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Deutsches Pilotprojekt 1200 Euro Grundeinkommen: Was von dem neuen Experiment zu erwarten ist

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Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens erhoffen sich mehr Freiheit und Zufriedenheit
© Getty Images
In Deutschland startet ein wissenschaftliches Experiment zum bedingungslosen Grundeinkommen. Wie unterscheidet sich das Projekt von bisherigen – und welche Erkenntnisse kann es bringen?

Das Konzept eines bedingungslosen Grundeinkommens ist hart umstritten. Befürworter loben es als eine menschenwürdige Alternative zu Hartz IV, die uns alle freier und glücklicher macht. Kritiker sehen darin eine unbezahlbare Sozialutopie für Faulenzer. Nun startet in Deutschland ein Versuch, die Diskussion zwischen diesen beiden ideologischen Polen auf eine sachliche Grundlage zu stellen.

Der gemeinnützige Verein "MeinGrundeinkommen" startet gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts und der Uni Köln ein Pilotprojekt, das die konkreten Auswirkungen eines solchen Grundeinkommens untersuchen soll. Es ist nicht das erste Grundeinkommensexperiment - aber doch ein besonderes. Denn es handelt sich um die erste wissenschaftliche Langzeituntersuchung dieser Art für Deutschland. Wie der Feldversuch funktioniert und welche Erkenntnisse er bringen kann:

Wie ist das Experiment aufgebaut?

120 Teilnehmer sollen ab Frühjahr 2021 ein monatliches Grundeinkommen von 1200 Euro bekommen – unabhängig davon, was sie sonst noch verdienen oder besitzen. Das Geld wird drei Jahre lang ausgezahlt. Gleichzeitig wird eine Kontrollgruppe mit 1380 Menschen gebildet, die das Geld nicht erhalten, aber genauso untersucht wird wie die Grundeinkommensbezieher. So lässt sich feststellen, welche Änderungen wirklich auf das Grundeinkommen zurückzuführen sind.

Die Versuchsteilnehmer beider Gruppen werden aus allen Personen ausgewählt, die sich auf der Website des Projektes für eine Teilnahme bewerben. Um die Stichprobe möglichst repräsentativ zu halten, hoffen die Forscher auf eine Million Bewerber bis November. Das Projekt wird durch Spenden finanziert.

Was genau wird untersucht?

Die Teilnehmer der Studie werden regelmäßig befragt, um herauszufinden, wie das Grundeinkommen ihr Leben verändert. Es geht um die berufliche Situation, aber auch Fragen der allgemeinen Zufriedenheit und gesundheitliche Aspekte. Zum Beispiel: Arbeiten die Menschen mehr, weniger oder anders? Inwiefern sinken Existenzängste, Stress und Burnoutgefahr? Was machen die Menschen mit der zusätzlichen finanziellen Absicherung und was macht sie mit ihnen? Von einigen Teilnehmern sollen sogar Haarproben ausgewertet werden.

Wie unterscheidet sich das Projekt von anderen Grundeinkommensexperimenten?

Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens wurde und wird bereits in verschiedenen Ländern ausprobiert. So erhalten etwa bei einem Langzeitexperiment in Kenia seit einigen Jahren Tausende Menschen ein Grundeinkommen von umgerechnet 20 Euro im Monat. Allerdings sind die Erkenntnisse oft schlecht übertragbar. "Bisherige weltweite Experimente sind für die aktuelle Debatte in Deutschland weitgehend unbrauchbar", sagt der an der Studie beteiligte DIW-Forscher Jürgen Schupp.

Am nächsten an uns dran war noch ein vielbeachtetes Experiment in Finnland. Die finnische Regierung zahlte über zwei Jahre ein bedingungsloses Grundeinkommen von monatlich 560 Euro. Die 2000 Teilnehmer waren allerdings allesamt Arbeitslose, da sich die Finnen vornehmlich für Arbeitsmarkteffekte interessierten. Da diese nicht zufriedenstellend ausfielen, wurde das Projekt nicht fortgeführt. Beim deutschen Experiment sollen nun Teilnehmer aus möglichst vielen gesellschaftlichen Schichten dabei sein.

