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Krise der Autobranche: Zulieferer und Händler in ernster Gefahr

Die weltumspannende Krise bringt die Autobranche merklich ins Wanken. Durch die Probleme der großen US-Autobauer geraten auch deren Zulieferer in ernste Probleme. Milliardenzahlungen werden bald fällig. Insolvenzen hätten auch Auswirkungen auf deutsche Unternehmen. Andererseits könnten diese auch profitieren, wenn der Markt in den USA sich neu ordnet.

Die Zulieferer der schwer angeschlagenen US-Autobauer müssen nach Ansicht des Auto-Experten Willi Diez um den Lohn für ihre Arbeit fürchten. "Falls Hersteller in den USA insolvent gehen, ist die Gefahr für deren Zulieferer groß, dass sie auf offenen Forderungen sitzenbleiben", sagte der Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft Geislingen. Dies könne einige Zuliefer-Unternehmen ebenfalls ins Wanken bringen. Davon wären dann laut Diez auch deutsche Autobauer betroffen, die in den USA fertigen und Teile von diesen US-Zulieferern beziehen. Von den deutschen Herstellern bauen beispielsweise Daimler und BMW Autos in den USA. BMW spürt die Folgen der Krise längst auch hierzulande und will daher seinen Händlern mit einem Förderprogramm unter die Arme greifen.

Wie ernst und akut die Lage ist, zeigt ein Bericht des renommierten "Wall Street Journal": Danach schulden die Opel-Mutter General Motors (GM) und der kleinere Konkurrent Chrysler ihren Zulieferern neun Milliarden Dollar. Die Rechnungen werden angeblich in den kommenden Wochen fällig. Es gilt als wenig wahrscheinlich, dass die Autobauer diese Summe ohne staatliche Hilfe bezahlen können. "Einige Zulieferer würden im Falle einer Insolvenz an die betroffenen Hersteller wegen der unsicheren Lage vielleicht nur noch gegen Vorauskasse liefern", sagte Diez. "Das könnte ganz schnell dazu führen, dass zum Beispiel GM oder Chrysler Produktionsprobleme bekommen könnten, weil wichtige Teile fehlen."

Können deutsche Hersteller profitieren?

"Insolvenzen bei Herstellern wären ein Supergau für den US-Arbeitsmarkt", sagte Diez. Dadurch wären seinen Angaben zufolge allein in der US-Autobranche etwa 100.000 Jobs in Gefahr. Die meisten deutschen Zulieferer sind nach Ansicht von Diez von den Problemen in den USA aber nicht so stark betroffen. "In der Regel sind die Hersteller in den USA nicht ihre Hauptkunden."

Deutsche Autobauer könnten seiner Einschätzung nach sogar von einer Pleite großer US-Hersteller profitieren und nach zuletzt zum Teil dramatisch eingebrochenen Absatzzahlen wieder mehr Autos in den USA verkaufen. "Jedes Auto, das GM nicht verkauft, verkauft ein anderer Hersteller. Die Menschen werden wegen einer möglichen Pleite nicht zu Fuß gehen", sagte Diez. Hauptprofiteure wären seinen Angaben zufolge japanische Hersteller wie Toyota, Honda oder Nissan, die wie GM vor allem den Massenmarkt bedienten. Die deutschen Hersteller seien dagegen eher im Premiumbereich aktiv.

Milliardenverluste bei Toyota

Toyota ist ein Beispiel für einen Konzern, der einen zusätzlichen Absatzmarkt dringend gut gebrauchen könnte. Medienberichten zufolge werde der japanische Autoriese wegen der Konjunkturkrise seine Ergebnisprognose voraussichtlich abermals herunterschrauben und einen Verlust von rund einer Milliarde Dollar für den Zeitraum zwischen Oktober und März melden. Die Nachrichtenagentur Kyodo meldete, die Vorschau-Korrektur sei wegen anhaltend schlechter Absatzzahlen und der Stärke des Yen gegenüber dem Dollar notwendig.

Die Zeitung „Asahi Shimbun“ meldete ohne Angaben von Quellen, wenn der Yen sich nicht deutlich abschwäche, werde der Verlust des weltgrößten Autobauers im genannten Zeitraum mehr als 100 Milliarden Yen (eine Milliarde Dollar) betragen. Dies würde dem Blatt zufolge bedeuten, dass der Gewinn für das bis März 2009 laufende Geschäftsjahr maximal 420 Milliarden Yen und damit 80 Prozent weniger als im vergangenen Jahr betragen würde. Ein Sprecher des Unternehmens lehnte eine Stellungnahme zu dem Bericht ab. Toyota hatte bereits im vergangenen Monat seine Gewinnerwartungen drastisch zurückgeschraubt.

Bei GM-Insolvenz auch Opel-Werke gefährdet

Von Gewinnen können die US-Autoriesen GM und Chrysler derzeit nur träumen. Sie hatten zuletzt immer wieder nach Milliarden-Krediten noch im Dezember verlangt - und waren damit letztlich im Senat gescheitert. Der noch amtierende Präsident George W. Bush machte am Freitag Hoffnung, Mittel aus dem 700-Milliarden-Dollar-Hilfspaket abzuzweigen. GM drosselte am Freitag nochmals die Produktion und engagierte laut einem Zeitungsbericht bereits Insolvenzberater.

Unter dem Gläubigerschutz nach Kapitel elf des US-Insolvenzrechts können Firmen die Bedienung ihrer Schulden aussetzen und sich in Ruhe sanieren. In diesem Fall würde in ein solches Sanierungsprogramm auch die GM-Tochter Opel eingebunden, sagte Diez. "Die einzelnen Opel-Standorte würden dann auf den Prüfstand kommen. Man kann nicht ausschließen, dass es im Rahmen dieses Verfahrens zu Werksschließungen kommen könnte." Die deutschen Opel-Fabriken sind laut Diez aber weniger gefährdet als andere Standorte, weil sie vergleichsweise modern seien.

BMW: Förderprogramm für Händler

Ein weiterer Zweig, der durch die Absatzkrise in der Autobranche hart getroffen ist, sind die Händler. BMW will seinen Verkaufsstellen nach einem Absatzeinbruch im November mit einem eigenen Förderprogramm unter die Arme greifen. Das Programm werde ein Volumen in mindestens dreistelliger Millionenhöhe erreichen, sagte ein BMW-Sprecher am Samstag in München und bestätigte damit einen Bericht der "Wirtschaftswoche". Die Händler sollen finanzielle Hilfen für die Ausrüstung ihrer Werkstätten und leistungsabhängige Boni erhalten. Bei BMW waren die Verkaufszahlen im November um mehr als ein Viertel eingebrochen. Um die Produktion zu drosseln, schickt der Autobauer seine Beschäftigten in diesem Jahr in verlängerte Weihnachtsferien.

Im Rahmen des Förderprogramms für die Händler sicherte BMW zu, die Finanzierungszinsen im Geschäft mit dem Endkunden bei 3,9 bis 4,9 Prozent zu belassen - selbst dann, wenn die Zinsen sonst wieder steigen sollten. Durch das Programm, das Deutschland-Vertriebschef Philipp von Sahr erarbeitet hat, sollen vor allem erfolgreiche Händler unterstützt werden. "Wir subventionieren nicht flächendeckend oder führen Händler am Tropf durch die Krise", sagte er dem Magazin. Ziel sei es vielmehr, die Händler zu fördern, die aktiv ihren Markt bearbeiteten. Nur Händler, die 2009 mindestens 80 bis 90 Prozent des Vorjahresabsatzes erreichen, sollten den Top Bonus bekommen.

DPA/Reuters / DPA / Reuters