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Finanzplatz London: Aufbruch im Auge des Sturms

Von London aus nahm das globale Finanzdesaster seinen Lauf. Milliardenwerte wurden hier pulverisiert, das Image des größten Finanzplatzes der Welt ist am Boden. Doch während im Rest der Welt noch die Krise tobt, arbeiten die City-Banker bereits an ihrem Comeback. Ein Frontbericht.

Von Eva Busse

Doch, manchmal zeigt er sich auch von seiner sensiblen Seite, dann wird er still, nachdenklich, fast melancholisch: "Alles, was aus London kam, war einfach nur superarschgeil", sagt der junge Trader dann und nippt versonnen an seinem Glas. Er trinkt Champagner, aber das hat an diesem kalten Rezessionsabend in der britischen Hauptstadt nichts zu bedeuten. Es ist kein Zeichen von Dekadenz, dass 24-jährige Berufsanfänger zu Nudeln mit Tomatensoße Champagner trinken, sondern das ist reiner Zufall, wie später noch klar werden wird. Er fährt fort: "Ein Freund von mir hat 2005 ein Praktikum bei JP Morgan gemacht. Und den haben sie nach Deutschland losgeschickt, um irgendwelchen Sparkassenleuten irgendwelche komplizierten Schuldenzertifikate zu verkaufen. Muss man sich mal vorstellen: So was haben die Praktikanten machen lassen, nicht ihre eigenen Leute!"

Fast wird er wieder albern, aber dann packt ihn das Mitgefühl mit den Opfern dieser Jahrhundertkrise, und er erzählt: "Mein Freund hat die Produkte selbst nicht richtig verstanden, aber die Sparkassenleute haben sie erst recht nicht verstanden, die dachten nur: 'Saugeil, das kommt aus London, das muss ja gut sein'. Und dann haben sie die Dinger an ihre deutschen Omis vertickt, die erst recht nix kapiert haben, und die sitzen nun auf den Verlusten." Jetzt kann er nicht mehr, jetzt schüttelt es den Trader doch wieder vor Lachen: "Das ist doch Wahnsinn, so was! Das war doch alles verrückt hier, das musste doch schiefgehen!"

Welthauptstadt der Schuldigen

Es ist ein Montagabend im Februar, 15 Monate nachdem die Bankenkrise eingeläutet wurde mit dem Zusammenbruch der britischen Hypothekenbank Northern Rock; 13 Monate nachdem der Immobilienmarkt im Vereinigten Königreich seine Talfahrt begann. Es ist fünf Monate her, dass der Wert des Pfund anfing, um fast ein Drittel zu schrumpfen; vier Monate, dass der Staat die Royal Bank of Scotland (RBS) und HBOS vor dem Kollaps retten und größter Anteilseigner werden musste; drei Monate, dass Großbritannien offiziell in der Rezession steckt; zwei Monate, dass die Arbeitslosenprognose von zwei Millionen auf drei Millionen korrigiert wurde; einen Monat, seit der Internationale Währungsfonds prophezeit hat, dass das Vereinigte Königreich schlimmer unter der Krise leiden wird als alle anderen reichen Nationen der Welt.

Es ist ein Montagabend im Epizentrum dieses epochalen Unglücks. In der Stadt, die wie keine andere Metropole auf der Welt ausgerichtet ist auf jene Branche, die die Katastrophe verursacht hat. London ist neben New York und Hongkong Welthauptstadt der Banken. Hier wurden die wertlosen Wertpapiere entworfen, die erst die Kreditmärkte und dann die Realwirtschaft einbrechen ließen, hier wurden sie kompliziert verpackt und teuer bewertet, von hier aus wurde ihr Handel betrieben. Kurz: Hier sind die Schuldigen zu finden. Jene Banker, die sich auf Kosten anderer verzockt haben und sich dafür, bevor ihre Fehler und deren Folgen bekannt wurden, hoch entlohnten.

