HOME

Unfallserie bei Toyota: Tödliche Ausreißer

Rutschende Teppiche, klemmende Pedale und eine Serie schwerer Unfälle in den USA: Der einstige Qualitätsweltmeister Toyota hat ein Riesenproblem. Nun wird geprüft, ob auch von europäischen Toyotas eine tödliche Gefahr ausgeht.

Von Gernot Kramper

Rückrufaktionen und kleine Pannen plagen viele Autohersteller. Aber Toyota wird von einem wirklichen Alptraum verfolgt. In wichtigen Modellen sollen die Gaspedale klemmen. Eine Horrorvorstellung wie aus einem James-Bond-Film. Das Gas wird beim Beschleunigen durchgetreten und bleibt dann stecken. In einem mit einer Automatik ausgerüsteten Wagen heißt das: Der Wagen wird immer schneller und schneller. Diese Aussicht verunsichert Millionen von Toyotafahrern nicht nur in den USA zutiefst, müssen sie doch befürchten, in einer Art fahrender Selbstmordrakete zu sitzen. Kein Wunder, dass die Pedal-Affäre droht, den guten Ruf des Autokonzerns Toyota nachhaltig zu ruinieren.

Rostgefahr an einer Rückholfeder

Seit dieser Woche reagiert Toyota in den USA. Wegen Rostgefahr an einer Rückholfeder am Gaspedal wurde der Verkauf von acht betroffenen Modellen gestoppt. Am 1. Februar wird die Produktion in sechs US-Werken angehalten. Und schon vergangene Woche wurden 2,3 Millionen Fahrzeuge wegen möglicher Probleme mit dem Gaspedal in die Werkstätten gerufen. Erst vor wenigen Monaten hatte Toyota 4,2 Millionen Fahrzeuge wegen anderer Probleme mit Gaspedalen zurückgerufen. Dennoch kommt die Reaktion zu spät. US-Medien berichten von einer großen Zahl von Unfällen. Autoexperte Willi Diez zu stern.de: "Für das Qualitätsimage von Toyota ist das eine ganz üble Geschichte. In Amerika ist es immer wichtig, möglichst offen und schnell zu kommunizieren. Denn dort hat man nicht nur ein Imageproblem, sondern auch sehr schnell kostspielige Auseinandersetzungen mit den Verbraucheranwälten."

Gang raus bremst den Wagen

Ein Sprecher von Toyota Deutschland erklärte, hierzulande sei das Problem bisher nicht aufgetreten. Autos aus US-Werken des Konzerns würden nicht nach Deutschland geliefert. Wie der Sprecher erläuterte, ist bei dem Fehler die Rückholfeder des elektronischen Gaspedals betroffen. Durch Rost könne es passieren, dass das Pedal nicht auf die Leerlaufstellung zurückkomme und der Motor weiter hoch drehe, obwohl der Fuß vom Gas genommen wurde. Im Prinzip könne ein routinierter Fahrer das Problem in den Griff bekommen. Der Toyota-Sprecher sagte, wenn das Problem auftrete, könne bei Automatik-Autos der Fahrhebel auf Leerlauf gezogen und bei Schaltgetrieben die Kupplung getreten werden. Über die Bremse könne der Wagen dann wieder abgebremst werden. Bei einem normalen Fahrer dürfte der Schock überwiegen, zum überlegten Handeln seien die meisten aber kaum fähig.

Obwohl das Problem bisher nur in den USA aufgetreten ist, weitet Toyota nun seine Rückrufaktion wegen klemmender Gaspedale auf Europa aus. Zurzeit werde geprüft, wie viele Autos davon betroffen seien, sagte Europa-Chef Colin Hensley in Brüssel.

