Maßnahmen gegen die Krise Warum Lohnverzicht schädlich sein kann


Lohnkürzungen statt Entlassungen: Daimler hat es vorgemacht, andere Unternehmen wollen folgen. Ökonomen sehen diese Entwicklung kritisch: Wenn das Beispiel Schule macht, könnte eine gefährliche Deflation Deutschland heimsuchen - und die Krise verschärfen.
Von Sönke Wiese

1,3 Milliarden Euro Verlust, ein Drittel weniger verkaufte Fahrzeuge. Die Zahlen zum ersten Quartal 2009 von Daimler waren desaströs. Der Konzern beschloss daraufhin drastische Maßnahmen: Um zwei Milliarden Euro sollen die Personalkosten gesenkt werden. Für die 73.000 Beschäftigten, die nicht in Kurzarbeit sind, wird die Arbeitszeit deshalb um 8,75 Prozent gekürzt. Einen Lohnausgleich gibt es nicht. Der Deal: Im Gegenzug gibt es keine Kündigungen.

Die Betriebsräte akzeptierten das Modell, und so könnte Daimler zum Vorzeige-Konzern für Lohnverzicht werden. Weitere deutsche Unternehmen wollen folgen. Königsweg oder Falle?

Ökonomen sind in Sorge: "Wenn der Lohnverzicht Schule macht, haben wir ein großes Problem", sagt beispielsweise Peter Bofinger, der eher links orientierte Wirtschafsweise. Er sieht einen "Riesenkonflikt" zwischen betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Interessen - was für ein einzelnes Unternehmen gut ist, kann sich für die deutsche Wirtschaft insgesamt als gefährlich herausstellen. "Einerseits hilft das Modell den Unternehmen, individuell ihr Überleben zu sichern. Andererseits erhöhen umfangreiche Lohnkürzungen die Gefahr einer Deflation." Bei einer Deflation findet ein enormer Preisverfall bei Waren und Dienstleistungen statt.

So sollte das Mittel der Lohnkürzung sehr behutsam eingesetzt werden, sagt Bofinger. Eine gemeinsame konzertierte Aktion könnte helfen, solche Maßnahmen koordiniert und in einem sinnvollem Rahmen umzusetzen. "Kollektive Probleme kann man nur kollektiv lösen."

Lesen Sie in der linken Spalte, welche Vorteile sich Unternehmen von Lohnkürzungen versprechen und wie es dadurch zu einer Deflation kommen kann.

Warum sind überhaupt Kürzungen bei den Personalkosten notwendig?

Verkäufe brechen ein, Aufträge bleiben aus: Immer mehr Unternehmen geraten unter Druck, wie zum Beispiel Arcandor, SAP oder der Maschinenbauer Heidelberger Druck. "Die Schockwelle, die als erstes die Industrie erwischt hat, wird sich im Dienstleistungsbereich fortsetzen", sagt Wirtschaftsweiser Peter Bofinger. Wollen sie die Wirtschaftskrise halbwegs unbeschadet überstehen, sind viele Firmen gezwungen, massiv zu sparen. Größter Kostenfaktor ist meistens das Personal. Hier lassen sich Einsparungen am schnellsten und effektivsten umsetzen.

Zudem scheuen Unternehmen größere Kostensenkungen in anderen Bereichen wie Vertrieb, Marketing, Entwicklung und Forschung - gerade auch in schwierigen Zeiten. Denn Einsparungen in diesen Bereichen bergen die Gefahr, den Anschluss an Wettbewerber für immer zu verlieren.

Warum setzen Unternehmen nun auf Lohnkürzung statt Kündigungen?

Für die Senkung von Personalkosten ist eine radikale Maßnahme kurzfristig am wirkungsvollsten: der Arbeitsplatzabbau. Dieser harte Schritt mag Unternehmen auf den ersten Blick verführerisch erscheinen, weil sie zurzeit ihre Angestellten ohnehin nicht voll beschäftigen können - so könnten sie Überkapazitäten abbauen und sparen.

Doch massenhafte Kündigungen können sich später als Bumerang erweisen. Wenn sich die Wirtschaft erholt, wird das Personal wieder gebraucht. Zunächst Arbeitskräfte entlassen, dann wieder neue finden und einarbeiten: Das ist teuer und zeitaufwendig. Zumal im Aufschwung auch andere Firmen um die guten Fachkräfte buhlen.

Wenn das Unternehmen im Kern gesund ist und keine grundsätzlichen Veränderungen in der Personalstruktur notwendig sind, gilt also die Devise: Entlassungen vermeiden. Sind Einsparungen bei den Personalkosten unausweichlich, lässt sich auch mit den Arbeitnehmervertretern leichter über Lohnverzicht als über Kündigungen verhandeln. Ebenso sind weniger Einmischungen aus der Politik zu erwarten: Vorübergehende Gehaltskürzungen lassen sich leichter vermitteln als ein Arbeitsplatzabbau.