Deshalb schaut der Rest der Welt auf diese Stadt und will Londons Banker büßen sehen. Die Stars der City sollen im Abschwung so leiden, wie sie im Aufschwung auftrumpften; sie sollen so viel verlieren, wie sie vorher gewonnen haben. Wenn die Welt in der Rezession versinkt, soll London als Erstes untergehen.

Schon werden Szenarien einer völlig zerstörten Metropole nach dem Crash ausgemalt: "Was wird übrig bleiben?", fragt etwa der Schriftsteller Will Self und prophezeit eine urbane Kampfzone wie im New York der 70er-Jahre: explodierende Kriminalität, verkommene Infrastruktur, unbenutzbare öffentliche Verkehrsmittel, zahlreiche No-Go-Zonen und wenige Oasen für Reiche.

Spießrutenlauf für Manager

Auf den ersten Blick scheint diese Sehnsucht nach Rache - nach Gerechtigkeit in der Katastrophe - befriedigt zu werden: Der Höhenflug der City ist vorbei. Tausende Banker haben im vergangenen halben Jahr ihren Job verloren, Dutzende Hedge-Fonds gingen ein, Private-Equity-Firmen gaben auf, und die Entlassungsrunden in den großen Investmentbanken gehen weiter. Gestandene Männer, erzählt man sich, haben auf den Gängen der Bürotürme, auf dem Rückweg vom letzten Gespräch mit ihrem Managing Director, geweint. Nach den schlimmsten Schätzungen wird bis Ende dieses Jahres jedem fünften der 400.000 Angestellten in der City gekündigt werden.

Diejenigen, die ihren Job behalten, werden viel weniger Geld verdienen. Milliarden weniger: Die Boni - der variable und für viele größte Teil der Entlohnung - sind 2009 nach einer Studie des Centre for Economic and Business Research im Vergleich zum vergangenen Jahr um durchschnittlich 60 Prozent gesunken. 2007 bekamen Londons Banker als Erfolgszulage 8,5 Milliarden Pfund. In dieser Saison sind es nur noch 3,6 Milliarden Pfund.

Und damit nicht genug der Vergeltung. Im Mutterland des Kapitalismus muss die Branche auch einen beispiellosen Ansehensverlust hinnehmen. So sehr sie im Boom verherrlicht wurde, so heftig wird sie jetzt für ihre Habgier verdammt. Es gehört derzeit zum guten Ton, Banker niederzumachen. Der Preis für die einfallsreichste Beschimpfung geht an den finanzpolitischen Sprecher der Liberalen. Vince Cable forderte kürzlich, Londons Banker "in Säcke voller Schlangen zu stecken und in die Themse zu werfen".

Es ist ein Spießrutenlauf. Die Chefs der fünf größten Banken mussten vor drei Wochen vor dem Finanzausschuss des Unterhauses auftreten, um sich öffentlich für ihre hohe Entlohnung zu entschuldigen. Sie wurden so lange vernommen, bis RBS-Boss Stephen Hester einräumte, dass die Bezahlung in einigen Bereichen der Branche wirklich "viel zu hoch" sei. Eric Daniels, CEO der Lloyds Banking Group, verzichtete ganz auf seinen diesjährigen Bonus von 2,3 Millionen Pfund.

Er verstärkt damit den steil abschüssigen Trend, der sich aus der aktuellen "Sunday Times Rich List" ablesen lässt: In dieser Krise mussten auch die Reichen verdammt viel einbüßen. So haben die 1000 wohlhabendsten Einwohner Großbritanniens im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte ihres Vermögens verloren. Von knapp 413 Milliarden Pfund schrumpfte ihr Besitz auf etwa 200 Milliarden Pfund.

Krise bei den Dienstleistern des Prunks

In London hinterlässt dieser immense Kaufkraftschwund überall seine Spuren. Jetzt bekommt die Hauptstadt der Kreditklemme die Folgen ihrer mangelhaften Finanzaufsicht zu spüren, ihrer laxen Regulierung und des Protzes, der sich ungehemmt - und oft auf Pump finanziert - in den reichen Vierteln breitmachen durfte. Jetzt wird der Metropole heimgezahlt, dass weniger als vier Prozent aller Jobs in der Stadt etwas mit der Produktion von Gütern zu tun haben und fast ein Drittel aller Arbeitsplätze direkt und noch mehr indirekt von der Finanzindustrie abhängen.