Rollentausch: Pick-up reißt Abschleppwagen in die Luft – doch dann schlägt das Karma zu

In den USA betreffen die Probleme die beliebtesten Toyota-Modelle: den Mittelklassewagen Camry, der 2009 mal wieder das meistverkaufte Auto auf dem US-Markt war, den Geländewagen RAV4, den Kompaktwagen Corolla, den Luxus-Geländewagen Highlander und den gigantische Pick Up-Truck Tundra. Inzwischen zeigen sich auch erste Auseinandersetzungen zwischen den Beteiligten. Der Zulieferer CTS, von dem die klemmenden Gaspedale stammen, wies jede Schuld von sich. Alle Produkte seien nach den Vorgaben von Toyota gefertigt worden, teilte das Unternehmen aus Elkhart im Bundesstaat Indiana mit. Auch über den Umfang der Pannenserie weichen die Darstellungen voneinander ab. Nach Erkenntnissen des Zulieferers, basierend auf Daten von Toyota, hatte es weniger als ein Dutzend Fälle gegeben, in denen die Gaspedale klemmten. "Und in keinem Fall hat das Gaspedal in einer teilweise gedrückten Stellung fest gehangen."

US-Medien berichten von tödlichen Unfällen

In den US-Medien wird dagegen seit etwa einem Jahr von zahlreichen Unfällen berichtet. Auch einen Begriff gibt es bereits für das Phänomen "Runaway Toyota" – "Ausreißer Toyotas". Von 200 Unfällen mit zwölf Toten ist die Rede. Besonders spektakulär ist der Tod des Polizisten Mark Saylor, der im August mit seinem Lexus ES-350 verunglückte. Seine letzten Sekunden wurden vom Telefon übertragen. "Das Gaspedal klemmt. Wir stecken in größten Schwierigkeiten", schrie der Autobahnpolizist. "Wir rasen auf die Kreuzung zu", waren seine letzten Worte. Danach hört man einen Knall. Der Lexus überschlug sich und barnnet aus. Alle vier Insassen starben.

Die US-Öffentlichkeit ist geschockt. Ein großer Teil des Erfolges von Toyota beruht auf der hohen Qualität und Sicherheit der Fahrzeuge. "Ich würde die Qualität von Toyota jetzt nicht generell in Zweifel ziehen wollen", sagt Autoexperte Diez. "Als Toyota in die USA gegangen ist, hat man immer bezweifelt, dass Toyota die hohe Qualität der japanischen Fertigung auch in den USA erreichen kann, aber das haben sie immer geschafft." Darauf gründet der Erfolg in den USA. Wegen der zahlreichen US-Werke gilt die Marke den Amerikanern als "heimisch", aber eben nicht mit der von US-Herstellern gewohnten schlechten Qualität.

Wie sehr spektakuläre Pannen das Markenimage in den USA beschädigen, kann man am Beispiel Audi studieren. In den achtziger Jahren gab es eine Unfallserie, weil Audi mit Automatik-Getriebe plötzlich vorwärts oder rückwärts rasten und vom Fahrer nicht mehr zu bremsen waren. Erst an einem festen Hindernis war Schluss mit der Amokfahrt. Ursache des Audi-Debakels waren keine Qualitätsmängel, sondern zu schmale und zu eng nebeneinander angeordnete Pedale, mit denen die US-Fahrer nicht zu recht kamen. Erwünschtes Bremsen führte zu einem ungewollten "Vollgas". Audi kostete es Jahre, das Vertrauen zurückzugewinnen und noch heute haftet der Marke die Unglückseerie der "ungewollten Beschleunigung" an.

Mit DPA

Anm zu den gelöschten Kommentaren: Der tragische Tod von vier Personen ist gewiss kein "Schenkelklopfer". Der verunglückte Fahrer hatte mit Sicherheit mehr Erfahrung am Steuer als einige, die es jetzt an der Tastatur besser wissen. Wer will, kann den Dialog auf Youtube anhören. Stern.de wollte den O-Ton mit Rücksicht auf die Opfer des Unglücks nicht auf die Seite bringen.

Bei einem Keyless-Fahrzeug ist das Ausschalten des Motors übrigens so einfach nicht möglich. Im Prinzip bleibt immer die Möglichkeit – wie vom Toyotasprecher gesagt – den Antriebstrang vom Motor zu trennen. Es ist aber allzu menschlich, dass nicht jeder so schnell auf diese Lösung kommt. Das Übrige ist Statistik: Alle die diesen rettenden Einfall hatten, enden nicht in einem solchen Unfall.

Wissenscommunity