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Nachfolger von Mehdorn: Der neue Zugchef

Er ist der Anti-Mehdorn: freundlich, taktvoll und besonnen. Aber kann Rüdiger Grube so die Bahn führen? Mit dem stern sprach er über sein Leben und inspizierte schon mal sein neues Reich.

Von Jan Boris Wintzenburg

Jörg Bothe und seine Kolleginnen Erika Homann und Claudia Meusel halten den Kopf gesenkt, als ihnen eine Gestalt im dunklen Businessanzug gestikulierend den Weg versperrt. Der Tag war anstrengend: Seit 15.09 Uhr waren die drei Zugbegleiter von Hamburg-Altona mit ihrem ICE 771 nach Stuttgart unterwegs. Jetzt ist es kurz nach 21 Uhr. Gut 25 Minuten Verspätung haben sie eingefahren. Ihre Blicke sind abwehrend, genervt und auch ein bisschen ohnmächtig, als der Mittfünfziger beginnt, auf sie einzureden. Die drei Eisenbahner sehen aus, als hätten heute schon viele Fahrgäste mit ihnen geschimpft. "Nicht noch einer, der sich über die Verspätung beschwert", mögen sie denken. "Jetzt ist doch Feierabend."

Doch den Anzugmann bremst das nicht in seinem Elan: "Guten Abend, darf ich mich vorstellen?", sagt er dynamisch und wartet gar nicht erst auf eine Antwort. "Mein Name ist Rüdiger Grube, und ich bin der neue Bahnchef. Wir machen hier gerade ein paar Fotos mit Ihrem Zug für den stern. Und ich dachte, es wäre schön, wenn auch ein paar Bahnmitarbeiter aufs Bild kämen. Würden Sie da mitmachen?"

Nach wenigen Minuten sind aus den drei Eisenbahnern, die in den Feierabend trotteten, bereitwillig posierende Fotomodelle geworden. Irgendwie hat Grube sie angesteckt mit seiner freudigen Aktivität. Ihr Misstrauen ist weg: Der Mann ist doch kein verärgerter Fahrgast, sondern glücklicherweise nur der Nachfolger von Hartmut Mehdorn. Die drei Bahner schauen gelöst in die Kamera. Grube hat den Arm um sie gelegt, wie bei einem Familienfoto. "Bitte lächeln." Klick. "Wenn der Chef das sagt …", sagt Frau Meusel lachend - und ist damit vermutlich die erste der rund 240.000 Beschäftigten der Bahn AG, die den Daimler-Manager Rüdiger Grube, 57, so nennt.

So schnell kann man Bahnchef werden.

Bulldoggen-Charme

Es ist lange her, dass sein Vorgänger Hartmut Mehdorn bei Bahnmitarbeitern ähnliche Gefühle ausgelöst hat. Mit dem Charme einer Bulldogge ging der inzwischen 66-jährige Manager in seinen knapp zehn Jahren an der Bahnspitze auf alles los, was sich ihm in den Weg stellte: Mitarbeiter, Gewerkschafter, Kunden, Politiker und Journalisten. Das verschaffte ihm viele Kritiker - trotz erwiesener Erfolge.

Sein Nachfolger Rüdiger Grube wirkt da wie das genaue Gegenteil: wie einer, der mit den Leuten kann und - das ist mindestens genauso wichtig - auch will. Doch bisher weiß kaum jemand, wer dieser Rüdiger Grube wirklich ist. Acht Jahre war er im Daimler-Vorstand für die Strategie verantwortlich. Ein stilles Amt, ohne viel Öffentlichkeit. Ein Diplomatenjob, bei dem es darum geht, für den Vorstandsvorsitzenden mitzudenken und ihn vor Fehlern zu bewahren.

Über das Wirken von Grube ist daher wenig öffentlich bekannt: Er organisierte für Jürgen Schrempp die Übernahme von Chrysler. "Damals war ich genauso überzeugt vom Sinn des Zusammenschlusses wie alle anderen", sagt er heute. Inzwischen weiß man: Daimler-Chrysler war wohl der teuerste Fehler, den ein deutscher Konzern je gemacht hat. Später half Grube dem neuen Daimler-Boss Dieter Zetsche, die unselige Ehe wieder zu lösen.

