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Kurzarbeit: Wenn die Arbeit Pause macht

Die Zahl der Kurzarbeiter steigt rasant. Und das ist gut so. Denn die Alternative wäre Entlassungen. Auch wenn Kurzarbeit zwischen Ökonomen und Gewerkschaften umstritten ist: Für die Angestellten bringt das Modell auch neue Vorzüge - wie das Beispiel BASF zeigt.

Von Doris Schneyink

Die Krise hat auch ihre schönen Seiten: Edgar Wulf, 48, zum Beispiel hat jetzt jeden Freitag frei und will die Zeit für's Basketballspielen nutzen. "Wir sind natürlich superfroh, dass es der Freitag geworden ist."

Wir, das sind die Chemiearbeiter der BASF Coatings AG in Münster-Hiltrup. Das Unternehmen ist einer der weltweit führenden Autolacke-Hersteller - vom klassischen Silber für die Daimler-Limousine bis zur neuen Trendfarbe "Hot Choclate" für den BMW Mini.

Doch im Oktober und November 2008 brachen schlagartig die Aufträge um bis zu 30 Prozent weg; schon vor Weihnachten wurden die Arbeitszeitkonten der deshalb Mitarbeiter runtergefahren. Jetzt folgt der nächste, radikale Schritt: Kurzarbeit. Im westfälischen Hiltrup verzichten 1500 der 2100 Beschäftigten auf ein Fünftel ihrer Arbeitszeit. Wie viele seiner Kollegen ist Edgar Wulf geschockt, dass es überhaupt so weit kommen konnte. "BASF ist keine Klitsche. Wir hätten nie gedacht, dass bei uns die Arbeit knapp werden könnte." Er rechnet damit, dass er rund 150 Euro netto weniger auf dem Lohnzettel haben wird.

Die Zahl der Kurzarbeiter ist gestiegen

Deutschland im Winter: Es ist, als ob die Arbeit Pause macht. Nicht nur in Münster-Hiltrup. Tausende von Unternehmen haben ihre Produktion gedrosselt, und die Zahl der Kurzarbeiter ist gestiegen: Von 9000 im Dezember 2007 auf 300.000 nur ein Jahr später. Tendenz stark steigend. Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) sagt: "Wir sind auf einen großen Ansturm vorbereitet." 16 Milliarden Euro betragen die Reserven der Bundesagentur. Und Scholz ist entschlossen, einen Teil davon als gigantischen Rettungsschirm für den Arbeitsmarkt einzusetzen. Denn im Superwahljahr 2009 will die Bundesregierung alles tun, um den Anstieg der Arbeitslosenzahlen zumindest zu dämpfen.

Das kann teuer werden.

Denn das Kurzarbeitergeld beträgt 60 Prozent des ausgefallenen Nettolohns, für Beschäftigte mit mindestens einem Kind sind es 67 Prozent. Gerade erst hat die Bundesregierung die maximale Bezugsdauer des Kurzarbeitergeldes von bisher sechs auf 18 Monate verlängert. Und die Unternehmen müssen nur noch die Hälfte der Sozialabgaben übernehmen; bilden sie ihre Leute während der Kurzarbeit weiter, dann übernimmt die Bundesagentur sogar 100 Prozent der Sozialabgaben.

Die Gewerkschaften jubeln

Super, jubeln die Gewerkschaften. Denn die Beschäftigten behalten nicht nur ihre Jobs, auch der Verdienstausfall hält sich in Grenzen. Große Konzerne wie BASF oder Daimler stocken das Kurzarbeitergeld sogar nochmals auf, so dass der Ausfall höchstens zehn Prozent des Nettos beträgt.

Totaler Blödsinn, kritisieren dagegen Ökonomen wie der Kölner Wirtschaftsprofessor Johan Eekhoff. Die Unternehmen würden dank des staatlichen Geldsegens nur künstlich Mitarbeiter länger beschäftigen, die sie eigentlich nicht mehr bräuchten.

Aber das ist falsch. Denn anders als in anderen Krisen sind die Unternehmen in einer guten Verfassung. Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, sagt: "Unsere Unternehmen haben keine Strukturprobleme." Woran es fehlt, sind Aufträge.

"Wir brauchen unsere Stammbelegschaft"

Helmut Rödder, Vorstand von BASF Coatings, ist zuversichtlich, dass die wieder kommen werden. "Und wenn die Konjunktur anzieht, brauchen wir unsere Stammbelegschaft." Andere Lacke-Hersteller würden ihre Leute bereits entlassen. "Das halten wir für falsch", sagt Rödder. Notfalls will er die Kurzarbeitsphase auch über sechs Monate hinaus verlängern. "Wir haben einen langen Atem."

Genau das, was man braucht, wenn die Arbeit Pause macht.