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Autobranche: Ist es wirklich so schlimm?

Die Autobosse klagen laut über einen Käuferstreik und erbetteln sich Subventionen. Dabei könnte Deutschlands Vorzeigebranche sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen. Ein Lehrstück über Lobbyismus.

Von Rolf-Herbert Peters und Jan Boris Wintzenburg

Eine solche Krise wie in diesen Monaten hat BMW noch nie erlebt", sagt BMW-Chef Norbert Reithofer. "Einen Verfall der Märkte wie in den vergangenen Wochen habe ich noch nie erlebt", sagt Daimler-Boss Dieter Zetsche. "Einen derartigen Flächenbrand habe ich noch nicht miterlebt", sagt Audi-Vorstand Peter Schwarzenbauer. Lauscht man den Führungskräften deutscher Automobilkonzerne in diesen Tagen, dann dürfte das Ende der ganzen Branche nahe sein. Die Bosse jammern über einen plötzlichen Absatzeinbruch. Und sie handeln auch - bisweilen brachial: Bei Mercedes werden demnächst Werke für mehrere Wochen geschlossen, bei Volkswagen und Ford müssen Leiharbeiter gehen, bei BMW laufen in diesem Jahr 65.000 Autos weniger vom Band.

Das klingt schlimm und fügt sich prima ein in die allgemeine Stimmungslage. Schließlich meldet das Ifo-Institut gerade miese Geschäftsaussichten für Deutschland, und der Internationale Währungsfonds sieht die ganze Welt bald in der Rezession. Die Börsen sind abgestürzt, Banken flüchten unter staatliche Rettungsschirme.

So schlimm ist es nicht

Allein: Die aktuellen Leistungsdaten der deutschen Autokonzerne wecken Zweifel am Lamento. Fakt ist nämlich:
- In Deutschland wurden bis Ende Oktober laut Kraftfahrt-Bundesamt 0,3 Prozent mehr Neuwagen angemeldet als im Jahr davor.
- Daimler will 2008 trotz Krise "mehr als sechs Milliarden Euro" verdienen und meldete Freitag vergangener Woche um zwei Prozent gestiegene Verkäufe.
- Volkswagen will "bei Auslieferungen, Umsatz und Ergebnis die Werte des Vorjahres übertreffen". 6,15 Milliarden Euro Gewinn sind geplant.
- BMW wird "ein deutlich positives Konzernergebnis erzielen". Im Aufsichtsrat kursiert die Zahl von zwei Milliarden Euro.
- Porsche hat gerade - auch dank der VW-Beteiligung - 8,57 Milliarden Euro Jahresgewinn eingefahren. Zusammen werden die vier Konzerne 2008 mehr als 22 Milliarden Euro Gewinn machen.
- Auch bei den Kunden ist von Pessimismus wenig zu spüren. Der Verband markenunabhängiger Fuhrparkmanagementgesellschaften erkennt beim Dienstwagenkauf "bislang keine Zurückhaltung". Zwei Drittel aller neuen Pkws werden in Deutschland von Firmen angeschafft.

Die "nie erlebte Krise" - ein PR-Coup der Autolobby? Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), bestreitet das natürlich heftig. "Die Krise ist so schlimm wie seit vielen Jahren nicht mehr", sagt er. Bis zu zwei Millionen Autos würden dieses Jahr weltweit weniger abgesetzt. "Besonders betroffen vom Nachfrageeinbruch sind die US-Hersteller", sagt er mit dramatischer Geste. "Der Markt im Oktober war erschreckend schwach." Tatsächlich stehen die einst stolzen Konzerne General Motors, Ford und Chrysler mit dem Rücken zur Wand. Doch schuld ist weniger die Finanzkrise als die schwache Produktpalette. Viele Spritschlucker sind inzwischen nur noch mit hohen Rabatten verkäuflich. Jahrzehntelang wurde in Amerika - anders als hierzulande - bei der Entwicklung gespart.

Wissmann, früher Bundesverkehrsminister unter Helmut Kohl, verfügt noch immer über beste Verbindungen in die Politik. Deswegen überrascht es nicht, dass auch die Bundesregierung an die Krisensicht der deutschen Autobosse glaubt - und Deutschlands Vorzeigebranche mit einem Konjunkturpaket beispringt. 1,4 Milliarden Euro wird eine zweijährige Kfz-Steuerbefreiung von Neuwagen kosten, die den Absatz wieder ankurbeln soll. Weitere Millionen fressen verbesserte Abschreibungsbedingungen, die Firmen zum Autokauf bewegen sollen.

