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Teilzeit-Arbeit: "Dann geh' doch zu Aldi"

Offiziell geben sich viele Firmen familienfreundlich. Tatsächlich machen sie jungen Müttern, die Teilzeit arbeiten wollen, das Leben schwer: Sie werden degradiert und mit Abfindungen herausgedrängt. Drei Fälle aus der Welt der Banken.

Von Doris Schneyink

Nein, ihren echten Namen möchte sie auf keinen Fall nennen, sie fürchtet Repressalien durch ihren Arbeitgeber, die Deutsche Bank. Nennen wir sie also Britta Kunstmann. Die 34-jährige Bankerin hat jahrelang im Controlling des Finanzkonzerns gearbeitet. Ihre Leistungen waren immer top, entsprechend hoch die jährlichen Bonuszahlungen. Alles läuft bestens - bis zu dem Tag, an dem Britta Kunstmann schwanger wird. "Für meinen Mann und mich war immer klar, dass wir Kinder haben möchten, und wir haben uns total gefreut", sagt sie. Wie die Mehrzahl der Frauen in Deutschland wünscht sich die Controllerin beides, Kinder und Karriere. "Ich dachte, das wird kein Problem, die Deutsche Bank gilt ja als sehr fortschrittlich."

Wollte beides: Kind und Karriere

Tatsächlich wird die Bank für ihre "familienfreundliche Personalpolitik" mit Preisen gewürdigt. Erst im Juni verlieh ihr Ministerin Ursula von der Leyen das Gütesiegel "Beruf und Familie" der gemeinnützigen Hertie-Stiftung. Die Auszeichnung ist begehrt in der Wirtschaft - sie ist gut fürs Image und hilft im Wettbewerb um knapper werdende Fach- und Führungskräfte. Wer es haben möchte, muss Teilzeit und Tele-Arbeit anbieten und seine Führungskräfte dazu verdonnern, die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere zu verbessern. "Sie sind klasse Vorreiter", lobte die Ministerin den Personalleiter der Deutschen Bank, Joachim Horras. Der lobte sich selbst: "Die Mehrzahl unserer Mitarbeiter möchte Karriere mit Kindern verbinden. Diesem Bedürfnis kommen wir mit zahlreichen Maßnahmen entgegen. Nur so können wir qualifizierte Mitarbeiter halten."

Britta Kunstmann ist eine qualifizierte Mitarbeiterin. Schon acht Monate nach der Geburt möchte sie wieder in ihrem alten Job arbeiten und einen Teil von zu Hause aus erledigen. "Früher habe ich meine Überstunden immer von zu Hause aus erledigt, das war kein Problem", sagt Britta Kunstmann. Jetzt ist es eins. Telearbeit gehe nicht, sagt die Personalabteilung. Und unter Teilzeit versteht die familienfreundliche Bank, zwei Wochen voll und zwei Wochen gar nicht zu arbeiten. Ein Rhythmus, der für Britta Kunstmann nicht zu organisieren ist. Schließlich, so die Controllerin, habe man ihr einen "Hiwi-Job" angeboten, für den sie völlig überqualifiziert ist. "Nach wenigen Monaten hätte man die Stelle nach Indien oder auf die Philippinen verlagert und mir betriebsbedingt kündigen können", fürchtet Britta Kunstmann.

Kein Einzelfall

Sie ist schockiert. Und hört von anderen jungen Müttern, die bei der Bank ähnliche Schwierigkeiten haben. Einige hätten nach monatelangem Gezerre zermürbt Aufhebungsverträge akzeptiert. Auch sie habe ein solches Angebot erhalten. Britta Kunstmann akzeptiert nicht, sondern zieht vor Gericht. "Die meisten Frauen stehen einen solchen Konflikt nicht durch und geben vorher auf, aber ich wollte mich einfach nicht abspeisen lassen", sagt die Controllerin.