London hat sich vor langer Zeit ganz der Bankenbranche und deren Lebensstil ausgeliefert: "Wir bleiben extrem gelassen, wenn die Leute hier stinkreich werden", sagte Peter Mandelson damals. Jetzt soll er als Wirtschafts- und Regulierungsminister die Fehler von früher ausbügeln.

Die Party der Stinkreichen ist vorbei: Reihenweise drängen arbeitslose Yogi, Butler, Kindermädchen, Chauffeure, Ernährungsberater, Gartendesigner, Spezialisten für Wohltätigkeitsveranstaltungen derzeit auf den Londoner Arbeitsmarkt. Kaum ein Dienstleister, der für die Millionäre und Milliardäre der City arbeitet, ist nicht betroffen.

Auch Ellis Robin, Londons schillerndster Bauunternehmer, ist pleite. Robin baute vor allem für Hedge-Fonds-Manager, Investmentbanker und Popstars. Normale Reiche mussten sich auf der zwei bis drei Jahre langen Warteliste gedulden, bis auch ihnen das einfahrbare Dach verglast wurde, ein Autoaufzug ins Haus gebaut wurde oder - Robins Spezialität - auch ihr Swimmingpool per Rutschbahn aus dem Schlafzimmer zu erreichen war. Vor dem Ausbruch der Krise ließ Robin sich mit den Worten zitieren: "London schwimmt im Geld. In seinem Reichtum und seiner Opulenz kann ich es nur mit dem Venedig des 15. Jahrhunderts vergleichen." Jetzt wurden er und sein schiefer Vergleich Opfer des Crashs.

Die Nachfrage nach kostspieligen Annehmlichkeiten lässt auch sonst wo in der Stadt nach: Plötzlich findet man im Westen Londons abends problemlos ein Taxi. Plötzlich ist mitten in der Bonussaison der Aston Martin DB9, das Spitzenmodell des Sportwagenbauers, sofort lieferbar. Plötzlich muss man nicht mehr sechs, sondern nur noch zwei Wochen im Voraus reservieren, um beim teuren Japaner Nobu zu Abend zu essen (allerdings gilt die Reservierung noch immer nur für anderthalb Stunden). Selbst das Ritz hat einen "Credit Crunch Lunch" auf die Speisekarte gehoben: Sechs-Gänge-Menü mit schwarzem Trüffel für 90 Pfund. Die Panik in der Gastronomie ist groß. Nach einer Studie von PricewaterhouseCoopers mussten allein in den vergangenen drei Monaten 141 Restaurants in London Konkurs anmelden.

Auch das pompöseste Vorhaben der Stadt, mit dem sie sich endgültig als Weltbühne der Großartigkeit inszenieren wollte, ist in Mitleidenschaft gezogen: Geplant war, während der Olympischen Spiele 2012 die "bombastischste Show der Welt" abzuziehen. Jetzt ist das große Projekt nur noch ein großes Problem: Damit die Bauarbeiten am Olympischen Dorf überhaupt weitergehen können, musste die Regierung bereits ihre Rücklagen anzapfen. Olympia-Ministerin Tessa Jowell gestand kleinlaut: "Wenn wir damals gewusst hätten, was wir jetzt wissen - hätten wir uns dann für die Olympischen Spiele beworben? Höchstwahrscheinlich nicht."

Und als bedürfe es eines weiteren Beweises dafür, dass London nicht mehr das ist, was es einmal war, zieht ausgerechnet eine russische Fußballerbraut furchtbar über die Stadt her, die Leuten wie ihr doch jahrelang als Bling-Bling-Super-Mekka diente. Julia, die Freundin des neuen Arsenal-Stürmers Andrej Arschawin, schrieb vor zwei Wochen auf der Internetseite des Fußballstars: "London ist eine sehr dreckige Stadt. Auch die Londoner sind sehr dreckig und ungepflegt. Man sieht oft Frauen auf der Straße, die einen Hamburger hinunterschlingen, während das Fett auf ihr Kleid tropft." Julias Fazit: "Ich bin nur ein paar Tage hier und habe schon Heimweh. Ich will zurück."