Friede, Freude, Eierkuchen

Selbst die EU-Kommission in Brüssel zeigt sich besorgt und denkt über Auto-Hilfen nach: Bis zu 40 Milliarden Euro zinsgünstige Kredite könnten bald fließen, wenn es nach dem deutschen Industrie-Kommissar Günter Verheugen (SPD) geht. Per Brief forderten am Montag Geschäftsführung und Betriebsrat von Opel die Kanzlerin auf, das Paket zu unterstützen - am liebsten mit einer Verschrottungsprämie für Altwagen.

Für so viel staatliche Zuwendung darf man Dankbarkeit erwarten: "Das von der Bundesregierung beschlossene Konjunkturpaket ist das richtige Signal zum richtigen Zeitpunkt", sagt VDA-Boss Wissmann. "Die Regierung hat die Lage erkannt und weiß um die Bedeutung der deutschen Autoindustrie."

Stimmt: Die Autoindustrie ist eine der bedeutendsten Branchen des Landes. Jeder siebte Arbeitsplatz hängt direkt oder indirekt am Autogeschäft. Aber sind die 1,4 Milliarden Steuergeld aus Berlin und die 40 Milliarden aus Brüssel wirklich gut angelegt? Oder hat die Politik nur gerade ihre Spendierhosen an? Nach dem Motto: Wenn wir mit 500 Milliarden Euro für die Banken bürgen, wieso dann nicht noch ein paar Milliarden für die Autokonzerne?

Zwei Wochen mehr Ferien

Schließlich ist es zumindest bemerkenswert, Subventionen ausgerechnet einer Branche zufließen zu lassen, der es offenbar noch vergleichsweise gut geht. Die bisher angekündigten Krisenreaktionen sind ja nicht sehr gravierend. Mercedes etwa verlängert die Werksferien nur im Stammwerk Sindelfingen um volle zwei Wochen. Aus Weihnachtsferien und drei Tagen Umbaupause für neue Modelle werde der "Untergang der Welt" herbeigeredet, sagt Daimler-Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm.

Beim Konkurrenten BMW verteilen sich die Kürzungen auf alle Werke. So werden etwa im bayerischen Dingolfing 4000 Fahrzeuge weniger hergestellt. "Das schaffen wir, indem wir vier Schichten streichen und die Weihnachtsferien drei Tage früher beginnen", erklärt der stellvertretende Betriebsratschef Thomas Zitzelsberger. IG Metall-Bezirksleiter Werner Neugebauer sagt: "Ich kann das Gerede von der Krise in der Automobilindustrie nicht mehr hören. Ich wette, dass die Konzerne spätestens im März bei den Zulieferern all das nachordern müssen, was sie jetzt stornieren."

Die teuren Rettungsmaßnahmen der Politik werden längst von Experten zerpflückt. Denn die Kfz-Steuerbefreiung bevorzugt große Fahrzeuge mit riesigen Motoren, die einen hohen CO2-Ausstoß haben. Käufer eines Geländewagens vom Typ Audi Q7 mit 12-Zylinder Dieselmotor und 500 PS sparen 926 Euro im Jahr. Und wer einen 1,5 Millionen Euro teuren Bugatti Veyron (16 Zylinder, 1001 PS) mit dem ekordverdächtigen CO2-Ausstoß von 574 g/km bestellt - und wahrhaftig keiner Steuererleichterung bedürfte -, streicht immerhin noch 540 Euro jährlich ein. Ein Smart bringt dagegen gerade mal 67,50 Euro. Autolobbyist Wissmann findet das in Ordnung: "Steuerprogramme müssen auch die entlasten, die viel Steuern zahlen."

