR. Als Zitat ist es nach der Renovierung übrig geblieben, man hat es überleben lassen, dieses kleine bunte Erbe der Planwirtschaft, es ist zu Zierrat geschrumpft. Kleinfeld steht unter roten Fahnen. Freundschaft. Frieden.

Er lächelt ins Publikum, er schaut auf Unternehmer, auf den amerikanischen und ägyptischen und mexikanischen Botschafter, auf 29 Studenten aus 14 Ländern, die hier für 50.000 Euro pro Jahr zum Master of Business Administration ausgebildet werden. Wer hier studiert, sitzt später an strategisch wichtigen Stellen. Wie er.

Mitarbeiter sind Kosten auf zwei Beinen

Sehr weit weg sind seine Gegner jetzt, die Kommentatoren und Kritiker, die ihn zu einer Ikone der Gier und Maßlosigkeit ernannt haben. Seinetwegen wird plötzlich über Moral und Anstand in den Vorstandsetagen diskutiert, über das Menschenbild von Managern, für die Mitarbeiter Kosten auf zwei Beinen sind und sonst nichts.

Vor ihm sitzen Gerhard Cromme von Thyssen-Krupp, Aufsichtsratschef der ESMT, Aufsichtsrat bei Siemens, und Henning Schulte-Noelle von der Allianz, Gründungsvater der ESMT. Kleinfeld spricht Amerikanisch, mit leichten Ti-eitsch-Fehlern, es sei großartig, sagt er, fantastisch, dass man diese Schule gegründet hat, er sei "really impressed". Er redet von Konkurrenz. Wettbewerb. Kampf. China. Indien. Und immer wieder fällt das Wort: exzellent. Exzellente Mannschaft, exzellente Leute, exzellente Ausbildung. Qualität und Verantwortung, das sei ihm sehr wichtig, diese europäischen Werte. Verantwortung heiße in diesen Zeiten, Herausforderungen als Chancen begreifen. Den Kampf annehmen. In diesen Zeiten.

Keine Rede vom Jobabbau

Allianz macht historisch einmalig hohe Gewinne in diesen Zeiten - und streicht 10.000 Arbeitsplätze, Daimler macht Profit - und streicht 14.500 Arbeitsplätze, die Telekom 32.000, Siemens 10.000, BenQ Mobile, das bis vor kurzem Siemens gehörte, 1950 Stellen. Fast 50.000 Lehrstellen fehlen im Land, auch so eine Schlagzeile dieser Tage, als Vorwurf formuliert von Menschen, die Verantwortung anders verstehen. Soll er davon reden? Hier? Jetzt? Natürlich nicht.

Muss er auch nicht, sagt ein Student, der 28 Jahre alt ist und dann von "competence" und "quality" und "excellence" spricht, wie eine Kleinfeld-Kopie. Er findet nichts Schlimmes dabei, dass Allianz oder Siemens trotz Gewinnen Jobs killen, das müsse so sein, man stehe im Wettbewerb. Für ihn, ja auf jeden Fall, sei Kleinfeld ein Vorbild, unbedingt. Im Treppenhaus draußen, auf dem Glasbild von 1964, sieht man Arbeiter demonstrieren und streiken, quer über Liebknecht und Luxemburg ein mächtiges "Trotz alledem".

Bloß nicht irritieren lassen

Neulich lärmten mal wieder einige Tausend Angestellte vor der Siemenszentrale in München: "Klaus, komm raus!" Ein paar Hundert Berliner Siemensianer, von Arbeitslosigkeit bedroht, waren dabei, sie waren von Berlin nach München marschiert. Sie wollen nicht Ruhe geben, wie, wenn er doch nicht ganz besiegt wäre, der Geist von damals? Wenn die gute Laune der Sieger trügen würde?

Vorn am Podium steht ein Mann um die fünfzig, kurzer Haarschnitt, und obwohl viele Haare schon grau sind, obwohl der Rücken gebeugt ist, wirkt er sehr jugendlich. Klaus Kleinfeld lächelt hinab zu seinen Freunden, wichtigen Männern wie er, die jeden Tag, wie er, in Milliarden denken, man wird sich nicht irritieren lassen von jenen paar Demonstranten, man glaubt an seinen Sieg. Es tut gut, dass die anderen hier das auch so sehen. Ja, es war gut, auch für ihn, dass er hier war, das ist die Botschaft, wir halten zusammen.

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