Saubere Übergabe

Außerdem verhandelte er die Neuordnung des völlig zerstrittenen deutsch-französischen EADS-Konzerns. In dieser Rolle fiel er Kanzlerin Angela Merkel auf. EADS und die Vorgänger- Firma Dasa betrachtet Grube als Herzensangelegenheit: Hier startete er seine Industriekarriere als Assistent und später als Büroleiter des damaligen Dasa-Bosses Hartmut Mehdorn, den er nun bei der Bahn beerben wird. Seit dieser Zeit - das erwähnt Grube nebenbei - sind sie per du. Soll heißen: Macht euch keine Sorgen, die Übergabe läuft sauber, Mehdorn unterstützt mich.

Auch wenn Grube erst an diesem Freitag vom Aufsichtsrat berufen wird und sein Amt zum 1. Mai antritt: Faktisch darf er sich bereits seit dem 1. April als Bahnchef fühlen. An diesem Tag rief Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee morgens bei ihm an. Er wolle ihn kennenlernen und mit ihm über das Amt des Bahnchefs reden. Für Grube kam der Anruf nicht überraschend. "Ich hatte das vorher schon von Merkel und Steinmeier gehört", sagt er beiläufig. Übersetzt bedeutet das: Tiefensee war bei der Entscheidung nicht wichtig. CDU-Kanzlerin Merkel und SPD-Vize Steinmeier haben sie getroffen. Ich habe breiten Rückhalt, und mein Netzwerk funktioniert prächtig.

Wenige Stunden später sitzt Grube im Verkehrsministerium. Man sei sich bei dem Gespräch schnell handelseinig gewesen und habe sich auch sonst bestens verstanden. "Mensch, das ist mir lange nicht mehr passiert", habe Tiefensee ihm gesagt und ihm das Du angeboten: "Ich bin der Wolfgang." "Dann bin ich der Rüdiger", habe er freudig erwidert.

Bunte Biografie

Die ersten Auftritte des neuen Bahnchefs lassen erahnen: Dieser Rüdiger Grube ist ganz anders, als man sich einen Strategievorstand von Daimler, einen kühlen Analytiker, eigentlich vorstellt. Auch seine Biografie ist überraschend bunt: Geboren wurde er im ländlich geprägten Hamburger Vorort Moorburg, direkt an der Süderelbe. Seine Eltern bewirtschafteten einen Bauernhof mit Kühen, Schweinen, Pferden, Obst- und Gemüseanbau. Schon als Sechsjähriger fuhr er in den Ferien immer frühmorgens um fünf mit seinem großen Bruder im Bummelzug zum Hamburger Hauptbahnhof. Dann ging es zu Fuß weiter zum Großmarkt. "Meine Großmutter, die ich über alles geliebt und geschätzt habe, hatte dort einen Obst- und Gemüsestand", erinnert er sich und macht einen Moment lang den Eindruck, als sähe er die Apfelkisten noch vor sich stehen. "Das ist meine früheste Erinnerung an die Bahn - und eine sehr schöne dazu."

Grube besuchte neun Jahre die Hauptschule, machte danach den Realschulabschluss. Als Schüler kam er erstmals mit der großen Politik in Berührung: Der damalige Innensenator Helmut Schmidt stand eines Tages vor den Trümmern des bei der Flutkatastrophe 1962 komplett zerstörten Schulgebäudes und hielt eine Rede vor den verstörten Kindern: "Die gute Nachricht ist: Ihr bekommt alles neu: Schulhaus, Tornister, Schreibutensilien. Die schlechte: Ihr müsst so lange im Nachbarort weitermachen. Wenn ihr also geglaubt habt, ihr hättet ein paar Monate frei ... - so hat das Helmut Schmidt damals erzählt", erinnert sich Grube.