Wenn es also selbst Fußballerbräuten nicht mehr gefällt, wenn Olympia 2012 bescheiden ausfällt, wenn Luxusdienstleister pleitegehen, gut verdienende Bankangestellte entlassen werden und Milliardäre nur noch die Hälfte wert sind - ist dies das gerechte Los für die Hauptstadt der Bankenkrise? Bekommt die Finanzelite damit anteilig heimgezahlt, was sie weltweit angerichtet hat? Wohl kaum.

Manchen wird es immer gut gehen

Der M&A-Banker, den es im Januar bei Credit Suisse erwischt hat, hört sich nicht annähernd so verzweifelt an wie ein entlassener Mechaniker in Wolfsburg, Detroit oder Birmingham. "Ich werde oft ins Fitnessstudio gehen", sagt er, "und es erst mal genießen, mir keine Sorgen machen." Er ist 38 Jahre alt, seit 16 Jahren im Geschäft und so reich, dass er sich St. Moritz auch für länger als ein Wochenende leisten könnte. Doch die Bewerbungsgespräche, die ein Headhunter für ihn organisiert hat, erlauben keine längere Auszeit. "Der Markt ist sehr, sehr schwer", sagt der Banker. Doch es gibt Hoffnung: Gerade kommt er von einem Ex-Kollegen dessen neuen Job in Singapur er gemeinsam begossen hat.

Wenn sich eine Lehre aus der Krise ziehen lässt, dann die, dass sie grundsätzlich ungerecht ist. Je näher man dem Auge des Sturms kommt, der derzeit um den Globus fegt, desto deutlicher wird: Das Leid der Banker ist weder proportional zu dem Schaden, den sie angerichtet haben, noch zu dem Reingewinn, den sie in guten Zeiten eingestrichen haben.

Es gibt zwar auch solche, die keine Rücklagen gebildet haben, die mit ihrem eigenen Geld ähnlich sorglos umgegangen sind wie mit dem der Investoren. Da ist zum Beispiel der Partner eines Private-Equity-Fonds, der vor zwei Jahren - als nichts leichter war als das - einen Privatkredit über 20 Millionen Pfund aufgenommen hat. Damit legte er sich eine Villa in Holland Park zu. Die Sicherheit, erzählt ein Kollege des Hauskäufers, war dessen erwartete Gewinnbeteiligung in Höhe von 50 Millionen Pfund, die Ende 2009 fällig werden sollte. Daraus wird nun nichts, und das Haus ist auch keine 20 Millionen mehr wert. "Der wird jetzt ganz schön schwitzen", grinst der Kollege. "Obwohl, nein, der schwitzt nicht. Der ist nicht der Typ, der schwitzt. Dem wird es immer gut gehen."

Auf dem hohen Niveau, von dem aus die Branche fällt, ist der Milliardeneinsturz der diesjährigen Bonussaison ärgerlich, aber zu verschmerzen. Selbst wer nur die vergangenen zwei oder drei Rekordjahre als Investmentbanker dabei war und nicht völlig über seine Verhältnisse lebte, hat jetzt ein bequemes, vielstelliges Polster. Und selbst wenn die Baisse länger dauern wird als nach dem Dotcom-Crash, sind die Gehälter nach wie vor ordentlich. "Mal ehrlich", sagt ein Derivate-Analyst der Schweizer Bank UBS, die es besonders hart getroffen hat, "wir kriegen immer noch unglaublich viel Geld." Die diesjährigen Boni für Londoner Banker entsprechen in etwa dem Niveau von 2004. "Und das war schließlich kein schlechtes Jahr."

Langfristige Folgen wird die Krise für Berufsanfänger haben. "Der Traum ist erst mal vorbei", sagt der 24-jährige Trader, der aus Frankfurt nach London kam. "Dass du dich drei Jahre lang umbringst, arbeitest wie ein Schwein, voll reinhaust, nur kurz zur Erholung auf dem Klo pennst, aber danach so richtig, richtig groß absahnst." Doch selbst mit dieser neuen Bescheidenheit kann er leben: "Für uns wird es bis zur ersten Million eben länger dauern."

