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Baukonzern Hochtief Keine Chance gegen den Real-Madrid-Boss


Der Chef von Real Madrid, ein Baulöwe, will den deutschen Baukonzern Hochtief schlucken. Die Hoffnung der Essener, dass die Bundesregierung ein Abwehrbollwerk gegen den spanischen Angreifer errichten würde, sind fast schon geplatzt.
Von Niels Kruse

Es gibt Deutsche, die bereiten Florentino Pérez viel Freude: Mesut Özil und Sami Khedira etwa. Seit Sommer stehen die beiden Nationalspieler bei Perez' Verein Real Madrid unter Vertrag - und machen ihre Sache so gut, dass sich selbst Superstar Cristiano Ronaldo zu Lobeshymnen hinreißen ließ.

Und dann gibt es Deutsche, die Florentino Pérez Kummer bereiten. Gewerkschafter gehören dazu, SPD-Politiker und natürlich die Chefetage von Hochtief. Perez ist nicht nur Chef von Real Madrid, er ist auch Vorstand des spanischen Baukonzern ACS - und der hat ein Auge auf die deutsche Konkurrenz geworfen.

Seit dem 16. September geht am Hochtief-Hauptsitz Essen das Gespenst der Übernahme um. An diesem Donnerstag wurde das Angebot der Spanier bekannt, und eine spanische Firmensprecherin sagte hoffnungsfroh: "Hier entsteht ein neuer europäischer globaler Champion." Tatsächlich wäre der Konzern nach der Fusion einer der größten Baufirmen der Welt, nur zwei chinesische Unternehmen würden den gemeinsamen Umsatz in Höhe von 33,8 Milliarden Euro übertreffen. Das Übernahmeangebot sieht vor, den ACS-Anteil von jetzt 30 auf knapp über 50 Prozent zu erhöhen. Die Aktionäre bekommen für fünf Hochtief-Anteile acht ACS-Papiere, ansonsten sollte sich nicht viel ändern: Der Firmensitz würde im Ruhrgebiet bleiben, die Hochtief AG weiterhin an der Frankfurter Börse gehandelt werden und Vorstandschef Herbert Lütkestratkötter seinen Posten behalten können.

Hochtief wehrt sich

Die Reaktion in Essen fiel dennoch kühl aus: Man habe die Ankündigung des Übernahmeangebots zur Kenntnis genommen, hieß es zunächt - herzlicher ist die Stimmung zwischen den beiden Bauriesen seitdem nicht geworden. Im Gegenteil: Mit Händen und Füßen wehrt sich Hochtief gegen den als feindlich empfundenen Übernahmeversuch. Die Klage aus Essen tönte so laut, dass sie bald auch in der Hauptstadt gehört wurde. Der Betriebsrat des Unternehmens forderte die Bundesregierung auf, das Wettbewerbsrecht zu verschärfen, um die spanischen Begehrlichkeiten ins Leere laufen zu lassen. Unterstützung bekamen die Arbeitsnehmervertreter von SPD-Chef Sigmar Gabriel. In einer Rede vor den Beschäftigten sagte er: "Wir brauchen so schnell wie möglich eine Gesetzesinitiative, um Hochtief, eine Perle des deutschen Unternehmensbestandes, durch die Übernahme durch ein schlechtes Unternehmen zu schützen."

In den folgenden Tagen wiederholte Genosse Gabriel das Statement in ähnlicher Form diverse Male - und forderte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) gar auf, einen so genannten weißen Ritter aus dem Hut zu zaubern, der dafür sorge, dass der Konzern in deutscher Hand bleibt.

Doch Gabriel fand keine Gehör. Die FDP lehnte staatliche Hilfe gleich welcher Art von Anfang an ab. Und auch jetzt wieder sagte Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle, dass die "bestehenden gesetzlichen Regelungen hinreichend sind". Ebenfalls zu dieser Angelegenheit hat sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) geäußert. Außer der vagen Feststellung, dass sie daran interessiert sei, die industriellen Strukturen von Hochtief und auch den Sitz in Essen zu erhalten, kam ihr nichts Konkretes über die Lippen.

Regierungssprecher Steffen Seibert machte aber nun klar, dass die Regierung keine Gesetzesänderungen plant. Es handele sich schließlich nicht um einen "Fall von Anschleichen". Die Regierung nehme die Übernahme bei einem so wichtigen Unternehmen wie Hochtief und insbesondere die "Belange der Belegschaft sehr ernst", so Seibert, "das heißt aber nicht, dass die Bundesregierung nun versuchen würde, die Übernahme mit Regierungsmitteln zu verhindern". Am Wochenende hatte sich Merkels Sprecher noch etwas hoffnungsvoller für die Essener angehört.

Hilft der Bundesrat?

Nach der Absage aus dem Kanzleramt kann Hochtief höchstens noch auf eine Gesetzesinitiative aus den Reihen des Bundesrats hoffen, wie sie von der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) ins Spiel gebracht wurde. Ob sich irgendeine Form einer Novelle gegen den zu erwartenden schwarz-gelben Widerstand durchsetzen lässt, ist aber unwahrscheinlich. Bleibt für Hochtief nach dem Stand der Dinge nur noch, sich aus eigener Kraft gegen die Übernahme zu wehren. Denn ACS wiederholt stets, dass man trotz aller Widerstände "fester denn je zu einem Angebot entschlossen ist".

Eine Möglichkeit, dem Buhlen der Spanier etwas entgegen zu setzen, wäre zum Beispiel eine Kapitalerhöhung, die auch schon geplant sei. Bislang hält ACS als größter Anteilseigner 29,98 Prozent der Aktien. Bei einer Kapitalerhöhung würde Hochtief mehr Aktien in den Umlauf bringen, was den Anteil der Spanier wiederum schmälern würde. Folge: Sie müssten weitere Papiere kaufen und letztlich die Übernahme teurer bezahlen. Um die Fusion zu finanzieren, müssen sich die Südeuropäer zudem ebenfalls weiteres Geld am Aktienmarkt besorgen. Denn das Unternehmen benötigt eine ausreichende Zahl eigener Papiere, da die Offerte einen Aktientausch vorsieht.

In einem Monat läuft die Anmeldefrist aus

Ungefähr einen Monat hat Hochtief nun noch Zeit, sich gegen die Übernahme zu wehren. Dann läuft die Frist aus, in der ACS sein Übernahmeangebot offiziell bei der Finanzaufsicht BaFin angemeldet haben muss. Die bisherige Strategie, sich als eine Art "schutzbedürftiges nationales Unternehmen" zu verkaufen, geht jedenfalls immer weniger auf. So sagte der Chef der Monopolkommission, Justus Haucap, es "ist populistischer Quatsch, dass wir einen großen deutschen Baukonzern benötigen".

Selbst die Gewerkschaften, die fürchten, die Übernahme hätte Massenentlassungen zur Folge, erinnern an den gemeinsamen europäischen Markt. So sagte Klaus Wiesehügel von der IG Bau: "Man sollte nicht zu sehr auf die Karte nationaler Politik setzen." Auch FDP-Generalsekretär Christian Lindner will keine weiteren Marktbarrieren: "So wie Deutschland sich im Ausland dafür einsetzt, dass Handelsschranken abgebaut werden, damit die deutsche Exportwirtschaft läuft, müssen wir umgekehrt auch die eigene Volkswirtschaft offen halten."

(mit Agenturen)

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