Ganz neu ist das Thema hierzulande auch nicht. Der Berliner Verein MeinGrundeinkommen, der nun das Pilotprojekt initiiert hat, verlost bereits seit einigen Jahren spendenfinanzierte Grundeinkommen von 1000 Euro monatlich für ein Jahr. (Hier berichten Gewinner von Ihren Erfahrungen.) Dieses Experiment wird allerdings nicht wissenschaftlich begleitet, sodass sich keine belastbaren Aussagen ableiten lassen.

Welche Erkenntnisse sind zu erwarten?

Im finnischen Experiment waren die Arbeitsmarkteffekte zwar gering, dafür stellten die Forscher eine Reihe anderer positiver Effekte fest. So waren die Bezieher des Grundeinkommens "zufriedener mit ihrem Leben und litten seltener unter psychischer Belastung, Depressionen, Traurigkeit und Einsamkeit", wie es im Abschlussbericht heißt. Außerdem hatten sie mehr Vertrauen in ihre Mitmenschen und gesellschaftliche Institutionen.

Auch viele Gewinner der Lotterie von MeinGrundeinkommen in Deutschland berichten von gestiegener Lebenszufriedenheit aufgrund der zusätzlichen Sicherheit. In einer nicht-repräsentative Umfrage unter diesen Gewinnern bezeichnete sich eine Mehrheit als mutiger und neugieriger. Die allermeisten verspürten weniger Leistungsdruck, aber mehr Tatendrang.

DIW-Forscher Schupp erwartet im anstehenden Experiment, dass tatsächlich einige ihren Job aufgeben, "die ausschließlich wegen des Geldes arbeiten", sagte er dem "Spiegel". Aus sozialwissenschaftlichen Erhebungen wisse er aber auch, dass viele bei einem unerwarteten Geldgeschenk von 10.000 Euro mitnichten ihr Leben auf den Kopf stellen würden. " Rund die Hälfte antwortet, dass sie nichts ändern und das Geld gar nicht anfassen, sondern in ihre Rücklage stecken würden. Es würde mich nicht wundern, wenn ein ähnlich hoher Anteil unserer Grundeinkommensbezieher es so halten wird."

Was sind die Grenzen der Studie?

Die Studie kann interessante Erkenntnisse liefern, was sich für den Einzelnen ändert. Gesamtgesellschaftliche Auswirkungen eines bedingungslosen Grundeinkommen – etwa auf Preise, Löhne und Steuern – kann sie hingegen nicht erfassen. Denn wenn das Grundeinkommen für alle eingeführt würde, müssten voraussichtlich zugleich die meisten anderen Sozialleistungen wegfallen, um es finanzieren zu können.

Daher sind bereits zwei Folgestudien in Planung: eine beschäftigt sich mit einem günstigeren Grundeinkommen light, die andere mit einem Konzept zur Finanzierung. So soll ab 2022 untersucht werden, wie stark die positiven Effekte aus Studie 1 noch sind, wenn die Menschen nicht 1200 Euro zusätzlich bekommen, sondern ihr Gehalt lediglich bis zu dieser Summe aufgestockt wird (1200 Euro Mindesteinkommen statt Grundeinkommen on top).

Im dritten Teil der Studie soll schließlich untersucht werden, was passiert, wenn das Grundeinkommen mit einer simulierten Steuer von 50 Prozent auf alle sonstigen Einkünfte verrechnet wird. "Am Ende der drei Studien können Aussagen darüber getroffen werden, ob das Grundeinkommen einen Effekt erzeugt und ob dieser Effekt durch das zusätzliche Geld oder durch vermehrte psychologische Sicherheit entsteht", heißt es in der schriftlichen Projektvorstellung.

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