Kein Anreiz

Im Schnitt sparen Autokäufer durch die Steuerbefreiung gerade 323 Euro, hat der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg/Essen ausgerechnet. "Das entspricht einem durchschnittlichen Neuwagenrabatt von 1,3 Prozent. Davon lässt sich kaum ein Autokäufer locken." Händler, die der stern in den vergangenen Tagen besuchte, bestätigen das. "Aus Kundensicht ist das Paket in keiner Weise Anreiz, ein Auto zu kaufen", sagt Torsten Skeries, Verkäufer in der Renault-Niederlassung Köln. Niederlassungsleiter Arthur Wirtz spürt seit September eine gewisse Kaufzurückhaltung: "Die Leute wollen zwar Autos kaufen, selbst unsere Showtage sonntags sind sehr gut besucht. Die Kunden lassen sich auch Angebote machen - und verschieben am Ende die Entscheidung, weil sie nicht wissen, wie die Zukunft wird."

Kaum etwas reize die Deutschen dagegen mehr, als Steuern zu sparen, hält Wissmann dem entgegen. "Das weiß ich noch aus meiner Zeit als Verkehrsminister." Doch der Ex-Politiker weiß auch, dass die Kunden abwarten, bis alle staatlichen Beihilfen beschlossen sind und sich das Rabattniveau weiter erhöht. Motto: Je schlimmer das Krisengeschrei, desto niedriger der Preis. "Wir müssen aufpassen, dass wir die Lage nicht zu sehr dramatisieren", so Wissmann. "Sonst verschrecken wir die Kunden zusätzlich." Dann reden sich die Konzernbosse selber die Käufer vom Hof und die Preise klein.

In Brüssel sorgen sich derweil die Umweltpolitiker um die plötzliche Liebe der EU zum Auto. "Die Automobilindustrie sieht in der Krise die große Chance, ihre schwer verkäuflichen Fahrzeuge loszuwerden", schimpft die Grünen-Europaabgeordnete Rebecca Harms. Gebeutelt in einer Zeit, als noch die Klimadebatte dominierte, versuche die Branche, harte Auflagen aufzuweichen. Mit Erfolg: Inzwischen soll die Einführung der CO2-Grenzwerte um drei Jahre verschoben werden. "Wir verlangen nun der Automobilindustrie bis zum Jahr 2015 nicht mehr ab, als sie heute schon leisten kann", so die enttäuschte Harms.

In die falsche Richtung

Die wahren Probleme der Branche werden so überdeckt. Sie sind hausgemacht: Jahrelang wurden Effizienzgewinne bei Motoren in mehr Leistung umgesetzt. In den vergangenen acht Jahren stagnierte der durchschnittliche Verbrauch von Dieselmotoren, die Leistung stieg dagegen stark an. Gleichzeitig wurden die Fahrzeuge größer und teurer; der durchschnittliche Pkw hat heute 131 PS und kostet rund 25.000 Euro. Nun steht gerade die deutsche Autoindustrie mit Modellen da, die angesichts hoher Energiepreise und stagnierender Löhne immer weniger Käufer finden. Spritsparende und saubere Kleinwagen wie Smart, 1er-BMW oder Renault Twingo mit weniger als 160 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer verzeichnen dagegen starke Zuwächse bei den Neuzulassungen.

Natürlich werden auch Autokonzerne leiden, wenn es 2009 zu einer globalen Rezession kommen sollte. Die Bundesregierung erwartet im nächsten Jahr immerhin fast kein Wachstum mehr, und die Wirtschaftsleistung vieler Industrienationen könnte gar fallen. Doch solange es noch nicht so weit ist, dass Unternehmen drohen, in die roten Zahlen zu rutschen, sind die hektischen und zweifelhaften Staatshilfen sinnlos. Schließlich kann die Krise im nächsten Jahr andere Branchen viel schlimmer erwischen. Und dann ist das knappe Steuergeld bereits ausgegeben.

Auch wenn es momentan aus den Führungskonzernen der Konzerne anders klingt: Noch muss sich niemand Sorgen um Daimler, Volkswagen, BMW, Porsche und Co. machen. Das glaubt selbst VDA-Chef Wissmann: "Die deutsche Autoindustrie wird gestärkt aus dieser Krise hervorgehen. Wenn in ein, zwei Jahren die Rezession vorbei ist, wird sich der Markt bereinigt haben. Die deutschen Hersteller wird es dann alle noch geben." Und der sollte es eigentlich wissen.

Mitarbeit: Doris Schneyink / print

Von:

Rolf-Herbert Peters und