Skihallen Der weiße Wahnsinn


Riesige Skihallen sollen in Krisenregionen Jobs schaffen und Touristen locken. Ob das funktioniert, ist fraglich. Sicher ist nur so viel: Sie verschlingen Millionen Steuergelder

Wittenburg, Mecklenburg-Vor pommern. Aldi und Lidl säumen die Hauptstraße. Hinter dem Penny-Markt steht der Neubau der Stadtverwaltung. Bürgermeister Norbert Hebinck, parteilos, referiert die Lage: 10 Prozent seiner Bürger seien im vergangenen Jahrzehnt abgewandert, 14 Prozent seien arbeitslos - für die Region vergleichsweise gute Werte, aber gute Laune machen sie nicht. "Der Ort hat keinen hohen Freizeitwert", klagt Hebinck. "Wir liegen im Abseits." Umso hoffnungsvoller deutet er auf eine Luftaufnahme von Wittenburg. Direkt neben dem Ort liegt eine 34 Hektar große Wiese. Einst plante die Bahn dort eine Betriebsstätte für den Transrapid Hamburg-Berlin. Der kam nicht. "Dann kam er", sagt der Bürgermeister. "Das ist ein Tausendsassa. Der macht nur ganze Sachen."

Gemeint ist Hans-Gerd Hanel. Vor den Baucontainern, die der "Tausendsassa" auf die Wiese gestellt hat, entfaltet sich ein futuristisches Panorama. In der Mitte wachsen drei Häuser im Alpen-Look aus dem Boden, dahinter schießt eine gigantische Rampe in den Himmel. Arbeiter hangeln an Stahlträgern, schrauben und schweißen. Am 8. Dezember will Hanel den "Snow Funpark Wittenburg" eröffnen: Skihalle, Kartbahn, Hotel, Open-Air-Arena, Kinderspielplätze und reichlich DJ-Ötzi-Alarm. Wittenburg wird dann aussehen, als wäre am Ortsrand ein Ufo gelandet. Ein Ufo, das auch der Steuerzahler betankt hat.

Mecklenburg-Vorpommern ist wirtschaftliches Notstandsgebiet. Viel Grün, etwas Tourismus, kaum Industrie. Die Schweriner Landesregierung versucht gegenzusteuern: Allein im Jahr 2004 pumpte sie rund 1,5 Milliarden Euro Steuergelder in die Wirtschaftsförderung. "Im Prinzip läuft keine Investition mehr ohne Fördermittel", sagt Christian Schwießelmann vom Bund der Steuerzahler. Selbst der Lebensmittel-Multi Dr. Oetker, der in Wittenburg eine profitable Tiefkühl-Pizza-Produktion betreibt, ließ sich 2004 einen Erweiterungsbau bezuschussen. Fünf Jobs entstanden. Der Landesregierung war das eine Pressemitteilung wert. Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) ist gebürtiger Wittenburger. Hans-Gerd Hanel, ein hemdsärmeliger Hamburger, der mit Kühl- und Klimatechnik zu Geld gekommen ist, denkt und kassiert in größeren Dimensionen: Er will 74,3 Millionen Euro verbauen und 300 Jobs schaffen. Das Land steuert 17,4 Millionen Euro Subventionen bei.

Angefangen hat alles im rheinischen Neuss. Johannes Janz und August Pollen dürfen sich als Pioniere des Gewerbes fühlen. Für ihre Idee, eine Skihalle zu eröffnen, hatten Banker und Staat Ende der Neunziger keinen Cent übrig, obwohl es schon Vorbilder in den Niederlanden gab. Die Familie Viehoff, Ex-Allkauf-Besitzer, sprang als Geldgeber ein. Im Jahr 2001 war die Metallbox auf einer stillgelegten Mülldeponie fertig. Für die Piste, 300 Meter lang und 60 Meter breit, brauchen geübte Skifahrer etwa eine Minute. Innen riecht es ein wenig nach Chemie, der Kunstschnee blinkt im Neonlicht. Laut Betreiber Pollen kamen im vergangenen Jahr 1,2 Millionen Besucher. Ein Drittel nutzte die Halle, zwei Drittel vergnügten sich bei Skihasen-Partys, an der Kletterwand vor der Halle oder gingen im Sportladen shoppen. Die Skihalle allein, das zeigte das Neusser Experiment, lässt sich aufgrund der hohen Strom- und Personalkosten kaum profitabel betreiben. Also jonglieren Janz und Pollen auch mit dem Personal. Zu den 120 Festangestellten kommen, je nach Bedarf, 60 Teilzeitkräfte und 60 Jobber. Darunter viele "Gläserflitzer", wie Pollen sie nennt - Aushilfen mit Aushilfslöhnen.

