HOME

Überproduktion nach Legalisierung: Gras ohne Ende: Kanada kommt mit dem Kiffen nicht hinterher

In Kanada ist der Konsum von Cannabis seit 2018 legal. Die Hanf-Firmen starteten eine große Anbauwelle und gingen an die Börse. Jetzt zeigt sich: Die heimischen Kiffer brauchen gar nicht so viel Kraut. 

Hanfplantage in Kanada

Hanf-Überproduktion in Kanada

Picture Alliance

Seit Oktober 2018 geht Kanada einen Sonderweg. Als erste Nation der G7-Staaten legalisierte man im hohen Norden Amerikas Cannabis. So sollte den Schmugglern und Schwarzmarkthändlern das Geschäft vermiest werden. Auch deshalb kümmert sich William Blair, Minister für Grenzschutz und gegen organisierte Kriminalität, nun auch um die Einhaltung der Cannabis-Regeln. "Hundert Prozent des Cannabis-Marktes waren in der Hand der organisierten Kriminalität. Ohne jede Regeln. Der Schwarzmarkt hat kein Interesse an der Gesundheit unserer Kinder oder der Sicherheit unserer Gemeinden", so Blair zum "Deutschlandfunk Kultur". Zuvor kämpfte er als Polizeichef in Toronto gegen Drogenbanden, jetzt ist er Cannabis-Minister.

Schon ab 2011 war medizinischer Cannabis-Konsum in Kanada legal, nun gibt es auch straffrei "Recreational marihuana", also das Gras zur "Beruhigung". 30 Gramm darf jeder Erwachsene besitzen, für Jugendliche sind das Kraut und sämtliche Produkte, die mit den Wirkstoffen versetzt sind, weiterhin Tabu. Die Idee: Den Drogendealern das Geschäft abnehmen. Der Schwarzmarktumsatz soll sich in Kanada umgerechnet auf rund vier Milliarden Euro belaufen. Schon vor der Legalisierung zählte Kanada zu den Ländern mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Marihuana. 

Der Cannabis-Boom in Kanada

Die Legalisierung löste einen Boom aus. Denn dadurch erhofften sich die anbauenden Firmen und die Hersteller von Cannabis-Produkten satte Profite. "In der Branche gibt es eine Goldrausch-Mentalität. Die ganze Börse ist verrückt nach Cannabis", erklärt der Wirtschaftsjournalist Mark Rendell im vergangenen Jahr der "Deutschen Welle". "Es passiert nicht oft, dass wir in irgendeiner Branche Vorreiter sind. Aber wegen der Legalisierung ist es bei uns nun deutlich einfacher als in anderen Ländern, Cannabis durch Banken und an der Börse finanzieren zu lassen."

Cannabis-Boutique: Gras und Marmor: Zu Besuch beim edelsten Marihuana-Dealer der Welt
Marmor statt Seitengasse: Im schicken Ambiente kann man bei "Diego Pelicer" in aller Ruhe Marihuana shoppen

Marmor statt Seitengasse: Im schicken Ambiente kann man bei "Diego Pelicer" in aller Ruhe Marihuana shoppen

Doch dem großen Boom geht der Schwung aus. Laut der kanadischen Statistikbehörden wurden innerhalb des ersten Jahres nur rund 20 Prozent des Schwarzmarktes legalisiert. Viele Unternehmen würden in der Warteschleife für eine Lizenz festhängen. 

Die, die es schon auf den Markt geschafft haben, enttäuschen nun aber auch. "Viele haben den Himmel auf Erden versprochen", so Rendell. "Dann war der Schock gewaltig, als klar wurde, wie sehr sie unter den Erwartungen geblieben sind." Diese Erwartung betreffen nicht die Produktion - die floriert mehr als sie sollte. Denn aktuell leidet Kanada unter einer satten Überproduktion. Und die drückt auf die Gewinne. Verfügte das Land im Oktober 2018 noch über Lagerbestände von rund 115.300 Kilogramm, waren es knapp zehn Monate später 389.000 Kilogramm - das entspricht einem Plus von 237 Prozent.  

Cannabis-Aktien schwanken

Einer der Produzenten ist das Unternehmen Aphria, das auch in Deutschland begonnen hat, medizinisches Cannabis anzubauen (Der stern berichtete). An der Börse wurde der Konzern zwischenzeitlich mit einer Milliarde Euro bewertet - bei einem Umsatz von gerade einmal 25 Millionen Euro. Die Aktie notierte vor rund einem Jahr bei 9,38 Euro, inzwischen ist das Papier nur noch gut 4,20 Euro wert. Dem Hype um die Firma tut das kaum weh: Analysten sehen großes Potential von bis zu 146 Prozent  plus und empfehlen, die Aktie zu kaufen. "Der Markt wächst die ganze Zeit. Wir sind da noch lange nicht am Ende", sagt Brett Marchand von Aphria. "Jedes Mal, wenn wir mehr produzieren, öffnen neue Läden." Auch andere Hersteller erleben ein starkes Auf und Ab der Aktienkurse, schreiben häufig durch den aggressiven Wachstumskurs rote Zahlen. Doch noch geht die Wette auf - auch weil die Konsumenten mitziehen.

Tatsächlich stieg die Zahl der Erstkonsumenten: Von Januar bis März 2019 konsumierten 646.000 Menschen nach eigenen Angaben zum ersten Mal Cannabis – fast doppelt so viel wie im ersten Quartal 2018 mit 327.000. Laut einer aktuellen Statistik aus Kanada gaben insgesamt 18 Prozent der Kanadier über 15 Jahren an, im ersten Quartal 2019 Marihuana konsumiert zu haben. Ein Jahr zuvor waren es nur 14 Prozent gewesen. Und: Ein Drittel der kanadischen Teenager gab an, Cannabis zu rauchen oder die Droge anderweitig eingenommen zu haben.

Cannabis legalisieren? Schauen Sie schon mal in die neue DISKUTHEK-Folge

THC in Lebensmitteln

Doch Kanada setzte die Tranformation zu einer Cannabis-Nation weiter fort. Seit Oktober 2019 sind auch Lebensmittel, die mit THC versetzt werden, auf den Markt gekommen. Gummibärchen, Kekse oder Limonaden sind nun mit Wirkstoffen im Handel. "Wir wissen, dass es nennenswerte zusätzliche gesundheitliche und soziale Risiken gibt für Lebensmittel, Extrakte und Produkte zur äußeren Anwendung", so Minister Blair. "Deshalb haben wir uns dafür ein weiteres Jahr Zeit genommen. Wir wollen die richtigen Obergrenzen. So dass kanadische Erwachsene genau wissen, welche Stärke die Produkte haben und was sie auslösen können."

Ob die Cannabis-Legalisierung zum Erfolg wird, ist noch unklar. Kritiker glauben an eine Marihuana-Lobby, die sich durchgesetzt hat - auch durch politischen Rückenwind. Es wird sich auch dadurch entscheiden, wie viel Zeit vergeht, bis sich Angebot und Nachfrage eingependelt haben. Der Wirtschaftsjournalist Mark Rendell erwartet, dass das noch gut zwei bis drei Jahre dauern kann.

kg