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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: "Werden Sie bloß nicht krank!" - über den Bürokratiedschungel der Versicherungen

Versicherungen? Ein Elend für stern-Autorin Laura Karasek. Sie rät niemals krank zu werden – schon gar nicht im Ausland. Das koste immer extra und keiner erstatte einem irgendwas.

Von Laura Karasek

Verzweifelt im Bürokratiedschungel

Verzweifelt im Bürokratiedschungel

Was habe ich mich neulich wieder mit meiner Versicherung herumschlagen müssen, weil ich ein Hilfsmittel beantragt habe! Das Gerät ist teuer und mein Arzt hat schon fünf Seiten Antrag ausgefüllt. Liest sich wie eine Nahtoderfahrung, Lexikon der Gruseligkeiten, die Geisterbahn der Symptome lässt grüßen. Wenn es sich nicht um mich selbst handelte, würde ich denken, dort wird ein sehr alter, sehr schwacher, gebrechlicher, labiler Greis beschrieben. Dazu gab es zwei Gutachten. Dann musste ich selbst noch einen Fragebogen ausfüllen, meine Blutwerte der letzten sechs Monate eintragen, beantworten, ob ich Wein trinke oder sogar Fernet Branca satt Hirsemilch, ob ich womöglich Wurst esse, ungesättigte Fettsäuren zu mir nehme oder Radieschen – treibe ich Sport oder arbeite ich im Sitzen? Gut, jetzt werden Sie sagen: bei manchen Menschen muss man dafür nur auf deren Facebook-Profil gehen und schon erfährt man, ob der Quinoa-Brei heute mit Blaubeeren oder Petersilie dekoriert war und ob der Betroffene seinen Kaffee mit Milch trinkt, mittags Pilates am See macht oder Gonorrhoe hat.

 "Ich war nicht gierig, ich war bedürftig"

Ich wollte ja nur ein Messgerät und keinen neuen Whirlpool. Ich war nicht gierig, ich war schlicht bedürftig. Schamlos ausgenutzt wird man, wenn man nicht auf Augenhöhe ist. Es ist wie in allen asymmetrischen Beziehungen: Sie sind schwächer als ihr Gegenüber? Schnappen Sie sich eine Waffe oder bluffen Sie. Sonst wird man Sie so behandeln, wie die Kasse mich: mit einem sanften "Jammer nicht. Nimm doch ne Kassette auf, die Dir zuhört." Nachdem ich fünf Mal mit der Hotline – übrigens ein Euphemismus, denn HOT war da gar nichts... also ebenso wie der Begriff "fake news" letztendlich die Lüge adelt und den Bullshit als "news" deklariert, so gaukelt der Begriff "Hotline" einem hier vor, man sei an einem schnellen, glühenden, quasi brennenden Draht. Die Dame an der anderen Leitung klang aber weder besonders leidenschaftlich, was das Genehmigungsverfahren betraf, noch bot sie mir eine Lösung an. Ich solle meinen Arzt um eine genauere Diagnose bitten. Also wieder ein paar Stunden im Wartezimmer beim Arzt, wieder ein neues Rezept, neues Quartal, Karte einlesen, Kontingent fast erschöpft...

Demnächst muss man vermutlich noch ein Formular ausfüllen, um überhaupt einen Arzttermin zu bekommen – oder wenn man Zahnpasta oder Aspirin kauft.

Neulich erzählte mir ein befreundetes Paar, sie hätten sich in Frankfurt für eine Wohnung beworben. Bei dem Termin seien über achtzig Leute gewesen, manche hätten Pralinen, Wein, Champagner, selbstgebackene Chia-Kekse mitgebracht. Auch meine Freunde hatten ein Mäppchen gebastelt wie für eine Adoption - mit Hochzeitsfotos, Familienstammbaum, die Fotos hübsch verziert und umrahmt, sie spielerisch im Park mit Gänseblümchen in der Hand, er am Telefon als wichtiger Geschäftsmann. Demnächst bastele ich der Supermarktverkäuferin auch ein Poster mit Ferienbildern, damit ich bloß an meine Milch komme! Vielleicht hätte ich der Krankenkasse auch ein Mix-Tape aufnehmen, eine Spritze häkeln oder eine Pillen-Collage basteln sollen?!