Der Arbeitsrechtler Martin Müller von der Frankfurter Kanzlei Groll und Partner sagt: "Die Deutsche Bank zieht das eiskalt durch. Der Teilzeitwunsch der Frauen wird häufig abgelehnt, und dann haben die Frauen ein Problem: Entweder sie akzeptieren eine Vollzeitstelle, was wegen der mangelnden Kinderbetreuung nicht geht. Oder sie kündigen. Dann haben sie zwar Zeit für ihr Kind, aber keinen Job." Doch nicht nur die Deutsche Bank, auch andere Unternehmen nutzten Teilzeitanträge "als Instrument, um Mitarbeiter herauszudrängen", sagt Müller.

Bank streitet Vorwürfe ab

Bei der Deutschen Bank sieht man die Mütter-Frage ganz anders und weist die Vorwürfe "entschieden" zurück. Und dann liefert die Bank ihre Zahlen: "2006 beendeten knapp 700 Mitarbeiter ihre Elternzeit. 74 Prozent davon kehrten in ein aktives Beschäftigungsverhältnis zurück. Davon entschieden sich 86 Prozent für Teilzeit." Zudem unterstütze die Bank ihre Mitarbeiterinnen mit einer "Vielzahl von Maßnahmen", um Beruf und Familie zu vereinbaren, zum Beispiel mit Teilzeit, Telearbeit, Jobsharing sowie eigenen Kindertagesstätten.

Seit 2005 habe die Bank 1500 neue Mitarbeiter in Deutschland eingestellt. Im "Monitor Familienforschung" des Bundesfamilienministeriums heißt es: "Fast die Hälfte aller jungen Mütter fühlt sich unfreiwillig vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen." Zwei Drittel aller Frauen mit Kindern unter drei Jahren wünschen sich eine Teilzeitbeschäftigung, jedoch nur für 15 Prozent wird dies Realität.

Die Gründe für diese gewaltige Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegen auf der Hand: zu wenig Krippenplätze, massive Vorurteile gegenüber Teilzeit bei den Chefs und - Personalabbau. So haben Banken und Versicherungen in den vergangenen Jahren rund 55.000 Stellen gestrichen. Die Finanzbranche ist die einzige, die nicht vom momentanen Jobboom profitiert, sondern noch weiter abbaut. Da sind Frauen in Elternzeit willkommene Opfer. Christina Frank, bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zuständig für Banken und Versicherungen, berät betroffene Frauen und sagt: "Mütter passen bei Umstrukturierungen gut ins Konzept, erst wird ihnen die Rückkehr in Teilzeit verwehrt und dann enormer Druck gemacht, dass sie gehen sollen."

Auf keinen Fall ein zweites Kind

Diesen Druck hat auch Svenja Bischoff*, 32, zu spüren bekommen. Seit zwei Jahren versucht sie bei ihrem Arbeitgeber, einer Genossenschaftsbank in Süddeutschland, ihr Recht auf Teilzeit durchzusetzen. Zunächst erfolglos. "Eine stundenweise Beschäftigung ist mit einer komplexen Personalplanung und -disposition verbunden und im Moment nicht möglich", schrieb die Personalabteilung. Dumme Ausreden, findet Svenja Bischoff. "Ich habe mich mit einer Kollegin um eine Stelle beworben, das Jobsharing hätten wir selbst organisiert, die hätten sich um nichts kümmern müssen." Sie geht zum Vorstandsvorsitzenden und will wissen, warum es in einer Bank mit 300 Mitarbeitern nicht möglich sei, Teilzeit zu arbeiten. Der sagt: "Sie können doch bei Aldi oder Lidl fragen, ob die jemanden an der Kasse brauchen." "Da stieg wirklich Wut in mir hoch", sagt Svenja Bischoff.

