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Eon-Vorstandschef: "Deutsche Atomkraftwerke gehören zu den sichersten der Welt!"

Der Stromkonzern Eon betreibt in Deutschland die meisten Atommeiler. Vorstandschef Wulf Bernotat ärgert sich deswegen über die jüngsten Störfälle und das schlechte Krisenmanagement. Denn am liebsten würde er neue Reaktoren bauen.

Herr Bernotat, die Störfälle in Krümmel und Brunsbüttel hätten Atomkraftgegner nicht besser inszenieren können: Brände, Rauch im Leitstand, überfordertes Personal. Wie unsicher sind die deutschen Atommeiler?

Sie zählen zu den sichersten der Welt! Die Vorfälle sind gerade deshalb sehr ärgerlich, weil sie ein generell falsches Licht auf die Kernkraft werfen. Wahrscheinlich hätte es nicht so weit kommen müssen, auch wenn die Gegner der Kernkraft das natürlich genüsslich ausschlachten. Zu Details kann sich aber nur Vattenfall äußern.

Eon ist Miteigentümer der beiden Pannenmeiler. Und da wollen Sie nichts zu den Details sagen?

Wir sind nicht der Betreiber, das ist Vattenfall. Wir sind nicht vor Ort und werden von Vattenfall genauso informiert wie die Behörden. Der Betreiber hat klar geregelte Berichtspflichten. Hier ist alles gesetzlich genauestens geregelt, und daran müssen sich auch alle halten.

Es macht den Eindruck, als ob Sie die Angst der Anwohner vor einem atomaren GAU auf die leichte Schulter nehmen.

Wie kommen Sie darauf? Von einem atomaren GAU kann doch überhaupt keine Rede sein. Alles muss jetzt lückenlos aufgeklärt werden. Wir sind dazu mit Vattenfall in sehr intensiven und, glauben Sie mir, auch sehr ernsten Gesprächen. Aber ich möchte dringend bitten, trotz aller berechtigten Aufregung zur Sachlichkeit zurückzukehren. Nach allem, was wir wissen, bestand zu keiner Zeit ein ernsthaftes Sicherheitsrisiko.

Wenn alles im Griff gewesen sein soll, warum wurden die Einzelheiten dann nur scheibchenweise veröffentlicht?

Die Informationspolitik steht auf einem anderen Blatt. Darüber kann man streiten, und hier sehe ich durchaus Verbesserungsbedarf.

Wann haben Sie persönlich von dem Störfall in Krümmel erfahren?

Nachmittags, sofort danach.

Fühlten Sie sich nicht verpflichtet, für eine ordentliche Öffentlichkeitsarbeit zu sorgen?

Ich bin zwar nicht der Pressesprecher von Vattenfall …

... der ist inzwischen auch zurückgetreten ...

... aber auch wir raten dringend zu schneller, klarer und offener Kommunikation. Die gesetzlich klar geregelten Berichtspflichten gegenüber den Behörden und der Öffentlichkeit liegen beim Betreiber.

Das Reaktorpersonal hat offenbar falsch reagiert. Fehlt Betreibern hierzulande Sicherheits-Know-how, weil in Deutschland nicht mehr an der Atomenergie geforscht und entwickelt wird?

Nein, so pauschal ist das falsch. Unsere Anlagen sind sicher, sonst wären sie doch schon längst abgeschaltet. Eon betreibt eine Reihe von Kernkraftwerken seit Jahren ohne Probleme. Wir investieren erheblich in die Sicherheit und schulen kontinuierlich das Personal. Im Leitstand der Kraftwerke stehen keine Hilfsarbeiter, sondern studierte Ingenieure. In einem Schulungssimulatorzentrum in Essen spielen wir solche Störfälle für alle Kraftwerke regelmäßig durch, ähnlich wie in einer Pilotenausbildung.

Die Aufsichtsbehörden prüfen, ob sie Vattenfall die Lizenz entziehen. Würde Eon dann als Ersatzbetreiber für Krümmel einspringen?

Ohne den Ergebnissen der Prüfung vorgreifen zu wollen, glaube ich nicht, dass es dazu kommen wird.

Wäre denn Eon bereit, die Kraftwerke ganz von Vattenfall zu übernehmen?

Die Frage stellt sich derzeit nicht.

Vattenfall hat den Chef der Atomsparte gefeuert. Reicht das als Konsequenz?

Das kann nur Vattenfall beantworten.

Die Atomlobby wirbt gerade massiv für die Atomkraftwerke als "Deutschlands ungeliebte Klimaschützer". Wollen Sie die Deutschen ernsthaft für eine Renaissance der Atomkraft gewinnen?

Es geht uns vor allem darum, über eine Verlängerung der Laufzeiten offen und sachlich diskutieren zu können. Kernkraft ist CO2-frei. Darüber hinaus können wir mit ihr die Zeit überbrücken, bis die regenerativen Energien wirtschaftlich sind und wir noch klimafreundlichere Kohlekraftwerke haben. Im Ausstiegsland Schweden dürfen die Anlagen wie in den USA 60 Jahre laufen, in Frankreich sind es 50 Jahre. Nur in Deutschland soll nach 32 Jahren Schluss sein. Das ist weltweit einmalig. Dabei sind unsere Sicherheitsstandards die höchsten.

Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) plädiert offen für neue Atomkraftwerke. Sie aber wollen die gar nicht?

Man muss realistisch sein. Das Thema Kernkraft ist in Deutschland politisch sehr belastet. Heute sicher noch mehr als vor einer Woche. Immerhin hat sich die Einstellung der Bevölkerung zur Kernkraft in den vergangenen Jahren verändert: Die Mehrheit steht ihr nun viel positiver gegenüber, weil sie klimafreundlich ist. Nach Emnid sind aktuell 48 Prozent der Deutschen für Kernenergie, 43 Prozent dagegen. Wenn die Akzeptanz weiter steigen würde, könnte man sicher darüber nachdenken, auch neue Kraftwerke zu bauen.

Wie lange würde es heutzutage dauern, bis ein neuer Atommeiler ans Netz gehen könnte?

Für England haben wir das berechnet. Da reden wir, von heute an gerechnet, über 2017.

Weltweit sind zurzeit 31 Kernkraftwerke im Bau. Plant denn auch Eon konkret Neubauten?

In England überlegen wir, alte Kraftwerke durch neue zu ersetzen. Wir prüfen konkret auch ein weiteres Projekt in Finnland.

Sie haben unter Rot-Grün den Atomausstiegspakt unterschrieben, jetzt wollen Sie ihn aufkündigen. Was zählt ein Wort des Eon-Chefs?

Natürlich stehen wir zur Vereinbarung mit der damaligen Bundesregierung. Aber es muss doch möglich sein, angesichts des Klimawandels die Frage neu zu stellen. Das gebietet die politische Vernunft. Kernkraft vermeidet heute den Ausstoß von 150 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. Und um es noch einmal deutlich zu sagen: Beim Atomausstieg hatten wir keine echte Wahl. Hätten wir nicht unterschrieben, hätte uns die Atomaufsicht unter Umweltminister Jürgen Trittin die Betriebe faktisch lahmgelegt. Sachlich waren wir nie vom Ausstieg überzeugt und haben das auch immer gesagt.

Aber der Atommüll strahlt noch Jahrtausende, und die Endlagerung ist ungelöst.

Der Ausbau von Gorleben könnte morgen beginnen, aber die Politik tut sich da schwer.

Lässt sich C02 durch Energiesparen und Effizienzsteigerung nicht genauso gut vermeiden?

Dieser Weg kostet große Mühe, viel Zeit und Geld. Vor allem aber greift die Politik tief in die Freiheit und Taschen der Bürger ein. Die Bundesregierung hat ja gerade durchblicken lassen, was sie vorhat, den Einsteig in eine ökologische Planwirtschaft: Klima-Cent, Verbot von Stand-by-Schaltungen, Abschaffung von Nachtspeicherheizungen, Anschlusszwang für Fernwärme. Frau Merkel hat beim Energiegipfel angekündigt, dass die Bürger von ihrem verfügbaren Einkommen künftig mehr für Energie ausgeben müssen und weniger zum Beispiel für Urlaubsreisen. Das sollte man dann aber bitte auch öffentlich sagen.

Werfen Sie der Kanzlerin Verlogenheit vor?

Natürlich nicht. Es wäre aber redlich, wenn die Regierung den Bürgern endlich laut und deutlich sagt, welche Anstrengungen und Kosten auf sie zukommen.

Die Bundesregierung will den CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent senken. Was spricht gegen ehrgeizige Ziele?

Nichts, wenn sie auch realistisch sind. Bei Eon setzen wir uns auch anspruchsvolle Ziele, nur prüfen wir dann auch, ob sie überhaupt machbar sind. Die Regierung dagegen gründet ihre Vorgabe ausschließlich auf zu optimistische Prognosen. Danach steigt die Energieeffizienz pro Jahr um drei Prozent, und der Ölpreis liegt bei 49 Dollar pro Barrel. Das ist so, als wenn man bei seinen Planungen für Solarenergie 365 Tage Sonnenschein im Jahr voraussetzt. Momentan steigt die Energieeffizienz pro Jahr um 0,9 Prozent. Wie soll sie sich schlagartig mehr als verdreifachen?

Warum sollte Deutschland nicht versuchen, ökologisch Spitze zu werden?

Das sind wir doch schon längst. Aber der Anteil Deutschlands am weltweiten CO2- Ausstoß liegt heute bei drei Prozent. Das heißt: Selbst wenn wir die Emissionen halbierten, würden wir die Welt nicht einmal ansatzweise retten. Der Klimawandel ist ein globales Phänomen. Die Hauptverschmutzer sitzen woanders. Wir sollten stärker darüber nachdenken, wie wir zum Beispiel China helfen, alte Dreckschleudern durch moderne Kraftwerke zu ersetzen, und dafür vielleicht einen Teil der Subventionen verwenden, die wir in den Ausbau der Solarenergie stecken. Auf diese Weise könnten wir dreimal mehr und schneller CO2 einsparen.

