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Zum Schulbeginn: Warum Lehrer mit 500 Euro Kopfgeld in Schulen gelockt werden

Zum Schuljahresbeginn fehlen in Deutschlands Schulen Tausende Lehrkräfte. Wie die Behörden auf den Notstand reagieren.

Wie Länder Lehrer locken wollen

Unterricht in Deutschland: Wie Länder Lehrer locken wollen.

Lehrer gibt's im Kino, glaubt Michael Frost. Der Schuldezernent von Bremerhaven hat einen Werbespot drehen lassen, um "Meer Lehrerinnen und Lehrer" an die Küste zu locken. Die 90-Sekunden-Eloge auf die Stadt läuft nun in Bayern. Frost konnte nämlich 39 freie Stellen zu Schuljahresbeginn nicht besetzen. Es gab schlicht keine Bewerber. Er sagt: "Wir müssen dringend in der Ferne auf uns aufmerksam machen."
Er hat unter den Kollegen sogar ein Kopfgeld ausgelobt. Wer eine Lehrkraft anwirbt, bekommt 250 Euro geschenkt. Für einen Sonderpädagogen gibt es gar 500 Euro. Die Kommune übernimmt Fahrtkosten für Bewerbungsgespräche bis zu 500 Kilometer und überweist 1000 Euro Umzugsprämie. Und, ach ja, die Altersversorgung: "Wir verbeamten sofort!"


Länder auf Jagd nach Lehrern

Frost ist Kämpfer in einer bundesweiten Rekrutierungsschlacht: Wie nie zuvor jagen sich die Länder Pädagogen ab. Fast überall herrscht akuter Lehrermangel, vor allem in Grundschulen. Gut 750.000 Lehrerjobs gibt es in Deutschland – laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sind im Sektor "Erziehung und Unterricht", zu dem Lehrer zählen, derzeit 45.000 Stellen nicht besetzt. Zwar hat die Kultusministerkonferenz schon vor Jahren die grenzüberschreitende Abwerbung zum Tabu erklärt. Inzwischen sind in den Behörden aber alle Hemmungen bei der Suche gefallen.
Der Druck ist immens. Erstens steigen die Schülerzahlen, vor allem wegen der Zuwanderung. Zweitens müssen Lehrer immer mehr Zusatzaufgaben stemmen, etwa die Inklusion. Drittens gehen derzeit viele Tausende Lehrer der Babyboomer-Jahre in Pension. Zudem haben zahlreiche Universitäten, etwa in Nordrhein-Westfalen, das Grundschulstudium zum Masterstudium verlängert, was die Zahl der Absolventen erst mal verringert. "Der Markt ist wie leer gefegt", sagt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung.


Niedersachsen konnte nach den Sommerferien nur 2040 von 2700 ausgeschriebenen Stellen besetzen. SPD-Kultusministerin Frauke Heiligenstadt hat deshalb einen "17-Punkte-Aktionsplan zur Lehrkräftegewinnung" wie einen Köder in den Medien ausgelegt. Danach erhalten Pensionsanwärter, die weitermachen, einen achtprozentigen Gehaltszuschlag. Und selbst Akademiker ohne Lehramtsausbildung bekommen unbefristete Verträge. "Die nehmen jeden, der nicht bei drei auf den Bäumen ist", sagt ein Rektor.

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Soziale Brennpunkte schrecken Pädagogen ab

Besonders schwierig ist es in Regionen mit sozialen Brennpunkten. In Duisburg etwa wurden zum neuen Schuljahr 70 Stellen für die 76 Grundschulen ausgeschrieben – gerade einmal drei konnten besetzt werden. Für 14 Stellen als Vertretungsreserve fand das Schulamt nicht einen einzigen Kandidaten. Ähnlich in Berlin. Zwar meldet Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), der Unterricht sei gesichert. Tatsächlich kann auch sie die Lücken fast nur mit Quereinsteigern und Ruheständlern füllen. Ihre Behörde buhlt nun in Wien mit Sprüchen wie "Berliner Schnauze statt Wiener Schmäh" um wechselwillige Grundschullehrer. Anreiz: 500 Euro mehr Gehalt.


Wer nicht mit Lohnplus werben kann, leidet. Zum Beispiel Sachsen. Ein Sprecher des Kultusministeriums murrt: "Hier werden bereits geschlossene Arbeitsverträge kurzfristig gekündigt, um besser dotierte Stellen in anderen Bundesländern anzunehmen." Voll ausgebildetes Personal ist kaum mehr zu bekommen, die Seiteneinsteigerquote liegt bei 45 Prozent.

Stellenabbau bei Lehrern

Die Gewerkschaften werfen der Politik vor, über Jahre beim Personalmanagement versagt zu haben. Zu wenig Lehramtsstudenten, zu viel Stellenabbau. Dabei sind die Folgen des Lehrermangels drastisch. Laut OECD ist Unterrichtsausfall bei Kindern ein wesentlicher Faktor für schlechte schulische Leistungen.
Um den künftig auszuschließen, tüftelt Dezernent Frost schon an einer neuen Idee: Bremerhaven soll die Lehrer für die Zukunft mithilfe der Uni Oldenburg selbst ausbilden und halten. Lockmittel für Studierende: ein Stipendium aus dem Stadtsäckl.

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