Die kleine Politik kannte Grube zumindest aus Erzählungen über seinen Großvater: Der war Bürgermeister für den Raum Süderelbe, ein aufrechter Sozialdemokrat, der unter den Nazis aus dem Amt gedrängt und eine Zeit lang im KZ eingekerkert wurde. Nach dem Krieg gaben die Alliierten ihm sein Amt zurück. Bei Dienstfahrten mit dem Fahrrad holte er sich im Winter 1946 eine Lungenentzündung und starb einige Jahre vor Grubes Geburt. "Mein Großvater wollte immer ein großes Vorbild sein", sagt Grube, und man spürt: Das will er auch.

Der Wendepunkt im Leben

Nach der Schule begann er eine Lehre beim Hamburger Flugzeugbau, jener Flugzeugwerft, die später erst Dasa und dann Airbus wurde. "Wie es immer so ist: Ich fühlte mich nicht ausgelastet in der Ausbildung", erzählt Grube. "Also bin ich in die Jugendvertretung gegangen und habe die Azubi-Zeitung ,Spant‘ gegründet. Da war ich Herausgeber, Chefredakteur und Politikchef. 30 Pfennig, davon 20 für die Aktion Sorgenkind, einmal im Monat ..." Grube sieht glücklich aus, als er versonnen in einer der alten Ausgaben blättert. "800 Stück Auflage."

Der "Spant" - ein tragendes Bauteil in Rumpf und Flügel - war ein entscheidender Wendepunkt in Grubes Leben. Ohne seine Artikel über die damals umstrittenen Organspenden und das Recht auf lange Haare würde er vielleicht noch heute Flugzeuge zusammenbauen. Doch der "Spant" gelangte eines Tages in die Hände von Firmenchef Werner Blohm, Spross einer Hamburger Schiffbau-Dynastie (Blohm + Voss). Der nahm die Zeitung mit nach Hause, wo seine Frau einige Artikel von Grube las. "Am nächsten Tag klingelt das Telefon beim Ausbildungsleiter: Grube soll mal zum obersten Chef kommen", spielt Grube den Dialog nach. "Ich im Blaumann da hin, voller Metallspäne und Öl. Und dann sagt Werner Blohm: Mensch, Herr Grube, meine Frau würde Sie gerne mal zu uns nach Hause einladen ..."

Bei seinem Besuch im feinen Hamburger Stadtteil Blankenese erzählt Grube, dass er gern studieren würde, ihm aber das Geld fehle. "Einen Tag später: Wieder der Anruf beim Ausbildungsleiter. Ich soll zum Chef kommen. Ja, sagt Werner Blohm, wir haben für meinen Vater Walther eine Stiftung ins Leben gerufen. Wie viel brauchen Sie, um Ihr Studium zu finanzieren? Da sage ich: Ja, Herr Blohm, da bin ich nicht drauf vorbereitet. Da sagt er: Pass auf, bist du mit 300 Mark einverstanden? Da sag ich: Herr Blohm, wenn Sie mir 300 Mark geben, mache ich einen Luftsprung, davon kann ich mir noch einen VW-Käfer leisten. Da sagt er: 300 D-Mark, aber Junge, du versprichst mir eins: Jedes Semester bist du bei mir, zeigst das Zeugnis, und du arbeitest hier. Da sag ich: Abgemacht."

Karriere machen und Netzwerke knüpfen

Grube büffelt sich durchs Fahrzeugtechnik- und Flugzeugbaustudium an der Fachhochschule, Diplom mit Note eins, und macht noch einen Abschluss in Wirtschaftspädagogik an der Uni. Anschließend wird er Berufsschullehrer, beamtet, an der Gewerbeschule 15 in Hamburg. Fächer: Flugzeugbau und Politik. Über ein Projekt mit seinen Schülern lernt er den damaligen Ersten Bürgermeister der Hansestadt, Klaus von Dohnanyi (SPD), kennen und macht für ihn 1983 Wahlkampf. Die SPD schnitt ordentlich ab. Aber: "Ich bin und war nie in einer Partei", sagt Grube. Trotzdem versteht man jetzt, warum auch die SPD seiner Berufung zum Bahnchef so schnell zustimmte: Er hat Stallgeruch.