Das Neusser "Jobwunder" hat Kommunen in ganz Deutschland angefixt. "Viele Bürgermeister träumen von Skihallen", sagt Jürgen Schmude, Wirtschaftsgeograf an der Universität Regensburg. "Sie rufen bei uns an und stellen nur eine Frage: Macht das in unserer Stadt Sinn?" Die Erfahrungen sind mau. Das Alpincenter in Bottrop häufte Verluste an, 2004 stieg ein niederländischer Investor ein, der das Gelände derzeit zum Sportpark ausbauen lässt - Ende offen. Im brandenburgischen Senftenberg steht ein Freizeitcenter mit 130-Meter-Piste, ein eher halbherzig eingerichteter Winterspielplatz für Anfänger. Überall in der Republik sind Hallen im Gespräch, aber mangels Geldgeber nicht realisiert. Die Renditen seien bei erfolgreichen Hallen zwar höher als bei Bürogebäuden, erklärt Thomas Beyerle, Chefanalyst der Allianz-Dresdner-Immobiliengruppe. Aber das Geschäft habe "extrem hohe Risiken". Was Beyerle damit meint, ist aus Neuss bekannt: Im Sommer ist die Auslastung schlecht.

Hans-Gerd Hanel macht in Optimismus. "Wir hoffen auf eine Million Besucher", sagt er. Zielgruppe ist vor allem das skivernarrte Hamburger Publikum. Doch das hat inzwischen die Wahl. Seit Oktober ist der "Snow Dome" im niedersächsischen Bispingen eröffnet, finanziert von den Tiroler Bergbahnen Sölden. Die Halle ist mit 35 Millionen Euro Gesamtkosten, davon 5 Millionen Steuergeld, das kleinere Projekt. Aber es liegt in einer funktionierenden touristischen Landschaft. Vor der Halle knattert Ralf Schumachers Kartbahn, der Centerpark ist um die Ecke, der Heidepark Soltau nicht einmal 20 Kilometer entfernt. Rund um Wittenburg sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht.

Es sei viel "Herzblut" in das Projekt geflossen, sagt Hanel. Und 20 Millionen Euro selbst aufgebrachtes Kapital. Subventionen sind für ihn nicht anrüchig, sondern eine notwendige Hilfe. Die beschränkt sich nicht nur auf den direkten Einsatz von Steuergeld. Macht die Halle Verlust oder braucht sie Kredit, hilft der Staat mit Steuerabschreibungen. Und die Gegenleistung? Die 300 Jobs, die Hanel schaffen will, seien alle sozialversicherungspflichtig, beteuert der Macher. Das Wirtschaftsministerium in Schwerin gibt indes zu, dass die Art der Arbeitsverhältnisse nicht definiert sei. Außerdem müssten die Jobs nur fünf Jahre gehalten werden. Glücksspiel mit Steuergeld.

Bürgermeister Hebinck ficht das nicht an. "Das hat Wittenburg keinen Cent gekostet", sagt er über den Funpark. Pastor Martin Waack meint, die Wittenburger würden zwar Witzchen darüber reißen, dass da jemand im Sommer Ski fahren soll, seien aber nicht gegen die Halle. Ulrike Seemann-Katz, Landesgeschäftsführerin der Grünen, hält schon aus Klimaschutzgründen nichts von dem Energie fressenden Ungeheuer. Die Subventionen seien fehlgeleitet, aber nicht unüblich. "Man versucht, Investoren herzubekommen, koste es, was es wolle", sagt Seemann-Katz. "Wirtschaftsminister Otto Ebnet hat kürzlich gesagt, es sei ihm egal, ob jemand Hosenträger oder Raumgleiter herstellt, Hauptsache, er siedele sich an." Wirtschaftsförderung, Methode Holzhammer. "Die Phase der großen Freizeitimmobilien ist fast schon wieder vorbei", sagt Marktexperte Thomas Beyerle. "Wir sehen derzeit keinen Anlass, in Skihallen zu investieren."

Lutz Kinkel print

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