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Attacken auf Manager: Die Wut erreicht die Straße

Manager werden als Geiseln genommen, Banker bedroht, Villen attackiert. Der Unmut über die Verantwortlichen der Wirtschaftskrise erreicht eine neue Dimension: Die allgemeine Wut richtet sich zunehmend gegen Einzelpersonen.

Von L. Meier, S. Bräuer, T. Kroder und L. Heiny

Luc Rousselet kennt seinen Geiselnehmer. Seit Jahren gehen er und Laurent Joly jeden Morgen durch das gleiche Werkstor. Als am Dienstagabend die Belegschaft das Werksgelände verlässt, sind die beiden nicht dabei. Joly, der seit elf Jahren in der Fabrik in Pithiviers nördlich von Paris arbeitet, hat zusammen mit Kollegen den Frankreich-Chef der US-Büromaterialfirma 3M in seinem Büro als Geisel genommen. "Wir haben keine andere Munition als die Festsetzung der Verantwortlichen", rechtfertigt sich Joly.

Die Ratlosigkeit ist in Radikalität umgeschlagen. Es geht um Arbeitsplätze. Hunderte Existenzen stehen auf dem Spiel. Allein in der Niederlassung Pithiviers soll jeder Zweite gehen. Es ist bereits die zweite Geiselnahme eines Managers in Frankreich binnen zwei Wochen. Am 13. März hatten wütende Arbeiter einer Sony-Fabrik bei Bordeaux den Frankreich-Chef des Konzerns für eine Nacht als Geisel genommen. Nach neuen Verhandlungen über die geplanten Werksschließungen wurde er wieder freigelassen. Für Luc Rousselet brach am Mittwoch die zweite Nacht in Geiselhaft an. Erst in der Nacht zum Donnerstag kam er frei.

Die Stimmung wird immer aggressiver

Seit Wochen treiben die Wut und die Verunsicherung über die Krise die Menschen weltweit auf die Straßen. In den vergangenen Tagen haben die Ereignisse allerdings eine neue, aggressivere Dimension erreicht: Es wird persönlich. In Frankreich, Großbritannien und den USA werden Manager und Banker zur Zielscheibe des Zorns: Geiselnahmen, Morddrohungen, Angriffe auf das Eigentum. Es ist keine abstrakte Wut mehr auf "gierige Banker" - die Drohungen und Bedrohungen sind ganz konkret.

In Deutschland scheint es dabei noch friedlich zuzugehen. Doch für Experten ist es nur eine Frage der Zeit - Angst, Unzufriedenheit und Empörung nehmen mit jeder Schreckensmeldung zu. "Solche Proteste sind ein internationales Phänomen: Die sozialen Verwerfungen nehmen in allen Ländern erheblich zu", sagt Martin Diewald, Lehrstuhlinhaber für Soziologie an der Universität Bielefeld. "Auch in Deutschland wird es zu größeren Ausbrüchen kommen." Vor "sozialen Konflikten in diesem Land, dass es knallt", warnt auch Michael Sommer, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Selbst Bundespräsident Horst Köhler mahnt: "Wir werden Ohnmacht empfinden und Hilflosigkeit und Zorn."

Auch in England regt sich der Volkszorn

In Großbritannien hat sich dieser Zorn bereits entladen. In der Nacht zu Mittwoch zertrümmerten in der Nähe von Edinburgh Unbekannte mit Steinen die Scheiben der Sandsteinvilla von Fred Goodwin, Ex-Chef der Royal Bank of Scotland. Auch die schwarze Mercedes-Limousine in der Hofauffahrt wurde demoliert. Der Schaden ist überschaubar, das Symbol jedoch übermächtig. "Das ist erst der Anfang", schrieben die Aktivisten unter dem Absender bankbossesarecriminals@mail.com in ihrem Bekennerschreiben. Selten zuvor - zuletzt vielleicht zu Zeiten der Maschinenstürmer im 19. Jahrhundert - hat sich der Volkszorn so gegen Wirtschaftseliten entzündet wie gegen Goodwin.

Seit Wochen ist er verschwunden. Je rarer er sich macht, desto mehr steigt sein Marktwert. Paparazzi-Fotografen bekommen inzwischen über 30.000 Euro für ein Bild, auf dem es Sir Fred sich gut gehen lässt. Goodwins legendärer Spitzname "Fred, the Shred" - für seine Erfolge als knallharter Sanierer - haben sich ins Gegenteil verkehrt: Er selbst gehöre in den Schredder, schimpfen die Briten, zusammen mit allen gierigen Bankern dieser Welt. Sie sind empört, dass Goodwin nach seinem Rücktritt im vergangenen Jahr jährlich 755.000 Euro Pension bekommt - die RBS machte 2008 einen Verlust von mehr als 26 Milliarden Euro und wurde mit über 21 Milliarden Euro Steuergeldern unterstützt. Das Magazin "Newsweek" hat Goodwin zum "schlimmsten Banker der Welt" erklärt.

Ähnlich aufgewühlt sind die Menschen in den USA. Der Grund hat drei Buchstaben: AIG. Seit bekannt ist, dass der staatsgestützte Versicherungskonzern 218 Millionen Dollar an Prämien an seine Manager ausgezahlt hat, haben sich Dinge zugetragen, die vor Jahren in dem Land unvorstellbar waren: Der scharfzüngige Senator Chuck Grassley hat die Manager zum Selbstmord aufgefordert - niemand mahnte ihn öffentlich zur Mäßigung. Vorstandschef Edward Liddy berichtete vergangene Woche vor dem Kongress von Todesdrohungen gegen seine Mitarbeiter. Sie sollten mit Klaviersaiten hingerichtet werden, heißt es in einem der Schreiben. Und weiter: "Falls die Regierung das nicht regelt, werden wir, das Volk, das in unsere eigenen Hände nehmen."

