VG-Wort Pixel

Die neue Arbeitswelt Kollege Roboter


Roboter und Algorithmen revolutionieren die Arbeitswelt. Jetzt diskutiert auch die Regierung, was das für unsere Jobs bedeutet. 

Der neue Kollege heißt Adam. Adam ist nicht groß. 1,40 Meter. Recht schwer ist er, 130 Kilo. Trotzdem ist Adam so wendig und so ausdauernd wie sonst niemand hier in der Montagehalle A3 bei Audi in Ingolstadt. Denn Adam hat sechs Achsen, in ihm stecken unzählige Sensoren und ein Kamerasystem. Und Strom ist alles, was er braucht, um immerfort durchzuackern. Seit Januar gehört der orangefarbene Roboter zum Team von Tobias, Emil, Alexander und fünf anderen. Zusammen montieren sie die Innereien von Wagen der Modellreihen A4, A5 und Q5. Adam reicht den menschlichen Kollegen graue, unhandliche Teile. Kühlmittelausgleichsbehälter. Früher mussten die Monteure sich jedes Mal bücken, um die Dinger aus einer Kiste zu fischen. Hunderte Mal am Tag. Das ging auf den Rücken. Jetzt macht das Adam mit seinem Saugnapf. Die Kollegen sind begeistert.

Adam ist so gut, dass Tobias, Emil und Alexander demnächst eigentlich nach Hause gehen könnten. Für immer. Oder? Immer bessere Sensoren, immer präzisere Mechanik, immer klügere Algorithmen haben klobige Maschinen mit groben Greifern in flexible, sichere Leichtbauroboter verwandelt. In willige Butler. Ob bei Audi, beim Audi-Mutterkonzern Volkswagen, bei Daimler oder bei BMW: Überall holen sie die Roboter aus ihren Schutzkäfigen, testen, wie Mensch und Maschine zusammenarbeiten können. 176 000 Roboter gibt es schon jetzt in Deutschland. Und es werden mehr.

Bei Audi herrscht Industrie 4.0

Der Aufmarsch der Roboter illustriert, was gerade los ist in der Wirtschaft: Die Maschinen und Computer übernehmen, Fabriken werden smart, intelligent, vernetzt. Industrie 4.0 heißt das Schlagwort. Gleichzeitig machen sich die Maschinen daran, den Straßenverkehr zu revolutionieren, den Büroalltag, selbst die Pflege in Kliniken und Heimen. Google tüftelt an einem selbstfahrenden Wagen. Laster sollen autonom über die Autobahnen brausen. Apps bedienen Bankkunden, und Software erledigt die Buchhaltung in den Firmen. In Pflegeheimen heben Roboter testweise Bettlägerige, bringen ihnen zu trinken, spielen Memory mit ihnen. Was lange Science-Fiction war, wird Wirklichkeit: Die Maschinen dringen in jeden Winkel des Alltags und der Arbeitswelt vor. Das ist eine Errungenschaft. Nur: Wo bleibt da Platz für Menschen? Was soll aus all den Facharbeitern und Fernfahrern werden, den Bankangestellten und Buchhaltern?

Den Kollegen bei Audi jagt Adam keine Angst ein. „Menschen werden immer nötig sein, zur Kontrolle“, sagt Tobias Pfaffel. Er ist 27 und Werkzeugmacher. „Roboter können Menschen nicht ersetzen“, sagt auch Emil Betz, 54 und Kfz-Mechaniker. Bei Audi haben sie in den vergangenen Jahren Mitarbeiter eingestellt. Und Adam wirkt alles andere als bedrohlich.

Doch es gibt Horrorszenarien. Die britischen Forscher Carl Benedikt Frey und Michael Osborne behaupten, dass 47 Prozent aller Beschäftigten in den USA in Berufen arbeiten, die in den nächsten 20 Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit verschwinden werden. 47 Prozent. Wegen der Maschinen. Experten der Bank Ing-Diba gehen davon aus, dass in Deutschland sogar 59 Prozent der Arbeitsplätze bedroht sind, besonders gefährdet: Bürokräfte, Hilfsarbeitskräfte, Anlagen- und Maschinenbediener. Je mehr Routine der Job umfasst, desto realistischer die Aussicht, dass Maschinen ihn übernehmen können. Je mehr Kreativität und Entscheidungskraft erforderlich sind, desto sicherer ist der Arbeitsplatz.