Wie funktioniert Kurzarbeit?

Wenn es entsprechende Tarifvereinbarungen getroffen wurden, können Unternehmen die sogenannte Kurzarbeit einführen, um Entlassungen zu vermeiden. Dann wird für einen befristeten Zeitraum - zurzeit bis zu 18 Monate - die Arbeitszeit der Beschäftigten verkürzt, ihr Gehalt entsprechend. Der Staat gleicht mit dem sogenannten Kurzarbeitergeld bis zu 67 Prozent der Einkommensverluste aus. Im Gegenzug garantieren die Unternehmen den betroffenen Angestellten den Erhalt ihres Jobs für die Dauer der Kurzarbeit.

Warum forciert die Regierung die Kurzarbeit?

Die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD weitet den Einsatz der Kurzarbeit immer mehr aus: Ursprünglich zahlte der Staat das Kurzarbeitergeld nur bis zu sechs Monate, zurzeit sind es 18 Monate, demnächst soll es auf bis zu 24 Monate ausgedehnt werden. Die Pläne kommen aus der SPD, aber die Union zieht mit. Der Hintergrund ist klar: Mindestens bis zur Bundestagswahl sollen so viele Entlassungen wie möglich vermieden werden. Aber hinter dem Instrument steckt nicht nur politisches Kalkül: Kurzarbeiter kosten den Staat unter dem Strich auch weniger als Arbeitslose.

Welche Modelle von Lohnverzicht gibt es?

Grundsätzlich ist ein Lohnverzicht ein Pakt zwischen Arbeitgeber und Angestellten: Für eine befristete Spanne nehmen die Beschäftigten Gehaltseinbußen hin, dafür erhalten sie in dieser Zeit eine Jobgarantie - das Unternehmen darf sie nicht entlassen.

Die konkrete Umsetzung hängt vom arbeitsrechtlichen Rahmen, den Branchen-Tarifverträgen und den Verhandlungen mit Betriebsräten und Gewerkschaften ab. So gibt es in deutschen Unternehmen unterschiedlichste Varianten des Modells. Beispielsweise bei Daimler gibt es einen Lohnverzicht entsprechend der Arbeitszeitverkürzung, beim Dübelhersteller Fischer dagegen sogar einen Lohnverzicht bei gleichzeitiger Erhöhung der Arbeitszeit.

Wie können Lohnkürzungen zu einer Deflation führen?

"Man kann ein einzelnes Unternehmen nicht dafür kritisieren, wenn es sich in der Not für Lohnkürzungen entscheidet", sagt Peter Bofinger. Gleichwohl tut sich ein Dilemma auf: Führt ein Konzern wie Daimler dieses Modell ein, wären andere Unternehmen gut beraten, dem Beispiel zu folgen. Warum sollten sie den Kostenvorteil dem Konkurrenten überlassen?

Aber was betriebswirtschaftlich sinnvoll ist, kann der Volkswirtschaft insgesamt schaden. Der Teufelskreislauf: Niedrigere Löhne führen zu einer geringeren Kaufkraft, die Konsumenten haben weniger Geld zur Verfügung. Daraufhin sinkt die Nachfrage weiter, die Anbieter müssen ihre Preise senken. So schmelzen die Gewinne bzw. erhöhen sich die Verluste der Unternehmen, und sie geraten noch stärker unter Einsparungsdruck. Weitere Lohnkürzungen oder Entlassungen sind die Folge - die Nachfrage sinkt noch stärker. Ein allgemeiner Preisverfall findet statt, die Wirtschaft gerät in die Deflationsspirale.

Warum ist eine Deflation gefährlich?

Bei einer Deflation sinken die Preise von Waren und Dienstleistungen - auf den ersten Blick gut für den Verbraucher: Er bekommt mehr für sein Geld. Dennoch führt eine Deflation in einer Wirtschaftskrise gewöhnlich nicht zu einer stärkeren Nachfrage. Im Gegenteil: Die Menschen denken in einer Rezession pessimistisch, erwarten noch schlechtere Zeiten - und halten sich mit Ausgaben zurück. Dazu kommt, dass sie bei einer dauerhaften Deflation immer noch weiter sinkende Preise erwarten und ihr Geld für einen "günstigeren" Zeitpunkt sparen. Ähnlich reagieren Unternehmen: Sie halten sich mit Investitionen zurück. Im schlimmsten Fall bricht die allgemeine Nachfrage dauerhaft ein. Japan hat diese bittere Erfahrung in den 1990er Jahren gemacht - und sich davon bis heute nicht richtig erholt.


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