Erneut musste ich die Hotline anrufen, da ich weder eine Bestätigungsmail noch ein Paket in der Post fand – in der Schlange nutzte mir auch meine Drohung, die Krankenkasse zu verlassen, wenig! Die wären ja nur froh, so einen Plagegeist wie mich loszuwerden. Sie könnten ebenso gut den Menschen damit drohen, Trump auf den Mond zu schießen...

"Bilden Sie sich bloß nichts drauf ein! Ich war auch mal jung. Vielleicht sogar jünger als Sie!" rief ich der Hotline-Mitarbeiterin, die scheinbar ein Schülerpraktikum bei der Krankenkasse machte, entgegen.

"Ich hasse Machtlosigkeit"

Ich war machtlos. Und ich hasse Machtlosigkeit. Ich machte dann noch den Fehler, meine Symptome online zu recherchieren. Googlen Sie niemals ein Symptom! Sonst werden Sie schnell feststellen, dass Sie an einer seltenen tödlichen Krankheit leiden, kurz vor einem Schlaganfall stehen oder jedenfalls in naher Zukunft an einem Blinddarmdurchbruch zugrunde zu gehen. Inzwischen gibt es ja sogar bots, apps, die einem bei Fragen rund um die Gesundheit eine Antwort liefern sollen und bei der Diagnose aus erlerntem Wissen die Antwort ableiten! Alles ist besser als noch ein Tag in der Hotline!

Mein Hilfsmittel kam nicht! Ich schluckte also diverse, via Internet (oder darknet?) bestellte Pillen aus China und Polen (einige wurden leider beim Zoll festgehalten und landeten niemals bei mir).

Aber kaum hatte ich meine Unterlegenheit, meine Niederlage gegenüber der Krankenkasse akzeptiert – nach drei Monaten Wartezeit, fünf Arztbesuchen, vier Hotline-Gesprächen und acht E-Mails – schon landete das Paket mit dem Hilfsmittel tatsächlich bei mir in der Post.

Mit dem Scheitern arrangiert, kommt auch schon die Bestätigung

Es ist wie überall im Leben: kaum findet man sich damit ab, dass es nicht klappt, klappt es plötzlich doch. Eben mit dem Scheitern arrangiert - kommt auch schon die Bestätigung. Wie der Ex, der immer auftaucht, wenn man gerade einen Neuen kennengelernt hat.

Gut, manchmal belügen wir uns vielleicht auch selbst, wenn der Ex sich wieder meldet: Ist er womöglich noch nicht über uns hinweg, weil er sich betrunken wieder whatsapp Nachrichten schreibt oder unsere Instagram Fotos liked? Oder könnte es sein, dass er einfach alle anderen Mädels aus seiner whatsapp Liste durchprobiert hat und wir eben die letzte Wahl sind? Ist er also sehnsüchtig oder einfach nur unbeliebt und verzweifelt?

A propos Ex: Glauben Sie an eine Freundschaft mit dem Ex? Ich schon, weil ich Menschen gern in meinem Leben behalte, denen ich einst nahestand, weil ich gern nostalgisch bin und mich gern in den Erinnerungen der anderen spiegele, – viele Männer sehen das leider anders: entweder haben sie noch ein sexuelles Interesse, das mit der Freundschaft kollidiert – oder sie haben eben keines mehr, was eine Freundschaft für sie dann irgendwie sinn- und reizlos macht.

Aber ich glaube daran! Jedenfalls mehr als ich an das Genehmigungsverfahren der Krankenkassen glaube ...