"Licht am Horizont"

Die Exzesse des Marktfiebers sind Vergangenheit - doch von Existenzangst sind die Angestellten der City, anders als die Arbeiter in rezessionsgebeutelten Industriestädten, weit entfernt. Während dort das Desaster erst richtig beginnt, scheint hier das Schlimmste schon vorbei zu sein. Während dort die Katastrophe mit voller Wucht einschlägt, gehen die Verantwortlichen hier hinter viel Geld, besten Qualifikationen und stetiger Nachfrage nach ihren Diensten in Deckung.

Und hinter ihrem unvergleichlichen Aplomb. Die Banker, die diese Krise überstehen, werden danach noch mehr mit sich und der Welt im Reinen sein als vorher. Denn tief drinnen, das können diese Testosteron-getriebenen Alphatiere nicht verhehlen, halten sie ihre gefeuerten Kollegen für Verlierer, Versager, Schlappschwänze. "Okay, okay", sagt ein M&A-Banker, der im September mit Lehman Brothers unterzugehen drohte, doch dann von der japanischen Investmentbank Nomura übernommen wurde: "Mittlerweile erwischt es auch die Guten. Mittlerweile werden nicht mehr nur die Underperformer abgeschossen." Er strahlt stolz und siegessicher: "Deshalb bin ich zu dem Schluss gekommen: Jetzt entscheidet Personality. Jetzt bleiben nur noch die coolsten Typen übrig. Die Siegertypen. Die Stars." Er wird genauer: "Also die, die mit dem Chef am besten können."

Und dann muss er sich entschuldigen, weil er gerade zwei M&A-Deals am Laufen hat. Das Geschäft zieht wieder an, sagt er, die vergangenen drei Wochen seien brutal gewesen, keine Nacht vor zwei Uhr im Bett. Auch der amerikanische Investmentbanker, der sich bei seiner Bank um Kapitalerhöhungen kümmert, hat viel zu tun. Das Volumen wächst, da Unternehmen nur schwer an Bankkredite kommen und stattdessen Geld an der Börse einsammeln. "Wir sehen schon wieder Licht am Horizont", sagt er.

"Investoren müssen ihr Geld schließlich irgendwo investieren", begründet ein Private-Equity-Partner, der mitten in der Krise seinen neuen Job in London angetreten hat, die anziehende Nachfrage. Seinem Milliardenfonds gehe es gut, der einzige Unterschied zu früher sei, dass die Anleger jetzt häufiger anriefen - "sie sind etwas nervös".

London – Insel des Wohlstands

Ein weiterer Garant dafür, dass die Krise jener Branche, die sie ausgelöst hat, nicht wirklich an den Kragen geht, ist Sir David Walker. Er wurde von Premierminister Gordon Brown zum Vorsitzenden einer Untersuchungskommission zu den Bonuszahlungen ernannt. Sir David soll im Auftrag der Regierung herausfinden, ob die Banker der City, die in den vergangenen Jahren so beispiellos abgesahnt haben, dann Rettung vom Staat einforderten und sich nun auch an dessen Geld bereichern, gierig sind oder nicht. Doch Sir David ist selbst ein alter, millionenschwerer Star der City. "Er liebt gute Partys und den Lifestyle und die Vergünstigungen, die der Job als Investmentbanker mit sich bringen", erzählt ein Freund unbekümmert der britischen Presse, "und es scheint, als ob sein Einkommen kaum schrumpft, obwohl er auf die 70 zugeht." Dass Sir Davids Schlussfolgerungen erst Ende des Jahres veröffentlicht werden, wenn die Boni längst ausbezahlt sind, ist deshalb egal. Besonders kritisch werden sie kaum sein.

