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Frauenquote Die Angst der Top-Managerin vor der Quote

Debatte um das Tabuthema Quotenfrau
Quotenfrau? Viele Top-Managerinnen scheuen die Positionierung
© Photo by Tim Gouw on Unsplash
In vielen Unternehmen tun sich Spitzenfrauen schwer, sich klar zur Frauenquote zu positionieren – ausgerechnet dort also, wo das neue Gesetz greifen soll. Warum?

Die Vorständin sei für die Quote, lässt der Pressesprecher des DAX-Konzerns ausrichten. Aber sie wolle "noch nicht einmal in die Nähe des Begriffs 'Quotenfrau' kommen" und sich deswegen auch nicht äußern. Ein Beispiel aus der Recherche für das multimediale stern-Projekt zur Frauenquote, das in der vergangenen Woche unter dem Titel "Ich bin eine Quotenfrau" millionenfache Reaktionen ausgelöst und eine Debatte um den Begriff entfacht hat.

Während in anderen Gesellschaftsbereichen viele Frauen beinahe begeistert auf die stern-Anfrage reagiert und schnell zusagt haben, zögern die Top-Managerinnen in den großen deutschen Konzernen und Industrieverbänden sich öffentlich zu positionieren. Sagen nach langem Ringen nein. Oder sagen erst zu und dann wieder ab. Ganz egal, ob sie für oder gegen die Quote sind. Ausgerechnet in den Top-Etagen der Wirtschaft also, wo die von der Bundesregierung geplante Quote für Firmenvorstände greifen soll. Warum?

"Vor allem, weil sie sich nicht die doofen Sprüche der männlichen Kollegen anhören wollen. 'Aha, Du bist ne Quotenfrau, jetzt wissen wir es.' Man muss aufpassen, wie sehr man sich als Frau mit Frauenthemen verbindet. Das alleine zeigt schon, wie schlimm es noch ist und in wie vielen Zwängen die wenigen Spitzenmanagerinnen stecken", sagt Simone Menne, Multi-Aufsichtsrätin, Ex-Lufthansa-Vorständin und Gastgeberin des stern-Podcasts "Die Boss". 

"Es gibt viele Unternehmen, in denen die Quote noch negativ diskutiert wird", sagt Janina Kugel, Beraterin und Ex-Siemens-Vorständin. "Jede Managerin und auch jeder Manager muss abwägen: Welchen Schuh zieh ich mir an? Wird mir das im Unternehmen schaden oder nützen?"

Und eine Vorständin eines großen Konzerns, die erste in der Unternehmensgeschichte, bedankt sich bei den 40 Protagonistinnen der stern-Titelgeschichte für ihren Mut. Sie selbst hätte wohl nicht mitgemacht, obwohl sie mittlerweile für die Quote sei, sagt sie. "Mein Unternehmen, für das ich spreche, ist noch nicht so weit. Wenn ich jetzt poltere, hätte ich hier alles verloren, was ich mir aufgebaut habe."

Ziel: 0 Prozent Frauenanteil

Es fehlt also offenbar eine innere Überzeugung in den Unternehmen. Das ist schlüssig, denn ganz offensichtlich haben es die Konzerne in den vergangenen Jahren freiwillig nicht geschafft, den Frauenanteil in Führungsspitzen zu erhöhen. Unter den 160 deutschen börsennotierten Unternehmen gibt es 110, die keine einzige Frau im Vorstand haben. 79 von ihnen haben sich entweder gar kein Ziel gesetzt oder aber das Ziel, einen Frauenanteil von 0 Prozent zu erreichen. Ja, 0 Prozent.

Und fragt man beim Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) nach, warum es dort, im Spitzenverband der Industrieunternehmen, ebenso wenige Frauen im Vorstand gebe, dann reicht der Pressesprecher ein Interview mit dem scheidenden BDI-Präsidenten Dieter Kempf weiter, in dem der sagte: "Aus einem Teich mit Karpfen kann man nun mal keine Forellen holen." Der BDI könne nicht regeln, wer in den Unternehmen Vorstand wird und wer dann schlussendlich für den BDI-Vorstand entsandt werde. Insider berichten, dass Frauenförderung im Verband immer noch als bürokratischer Aufwand diskutiert werde und sich nur langsam etwas ändere. Nicht aus Überzeugung, sondern weil es langsam wirklich peinlich werde. Die Führungsfrau eines anderen großen Interessensverbands sagte für den stern-Quotenfrauen-Titel nach langer Bedenkzeit erst zu, und dann wieder ab. Nur der – vergleichsweise kleine – Bundesverband Personalmanager spricht sich klar für die Quote aus. "Wir brauchen sie. Zumindest auf Zeit", sagt Claudia Heser, Präsidiumsmitglied. Sie betont aber, dass sie rein für die Personalchefs sprechen könne, nicht für die Unternehmen als Ganzes.

Beraterin Janina Kugel kann freier handeln als andere. Ihr Vorstands-Amt bei Siemens hat sie im Januar 2020 aufgegeben. In den vergangenen Wochen war sie eine der Treiberinnen der Debatte, hat mit großem Einsatz für die Quote getrommelt. Sie sagt: "Es wurde Zeit, dass zu diesem Thema mal Klartext gesprochen wird. Und ich bin froh, dass wir jetzt einige waren, die keine Angst davor hatten."

Mitarbeit: Jan Boris Wintzenburg


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