Nach der aufregenden Wahl kehrte Grube zurück zur Flugzeugwerft an die Elbe. Dort geht er am 6. Dezember 1989, dem Nikolaustag, in das Büro von Firmenchef Hartmut Mehdorn. Er erinnert sich noch an folgenden Auftritt: "Herr Mehdorn, ich mache es mal ganz kurz, ich würde gerne für Sie arbeiten. Und da sagt er: Ja, das ist ja nett, aber es wollen viele für mich arbeiten. Nein, sage ich, mein Konzept ist anders. Ich arbeite drei Monate umsonst, und wenn ich das Geld wert bin, dann stellen Sie mich ein. Und wenn nicht, dann kriege ich auch kein Geld. Da sagt er zu mir, Junge, so hat sich noch keiner vorgestellt, du bist eingestellt."

Grube wird Mehdorns Assistent, später sein Büroleiter. In dieser Zeit fällt er auch dem späteren Daimler-Chef Jürgen Schrempp auf, der ihn 1996 nach Stuttgart holt. Seit 2001 ist er dort im Vorstand. Hier bekommt Grube Zugang zu den wirklich wichtigen Leuten der Welt: Nicolas Sarkozy? Mit dem hat er im Élysée-Palast verhandelt. Der Emir von Dubai? Mit dem veranstaltet er ein deutsch-arabisches Managerforum. Indiens Stahl-Tycoone Lakshmi Mittal und Ratan Tata? Man redet sich mit Vornamen an.

Seine Stärken

Seine Augen leuchten, wenn er von seinem globalen Netzwerk erzählt. Wer Grubes Büro bei Daimler mit den ältlichen Möbeln und dem Blick auf ein Parkhaus sieht, glaubt sofort, dass ihm Statussymbole nichts bedeuten. "Ich habe ein großes Netzwerk. Wichtig ist: Die Leute wissen, dass man sich auf mich verlassen kann. Das ist meine Stärke."

Acht Jahre wirkt Rüdiger Grube bei Daimler im Hintergrund. Bis zu dem Tag, an dem ihm Wolfgang Tiefensee das Du anbietet. Nun steht er in der ersten Reihe. Aber kann er das auch? 240.000 Eisenbahner sind etwas anderes als eine Strategieabteilung, die schöne Pläne ausheckt, die manchmal sogar funktionieren. Er habe ja auch bei Daimler schon Tausende Leute operativ geführt, sagt Grube.

Gute Vorsätze

Bei der Bahn will er die Sache behutsam angehen, nicht mit der Brechstange: Börsengang? "Vielleicht, wenn die Finanzkrise vorbei ist." Kampf mit den Gewerkschaften? "Nein, denn ich weiß, wie Arbeitnehmer ticken." Die vom stern aufgedeckte Datenaffäre? "Muss bedingungslos aufgeklärt werden." Fette Manager-Boni? "Vorstand zu sein ist eine ausgeliehene Macht, und mit dieser Macht muss man behutsam - sprich vorsichtig - umgehen. Mit der Haltung, ich sei jetzt etwas Besseres, werden Sie mich bei der Bahn nie ertappen." Ein Versprechen, kombiniert mit verdeckter Kritik am Auftreten des Vorgängers.

Grube will alle für sich einnehmen, er will wirklich ein Eisenbahner werden. An diesem Abend am Stuttgarter Hauptbahnhof lässt er sich noch vom Lokführer eines Regionalzuges dessen Dienstplan erklären, weil ihn ein Gewerkschaftsboss beim Vorstellungsgespräch auf die schlimmen Arbeitszeiten des Zugpersonals hingewiesen hat. Auch darin steckt eine Botschaft: Arbeitstier Grube erledigt Dinge sofort. Lange Wartezeiten gibt es bei mir nicht. Daran können sich alle gleich gewöhnen. Und: Ich will alles selber sehen, am liebsten vor Ort. Rechnet damit, dass ich überall auftauchen kann, also erzählt mir keinen Quatsch.

Der neue Zugchef ist längst dabei, sein Netzwerk zu knüpfen. Name und Telefonnummer des Lokführers hat er sich schon notiert.

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