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Haim Saban: Charmant und skrupellos

Der Selfmade-Milliardär Haim Saban ist der neue starke Mann des deutschen Fernsehens - er wird Pro Sieben und Sat 1 umkrempeln.

Die Einladung kam kurzfristig und war nur an einige wichtige Medienmanager adressiert: US-Sonnyboy Haim Saban, neuer Eigentümer der TV-Sender Pro Sieben, Sat 1, Kabel 1 und N 24, bat Mittwoch vergangener Woche zum Abendessen nach München. Persönlich wollte er mit ARD-Programmdirektor Günter Struve, ZDF-Chef Markus Schächter, Verleger Florian Langenscheidt und Chefredakteuren wie Helmut Markwort von "Focus" auf gute Zusammenarbeit anstoßen. Für das Treffen hatte sich Saban etwas Besonderes ausgedacht: Der Milliardär lud nicht ins Restaurant, sondern in die Privatvilla von EM.TV-Gründer Thomas Haffa, einst Superstar der New Economy, heute vor Gericht und immer noch ein enger Freund Sabans.

Die Charmeoffensive des Milliardärs aus Los Angeles fiel zwar bescheidener aus als erhofft - viele Gäste mussten absagen, weil sie der bevorstehende Irakkrieg in Atem hielt. Doch Saban ist seine Botschaft losgeworden: Hier kommt ein Mann mit besten Absichten. Kein finsterer Mogul, der die säuberlich zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern aufgeteilte deutsche Medienlandschaft umpflügen will. Vielmehr ein Selfmademan mit Leidenschaft fürs Fernsehen, der die Trümmer des Imperiums von Leo Kirch wieder aufrichten wird, schöner und strahlender als je zuvor.

Seit Saban im Lande ist, zeigt der 58-Jährige sein einnehmendes Wesen - wer ihn trifft, ist begeistert. Artig besuchte er die Chefs seiner neuen TV-Sender und sorgte für Aufbruchstimmung. Brav machte er Antrittsbesuche bei den Granden der CSU in München. Dabei wusste er so sehr zu gefallen, dass die CSU darüber hinwegkam, dass an die Stelle des erzkonservativen Leo Kirch nun ein liberaler Amerikaner tritt, zu dessen Freunden Bill Clinton zählt. Hätte ja alles viel schlimmer kommen können: Mit Schaudern hatte die deutsche Fernsehwelt vergangenes Jahr die Gefahr heraufbeschworen, der aggressive US-australische Tycoon Rupert Murdoch oder der gerissene italienische Medienzar und Ministerpräsident Silvio Berlusconi könnten die Kirch-Pleite nutzen, um den deutschen Fernsehmarkt zu knacken, den zweitgrößten der Welt. "Saban", urteilt ein deutscher Medienmanager, "ist ein Kommunikationsweltmeister."

Das Talent dazu entdeckte er früh: Während seines Militärdienstes versuchte Saban sich als Konzertmanager. Als jemand seine Band buchte, hatte er ein Problem: Es gab noch keine. Saban suchte zügig, fand die "Lions", lernte später Bassgitarre und machte bei der Gruppe selbst mit, die es mit Coverversionen von Beatles-Songs zu bescheidenem Erfolg brachte.

Der lange Weg des Haim Saban, der heute in einem Sieben-Millionen-Dollar-Schloss in Malibu lebt, sagt viel über den schillernden Unternehmertypen: 1944 im ägyptischen Alexandria geboren, wanderte er mit zwölf Jahren mit seinen Eltern nach Tel Aviv aus. Sein Vater verkaufte Büroartikel, seine Mutter arbeitete als Näherin. Haim, ein bisweilen vorlauter Junge, flog von der Schule. Und auch seine Konzertagentur endete 1973 in der Pleite, weil wegen des Yom-Kippur-Krieges die Tournee eines japanischen Harfen-Orchesters ausfiel. Saban blieb auf erheblichen Schulden sitzen. 1975 ging er nach Paris, schlug sich als Musikproduzent durch und komponierte Titelsongs zu US-Fernsehserien wie "Dallas" und "Starsky & Hutch". Eher zufällig landete er seinen ersten Hit: Saban ließ einen neunjährigen Jungen die Titelmelodie für eine japanische Zeichentrickfilmserie singen - die Single verkaufte sich 3,5 Millionen Mal und machte Saban zu einem wohlhabenden Mann.

1983 zog er weiter nach Hollywood - dorthin, wo im Fernsehgeschäft wirklich die Musik spielt. Doch die nächsten zehn Jahre nahm den quirligen Außenseiter kaum jemand ernst - bis er mit den "Mighty Morphin Power Rangers" den großen Treffer landet. Die Comicserie über fünf sonderbar kostümierte Karatekämpfer wurde zur lukrativsten Kindersendung der Fernsehgeschichte: Sie lief in 145 Ländern. Der Spielzeughandel setzte mit Ranger-Figuren Milliarden um.

