Weiter abwärts - oder endlich aufwärts? Die deutsche Industrie mit Millionen von Beschäftigten hofft nach Jahren der Krise auf eine Trendwende. "2026 entscheidet sich, ob wir nach Jahren der Stagnation die Basis für einen nachhaltigen Aufschwung legen und damit den Industriestandort Deutschland sichern und retten", sagte Peter Leibinger, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), in Berlin. Die Aussichten für dieses Jahr bleiben aber verhalten. Der BDI rechnet damit, dass die Industrie schwächer wächst als die Gesamtwirtschaft. Für zusätzliche Belastungen könnten mögliche neue US-Zölle sorgen.
Risiko Zölle
US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, ab dem 1. Februar Strafzölle auf Waren aus Deutschland und anderen europäischen Nato-Ländern zu verhängen. Damit will er den Widerstand gegen einen Verkauf Grönlands an die USA brechen. Die EU berät über mögliche Gegenmaßnahmen. Die Bundesregierung will eine Eskalation vermeiden.
Leibinger sagte, neue US-Zölle könnten das Wirtschaftswachstum in Deutschland "erheblich drücken". Er nannte die Zollandrohungen Trumps unangemessen und für alle Seiten schädlich. Europa müsse darauf einig und selbstbewusst reagieren. Es sei eine Grenze erreicht. Der Gesprächsfaden mit den USA aber müsse erhalten bleiben. Scharfe Gegenmaßnahmen solle die EU zunächst in der Hinterhand behalten, machte Leibinger deutlich.
Der BDI-Präsident wies auf Abhängigkeiten von den USA hin, zum Beispiel bei Künstlicher Intelligenz und Cloud-Diensten. Es wäre naiv, zu glauben, dass eine europäische Autonomie schnell aufgebaut werden könne.
Lage fragil
Bereits die Ankündigung möglicher neuer Zölle sorge für Unsicherheiten, sagte Leibinger. 2025 waren die deutschen Exporte in die USA wegen höherer US-Zölle um fast zehn Prozent eingebrochen. Das ist ein Grund für die Krise der Industrie. BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner sagte, die Situation in der Industrie sei weiterhin angespannt: Die Produktionskapazitäten seien zu Beginn des vierten Quartals 2025 nur zu gut 78 Prozent ausgelastet gewesen. "Maschinen stehen still, Produktionspotenzial bleibt ungenutzt, Investitionen werden aufgeschoben, Beschäftigung wird abgebaut", sagte Gönner.
"Die Dauer der Krise ist viel gravierender als die Tiefe der Krise", sagte Leibinger. Firmen, die Jahr für Jahr Rückgänge hätten, kämen an die Substanz. 2025 schrammte Deutschland nur knapp am dritten Jahr ohne Wirtschaftswachstum vorbei, es gab ein Mini-Wachstum von 0,2 Prozent. Für dieses Jahr erwartet der BDI ein Wachstum von einem Prozent - getrieben aber vor allem von staatlichen Ausgaben zur Modernisierung der Infrastruktur. Ein Wirtschaftswachstum von einem Prozent wäre ein Hoffnungssignal, sagte Leibinger. Die Stimmung in der Industrie aber bleibe fragil. Die Industrie werde 2026 voraussichtlich schwächer wachsen als die Gesamtwirtschaft.
Besonders schwierig: Lage in der Stahlindustrie
Zu den Krisenbranchen gehört die deutsche Stahlindustrie. 2025 wurden nur noch 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl erzeugt. Das ist der niedrigste Wert seit dem Finanzkrisenjahr 2009, als 32,7 Millionen Tonnen produziert wurden. Der Rückgang im Vergleich zu 2024 lag bei 8,6 Prozent, wie die Wirtschaftsvereinigung Stahl in ihrer Jahresbilanz berichtete. Die Kapazitätsauslastung sei zugleich unter den kritischen Wert von 70 Prozent gefallen, so der Verband weiter. 40 Millionen Tonnen gelten für die Branche als Schwelle für eine auskömmliche Kapazitätsauslastung. 2026 müsse das Jahr der Standortsicherung werden, forderte der Verband. Deutschland erzeugt in Europa den meisten Stahl.
Regierung soll mehr Tempo machen
Anfang Dezember hatte Leibinger die Lage der Wirtschaft in düsteren Worten umschrieben. Der Wirtschaftsstandort Deutschland sei im "freien Fall". Er zeigte sich nun etwas zuversichtlicher. Deutschland bewege sich langsam in die richtige Richtung. Strukturelle Probleme aber müssten konsequent angegangen werden. Nur wenn die Stärkung von Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum eine hohe Priorität habe, könne der Abwärtstrend der Industrieproduktion gestoppt werden.
Konkret fordert der BDI unter anderem einen konsequenten Bürokratieabbau, einen langfristigen Fahrplan für ein Energiesystem mit geringeren Systemkosten, schnellere Genehmigungen für Industrieanlagen, flexiblere Arbeitszeitmodelle und Reformen der Sozialversicherungen.
Hausaufgaben der Industrie
Auch Unternehmen müssten ihre Hausaufgaben machen, sagte Leibinger. Ein wichtiges Thema ist für ihn Resilienz - also etwa die Notwendigkeit, Lieferketten breiter aufzustellen und sich nicht von einzelnen Lieferanten abhängig zu machen. Rückblickend seien auch in der Industrie Fehler gemacht worden. In den Jahren von Anfang der 2000er Jahre bis 2018 hätten außergewöhnlich günstige Bedingungen geherrscht, sagte er mit Blick etwa auf günstige Energiepreise. In dieser Zeit seien Kostenstrukturen aufgebaut worden, die jetzt nicht mehr tragbar sind.