Die Bundesregierung will bewusst eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz spielen.

Das ist ja auch völlig richtig, wenn man nicht übertreibt und wenn andere dann auch folgen. In Europa ist die Bereitschaft zum Mitmachen äußerst begrenzt, in Indien und China genauso. Die Vorreiterrolle sollten die USA übernehmen, das sagt ja auch Al Gore. Dort wird Energie in hohem Maße verschwendet. Wenn nur die Millionen von Klimaanlagen dort um zwei Grad raufgedrehtwürden, brächte das enorme Einsparungen - und keiner würde es spüren.

Wie soll denn nach Ihren Vorstellungen der Energiemix in Deutschland künftig aussehen?

Er sollte alle Technologien und Energieträger umfassen. Die erneuerbaren Energien inklusive Wasserkraft liefern heute zwölf Prozent des Bedarfs. Selbst wenn wir den Anteil mit extremen Anstrengungen bis 2020 auf 30 Prozent erhöhen - was der Bürger massiv über den Strompreis bezahlen müsste -, dann fehlten immer noch 70 Prozent. Die lassen sich nur mit Kohle, Gas und Kernkraft abdecken. Es sei denn, wir wollen wieder mit Kerzen leben.

Ist langfristig bei den regenerativen Energien nicht noch viel mehr möglich?

Langfristig schon, aber die Deutschen pflegen inzwischen einen geradezu naiven Glauben an eine Zukunft aus Sonne und Wind. Wir haben das vom Allensbach-Institut untersuchen lassen. Auf die Frage etwa, welche Energiequelle in den nächsten 20 bis 30 Jahren am wichtigsten sein wird, antworteten 61 Prozent: die Solarenergie. Sie liefert heute aber gerade mal 0,3 Prozent des Stroms! Politik und Versorgungsunternehmen müssen die Bürger viel stärker darüber aufklären, was geht und was nicht.

Experten schlagen vor, statt großer neuer Kohlekraftwerke lieber kleine, dezentrale Kraftwerke zu bauen, die Strom und Wärme gleichermaßen liefern.

Kraft-Wärme-Koppelung ist eine gute Technik. Doch dabei wird Gas verbrannt, das wir überwiegend aus Russland importieren - da haben wir dann die Diskussion um eine wachsende Energieabhängigkeit von einzelnen Ländern wie Russland. Außerdem braucht man immer jemanden, der die anfallende Wärme abnehmen kann. Und da fehlt es an Nachfrage. Kurz: Wir brauchen auch künftig Kohlekraftwerke, müssen sie allerdings technisch weiterentwickeln und noch sauberer machen.

Wann wird es Kohlekraftwerke ohne CO2-Emissionen geben?

Diese Technik wird nicht vor 2020 reif sein. Wir arbeiten sehr intensiv daran in Deutschland, Schweden, England und den USA. Wir müssen aber auch das Problem der CO2-Lagerung lösen. Hierfür muss die Politik die Voraussetzungen schaffen.

Eon wird in den nächsten Jahren 60 Milliarden Euro in Kraftwerke, Stromnetze und Forschung investieren. Wie viel wird davon in erneuerbare Energien fließen?

Drei Milliarden bis 2010. Ein höherer Betrag ist nicht drin, denn es gibt gar nicht genug Projekte, in die wir bei unseren Anforderungen investieren könnten.

Und wie viel Geld stecken Sie in neue Kohlekraftwerke?

Über vier Milliarden. Wir bauen vier neue hochmoderne Kraftwerke in Deutschland und Holland. Die Anlagen ersetzen alte und sind wesentlich effizienter und klimafreundlicher.

Kommen Sie eigentlich mit SPD-Mann Sigmar Gabriel besser aus als mit seinem grünen Vorgänger Jürgen Trittin?

Bei der Energiepolitik hat sich gegenüber der Vorgängerregierung wenig geändert. Gabriel hat die Position von Trittin nahtlos übernommen. Es arbeiten ihm ja auch die gleichen Leute zu. Der Unterschied ist vielleicht: Trittin war Überzeugungstäter, bei Gabriel bin ich da nicht ganz so sicher.

Wünschen Sie sich, dass die Bundeskanzlerin die Energiepolitik zur Chefsache macht?

Ja, denn von der Energieversorgung hängt unsere Zukunft ab. Zurzeit macht die Bundeskanzlerin allerdings keine Energie-, sondern Klimaschutzpolitik, und hier liegt sie ziemlich nah bei Gabriel.

Glauben Sie denn, dass neue Mehrheiten nach der nächsten Bundestagswahl eine andere Energiepolitik, etwa in der Atomkraftfrage, bringen würden

Den nächsten Wahlkampf werden die zwei Ks dominieren: Klima und Kinder. Um Kernkraft wird es nicht explizit gehen. Im CDU-Programm steht aber eindeutig, dass eine Verlängerung der Laufzeiten befürwortet wird.

Interview: Rolf-Herbert Peters, Lorenz Wolf-Doettinchem

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