Zuversicht können sich in der Bankenkrise also ausgerechnet Londons Banker erlauben. Nach den fantastischen Loopings der vergangenen Jahre sind sie zwar wieder auf dem Boden angekommen - doch das hiesige Normalmaß ist immer noch viele Nummern größer als anderswo.

Und ihre Stadt? Wird London jetzt wirklich zum europäischen Ground Zero der Rezession - öde, verbrannt und verlassen? Nach den Statistiken zu urteilen, mitnichten. London bleibt ein eigenständiges Reich, abgehoben und losgelöst, mehr internationale Metropole als britische Kommune. Eine Stadt, in der andere Regeln gelten als auf dem Rest der immer tiefer in der Misere versinkenden Insel.

So ist die Arbeitslosenquote in ganz Großbritannien im letzten Quartal um acht Prozent gestiegen, in London ist sie dagegen - Gartenarchitekten hin, Butler her - um 1,2 Prozent gefallen. Sogar den Einbruch der Immobilienpreise hat das reiche Stadtzentrum im Vergleich zu den ärmeren Randgebieten eher glimpflich überstanden. Der tiefe Sturz des Pfund macht die vor einem Jahr noch horrend teure Stadt plötzlich wieder erschwinglich für ausländische Investoren.

An diese Klientel denken Bauunternehmer wie Candy & Candy, die kürzlich ihre zwei bislang teuersten Wohnungen auf den Markt gebracht haben: eine Sechs-Zimmer-Wohnung für 40 Millionen Pfund und eine Vier-Zimmer-Wohnung für 27,5 Millionen Pfund. Natürlich sind auch die Candy-Brüder nicht immun gegen den epochalen Wirtschaftseinbruch. Natürlich werden auch sie Einbußen hinnehmen müssen. Immobilienexperten erwarten, dass die Vier-Zimmer-Wohnung nur mit Rabatt weggeht - vielleicht für 25 Millionen Pfund.

Andere Londoner Luxusanbieter haben dem Abwärtstrend dank solventer Russen und Araber bislang ebenfalls getrotzt. Das Kaufhaus Harrods verzeichnete in den vergangenen drei Monaten sogar ein zweistelliges Wachstum beim Absatz von Luxuslabels, Schmuck und Möbeln. Im Durchschnitt haben Londoner Geschäfte im Januar ein Umsatzplus von 6,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erwirtschaftet.

Im Auge des Sturms lässt es sich immer noch gut leben. "Mag die Welt derzeit zur Hölle fahren", schwärmt der Theaterkritiker David Smith, "für Londons Bühnen ist dies ein goldenes Zeitalter." Das West End, schreibt er, sei von den Toten wiederauferstanden, präsentiere schönere, bessere, anspruchsvollere Shows denn je. Auch andernorts hält die Stadt Rekordtempo. Mehrere Großbaustellen in der City stehen wegen der Kreditklemme zwar still, das höchste Gebäude Europas jedoch, Renzo Pianos "Scherbe", wird nach Plan weitergebaut.

Die größte Angst des jungen Traders, für den jeder Tag bei UBS der letzte sein könnte, ist deshalb nicht die Arbeitslosigkeit, sondern, wie er mit theatralisch weit aufgerissenen Augen gesteht: "Oh Gott, nur nicht zurück nach Frankfurt! Aufwachen in einer Wohnung in fucking Sachsenhausen. Das wäre das Ende." London dagegen, schwärmt er, London sei mehr als eine Stadt, London sei ein Lebensgefühl.

Und wie zum Beweis stöckelt in diesem Moment seine langhaarige schwedische Freundin im Cocktailkleid herein. Modestudentin, in der Hand eine Flasche Champagner, die bei der "super-super-erfolgreichen Schau" heute Abend im Sir John Soane's Museum übrig geblieben ist. Der Schampus wird geköpft, der junge Trader schaut glücklich auf seine schöne Freundin, und sie verlangt, dass er endlich aufhört, über die Kreditklemme - den Credit Crunch - zu sprechen. Jene Krise, die Millionen Menschen auf der Welt ins Elend zu stürzen droht. Die nennt sie an diesem kalten Montagabend bloß "silly crunchy thing".

FTD