Plötzlich war Haim Saban wer. Zusammen mit Rupert Murdoch gründete er Mitte der neunziger Jahre den Kinder-Sender Fox Kids Television. Auf dem Höhepunkt des Börsenbooms verkauften sie die Firma an Disney. Saban erhielt 1,5 Milliarden cash - die größte Barauszahlung, die Hollywood je sah. Heute steht Saban auf der "Forbes"-Liste der reichsten Menschen der Welt mit einem Vermögen von 1,7 Milliarden Dollar auf Platz 236. Niemand profitierte von den Disney-Dollars mehr als die Demokratische Partei: Vor einem Jahr spendete Saban die Rekordsumme von sieben Millionen Dollar für den Bau einer neuen Parteizentrale. "Er ist der größte private Spender der Demokraten", sagt Frank Biondi, ehemaliger Boss der Universal Studios und auch ein Freund von Saban, "er glaubt an ihre Politik."

Mit seiner Frau Cheryl, 51, unterstützt er Hilfsorganisationen für Kinder und lädt zu Wohltätigkeitspartys, bei denen die Prominenz Hollywoods ihr Geld lässt. "Die Sabans sind großherzige Menschen, die sich sehr für das Allgemeinwohl einsetzen", schwärmt Biondi. "Saban hat Kontakte zu jedem hier in Los Angeles", sagt Peter Dekom, ein Unternehmensberater und ehemaliger Anwalt. "Er ist ein enorm mächtiger Mann in seiner Branche, eine Art Mini-Rupert-Murdoch." Und stets freundlich. Das kommt in Hollywood gut an.

Dennoch sollte sich niemand Illusionen hingeben über Haim Saban. "Er ist skrupellos", sagt ein deutscher TV-Mann, der es wissen muss, "was ihn interessiert, ist sein eigener Vorteil." Und den weiß Saban durchzusetzen - Hauptsache, der Gewinn stimmt. Saban wird Pro Sieben und Sat 1, die schon lange in der Krise stecken, gründlich umkrempeln, ist sich ein Aufsichtsrat der Pro Sieben Sat 1 Media AG sicher. Ein denkbares Szenario: Pro Sieben wird zu einem kleinen feinen Spielfilmkanal ohne größere Ambitionen, Sat 1 wird ausgebaut zum starken Konkurrenten von Marktführer RTL. "Internationale Top-Formate wie "Wer wird Millionär" oder "Superstars" wird sich Saban nicht entgehen lassen", sagt ein Bekannter des US-Fernsehbosses.

Schon bald dürfte der Amerikaner bei seinen Freunden in Hollywood vor der Tür stehen, um Kirch-Deals nachzuverhandeln. "Kirch war vor allem daran interessiert, Ware zu bekommen", sagt Biondi. "Der Preis war da manchmal sekundär." Saban dagegen sei "ein sehr, sehr schlauer Verhandler. Er wird disziplinierter sein."

Auch über die Zukunft des Managements wird bereits spekuliert. Viele Namen kursieren für die Top-Jobs bei Pro Sieben und Sat 1, darunter der von Fred Kogel, einst Sat-1-Chef und bis vergangenes Jahr Geschäftsführer bei Kirch Media. Kogel sagt über den neuen starken Mann im deutschen Fernsehen: "Saban ist der Richtige." Doch der hat sich noch nicht für neues Personal entschieden - erst mal will er den Deal über die Bühne bringen. Sowohl der knapp 500 Millionen Euro teure Einstieg bei den Sendern als auch die Übernahme der Filmbibliothek Kirchs - Wert: etwa 1,2 Milliarden Euro - dürfte sich bis zur letzten Unterschrift noch etwa drei Monate hinziehen.

Zudem steht Saban vielleicht bald ohne Partner da: Der französische Sender TF1 ist auf dem Rückzug. Da offenbar auch Saban nicht sein gesamtes Vermögen in das deutsche Abenteuer stecken will, begab er sich vergangene Woche auf die Suche nach einem neuen finanzstarken Kompagnon. Saban lässt zwar alle Namen von Murdoch bis Berlusconi dementieren. Aber nach stern-Informationen nahm er nicht nur zu Finanzinvestoren Kontakt auf, sondern auch zu einem Mann, der ebenfalls keine Skrupel kennt, aber längst nicht so sympathisch ist wie Saban: Silvio Berlusconi.

Arne Daniels, Karsten Lemm, Johannes Röhrig, Frank Thomsen / print