Sie geht vor Gericht. Doch der Rechtsstreit zieht sich monatelang hin. Ihre Elternzeit läuft aus, und sie beginnt gezwungenermaßen Vollzeit zu arbeiten. Ihr kleiner Sohn geht bis um 16 Uhr in den Kindergarten, danach holen die Tagesmutter, die Oma oder ihr Mann, der im Schichtdienst arbeitet, den Kleinen ab. "Das war ganz schön stressig", sagt Svenja Bischoff. Aber ihr Einsatz hat sich gelohnt - die Bank bietet ihr nun doch eine Teilzeitstelle an. Richtig freuen kann die Bankkauffrau sich darüber noch nicht. "Der Streit hat mir sehr zu schaffen gemacht, ich konnte monatelang nicht schlafen", sagt sie. Ob sie sich ein zweites Kind wünscht? "Auf keinen Fall."

"Wie im schlechten Film"

Elisabeth Keßeböhmer, stellvertretende Personalleiterin der HSH Nordbank, Hamburg und Kiel, weiß um die Praktiken in der Branche: "Natürlich gibt es Kollegen in anderen Unternehmen, die sagen: 'Komm, wir bieten den Müttern in Elternzeit einen Aufhebungsvertrag an', schließlich wollen wir Personal abbauen." Die HSH Nordbank habe sich bewusst dagegen entschieden. "Wir möchten Frauen fördern", sagt Elisabeth Keßeböhmer. Selbst in Führungspositionen sei Teilzeit möglich. "Aber dann sollte man 30 Stunden arbeiten, so kann man sehr präsent sein und seinen Aufgaben gerecht werden", sagt die Personalmanagerin. Wer sich als Frau in Teilzeit weiterentwickeln wolle, müsse flexibel sein, auch mal zwei Tage durcharbeiten oder abends eine Telefonkonferenz mit New York abhalten. "Das lässt sich mit Notebook und Blackberry gut gestalten", findet Elisabeth Keßeböhmer.

Genau so hatte Magdalena Bruhns* (Name von der Redaktion geändert) sich ihr Arbeitsleben mit Kind vorgestellt. Doch dann kam alles ganz anders. Inzwischen hat sie sogar gekündigt. "Ich dachte immer, Diskriminierung ist ein Wort aus dem letzten Jahrhundert, aber plötzlich steckst du mittendrin, wie in einem schlechten Film", sagt die 35-Jährige. Die Ökonomin hat für ihren Arbeitgeber, eine internationale Privatbank, eine neue Abteilung aufgebaut und sie erfolgreich geleitet. Alles läuft bestens - bis sie schwanger wird. Als ihr Chef fragt, welchen Job sie nach der Elternzeit gern hätte, denkt sie: "Blöde Frage", und sagt selbstbewusst: "Meinen alten. In Teilzeit." Das missfällt ihrem Chef. "Der hat erwartet, dass ich als Bittstellerin auftrete", sagt Magdalena Bruhns.

"Frauen mit kleinen Kindern sind enorm motiviert"

Was für sie selbstverständlich ist, nämlich ihre Abteilung mit 30 Stunden in der Woche zu organisieren, ist für ihren Chef undenkbar. Er degradiert sie und bietet ihr eine Arbeit als einfaches Teammitglied an. Oder im Callcenter. Magdalena Bruhns hat sich darüber wahnsinnig geärgert. "Männer können sich Führungspositionen nur in Vollzeit vorstellen. Ich bin mir sicher, dass ich es geschafft hätte."

Die Wirklichkeit gibt ihr Recht. So zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Die Wirtschaft profitiert von Teilzeit. Sie fördert nachweislich die Produktivität und Flexibilität der Unternehmen. Der DIHK-Präsident und Konzernchef Ludwig Georg Braun weiß das aus eigener Erfahrung. Er bietet sei- nen Mitarbeitern großzügige Teilzeitmodelle an. Dadurch spart er nach eigenen Aussagen nicht nur 250.000 Euro im Jahr, sondern hat auch sehr engagierte Mitarbeiterinnen. "Wir stellen fest, dass junge Frauen mit kleinen Kindern enorm motiviert sind, wenn ihnen die Firma eine Balance von Familie und Arbeit ermöglicht", sagt Braun. Britta Kunstmann, Magdalena Bruhns und Svenja Bischoff haben, wenn überhaupt, nur mit großem Druck die Chance erhalten, das zu beweisen.

* Namen von der Redaktion geändert.

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