Sicherheitsleute mit Maschinenpistolen bewachen die AIG-Manager

Seit Tagen lassen die AIG-Manager ihre Häuser bewachen. Auch vor der Zentrale in New York patrouillieren Sicherheitskräfte mit Maschinenpistolen. Noch sind es kleine Gruppen, die in der Wall Street Plakate schwenken. "Bail out people, not banks", steht darauf. Aber die Protestbewegungen formieren sich, während TV-Comedian Stephen Colbert in seiner Sendung Mistgabeln schwenkt und sein Kollege Jon Stewart einen Mob durchs Studio rennen lässt.

Am 3. April wird die "Bail Out the People Movement" Demonstranten aus allen Teilen des Landes in Bussen nach New York bringen. Die Veranstalter kündigen düster an: "Wir werden uns Gehör verschaffen." Die liberale Kleinpartei "Connecticut Working Families" hatte zuvor eine Bustour zu den Privatvillen einiger AIG-Manager organisiert - ein Tabubruch. "Die Manager genehmigen sich Gehaltsexzesse, während Millionen Bürger leiden müssen", schäumte Parteidirektor John Green vor Beginn der Fahrt. "Wenn sie nicht zu uns kommen, kommen wir eben zu ihnen."

In Frankreich ist die Geiselnahme bei 3M nur ein weiterer Höhepunkt des Aufruhrs - seit Tagen wächst die Wut auf die Unternehmen, auf den Straßen, in den Betrieben, den Bars und in den Internetforen. Am Mittwoch loderten in Paris Barrikaden aus Autoreifen, als Mitarbeiter von einer französischen Continental-Niederlassung auf den Präsidentschaftspalast zumarschierten. Manager aus dem Werk Reims wurden mit Schuhen und Eiern beworfen, als sie Stellenstreichungen verkündeten. Lebensgroße Stoffpuppen, die den Vorstand symbolisieren sollten, gingen in Flammen auf.

In Frankreich glauben manche an eine neue Revolution

Als in der vergangenen Woche die Gewerkschaften zu einem Streik- und Protesttag aufriefen, konnten sie erstmals seit Amtsantritt von Präsident Nicolas Sarkozy landesweit weit über eine Million Menschen versammeln - die Veranstalter sprachen sogar von drei Millionen. Der Unmut geht über die traditionelle Gewerkschaftsklientel weit hinaus. Zuletzt wurde der Groll durch drei Fälle befeuert: Die Chefs der Großbank Société Générale genehmigten sich ein Aktienoptionsprogramm, nachdem die Bank Milliarden an Staatshilfen kassiert hat. Beim Autozulieferer Valeo - bei dem der Staat Anteile übernommen hat - wurde der Chef Thierry Morin mit einer Abfindung von 3,3 Millionen Euro bedacht. Am Mittwoch wurden Millionenboni für die Manager einer Filiale der Großbank Crédit Agricole bekannt, die gerade massiv Stellen abbaut. Einen "offenen Brief an meine Freunde aus der herrschenden Klasse" schrieb deshalb diese Woche Alain Minc in der Zeitung "Le Figaro": "Habt Ihr übersehen, dass das Land die Nerven zum Zerreißen gespannt hat, dass die Bürger das Gefühl haben - und sei es unberechtigt -, dass sie Opfer einer Krise sind, an der wir die Schuldigen sind?", fragte Minc. Der Sarkozy-Vertraute scheute sich nicht, an die Stimmung vor der französischen Revolution zu erinnern. Das Schicksal von 1789 habe sich 1788 entschieden. "Spürt Ihr nicht den Groll des Volkes, die Wut der Verbitterten, aber auch das Gefühl von Unruhe, das wie ein tragender Deckenbalken das ganze Land durchzieht?"

Wann erreichen wir die rote Zone?

"Die Lage birgt enormes Sprengpotenzial", sagt Henrik Uterwedde, Sozialexperte vom Deutsch-Französischen Institut (DFI). Er schließt eine soziale Revolte nicht aus. "Auch den Mai '68 hat niemand kommen sehen." In Deutschland sei die Lage aber nicht ganz so explosiv wie in Großbritannien oder Frankreich.

Ähnlich sieht es Hans-Ulrich Wehler, Deutschlands bekanntester Wirtschafts- und Sozialhistoriker. In jedem Land sei die Situation eine andere: "In Amerika ist die Wut ein spontaner Ausbruch. In Frankreich dagegen entlädt sich ein über Jahre aufgestauter Frust über den Abbau des Sozialstaats durch die Regierung. Die Krise gibt den Gewerkschaften dort nur ein Argument mehr, endlich loszuschlagen", sagt Wehler. Eine Unruhewelle, die alle westlichen Länder erfasst, sieht er nicht: Der Sozialstaat sei so stark wie nie zuvor und könne auch gewaltige Spannungen abfedern. "Trotzdem stellt sich die Frage", sagt der Historiker, "wann die Schwelle überschritten wird und wir die rote Zone erreichen."

FTD