390.000 neue Jobs durch Roboter

Allerdings sind die Szenarien umstritten. Das Mannheimer Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW kam zu dem Ergebnis, dass nur 12 Prozent der Beschäftigten in Deutschland von der Automatisierung betroffen sein werden. Und die Unternehmensberater von Boston Consulting behaupten sogar, es könnten bis zu 390 000 neue Jobs entstehen. Der Wandel ist für Deutschland, das Land der Maschinenbauer, nämlich auch eine Chance.

Sicher ist: Der Arbeitswelt steht ein gewaltiger Umbruch bevor. „Selbst wenn uns nicht gefällt, was auf uns zukommt: Es wird auf uns zukommen“, sagt Lothar Schröder, Vorstand der Gewerkschaft Verdi. Und deshalb wird nicht nur in Personalabteilungen und auf Fachkonferenzen heiß über „New Work“, die neue Arbeit, diskutiert. In nächster Zeit steht das Thema auch weit oben auf der politischen Tagesordnung. In der kommenden Woche, bei ihrer Klausur in Meseberg, beschäftigen sich Angela Merkel und ihre Minister mit der 4.0-Welt. Auch Verdi und die IG Metall diskutieren bei Bundeskongress und Gewerkschaftstag darüber. Arbeitsministerin Andrea Nahles hat die Sprengkraft ohnehin erkannt. Im April hat sie ein Grünbuch vorgestellt, einen Katalog mit Fragen: Was kommt da genau auf uns zu? Was muss die Politik tun, damit Menschen gut leben können? Bis 2016 soll es Antworten geben.

Roboter-Stundenlohn: 3,20 bis 6,20 Euro

Bei Audis Mutterkonzern Volkswagen ist es vor allem Personalvorstand Horst Neumann, der die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine vorantreibt. Geht es nach ihm, werden immer mehr Adams in die Werkshallen einziehen. Er versteht das als Akt der Befreiung. Die „Robbies“, wie er sie nennt, sollen das erledigen, was er für „menschenunwürdige Arbeit“ hält: das Schuften über dem Kopf, die Quälerei bei der Montage im Innenraum der Wagen. „Ich danke Gott dafür, dass wir vielleicht noch erleben dürfen, dass die Roboter uns diese Arbeit einmal abnehmen“, sagte Neumann bei einem Vortrag. Es sei ein „alter Gewerkschaftstraum, ein alter Menschheitstraum“, monotone, körperlich belastende Arbeit abzuschaffen.

Für den Konzern rechnet sich das, daraus macht Neumann keinen Hehl. Demnach kostet ein Roboter in der Stunde zwischen 3,20 und 6,20 Euro, eine Fachkraft in der Branche zwischen 30 und 50 Euro. Und die Menschen? In den nächsten Jahrzehnten werde die Babyboomer-Generation in Rente gehen, sagt Neumann. Dadurch werde VW den Einmarsch der Maschinen „beschäftigungsneutral“ hinbekommen. Menschenleere Fabriken lehnt der Manager ab. Es werde weiter qualifizierte Arbeit geben.
Es ist das Bemerkenswerte an der Diskussion in Deutschland, dass sich weder Unternehmen noch Gewerkschaften noch Politik vom digitalen Wandel bislang allzu kirre machen lassen. Maschinenstürmer sind weit und breit nicht zu sehen. Im Gegenteil: Alle glauben daran, dass sich die Veränderung gestalten, dass sich die Wucht nutzen lässt. „Es geht vor allem darum, herauszufinden, wo und wie Maschinen Menschen sinnvoll unterstützen können“, sagt Constanze Kurz, die bei der IG Metall für das Thema zuständig ist.

Fortschritt – aber bitte sozialverträglich

In den USA hat bereits eine Diskussion über die gesellschaftlichen Folgen eingesetzt. Die Ökonomen Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson etwa halten die neuen Maschinen für einen Segen. Sie würden für Wachstum sorgen, für mehr Wohlstand. Das Problem sei nur, dass dieser Wohlstand ungleich verteilt werde: Einige wenige würden viel mehr verdienen, viele andere viel weniger, die Mittelschicht sei bedroht. Deshalb wollen die beiden Amerikaner umverteilen, McAfee schlägt eine Art Grundeinkommen vor.
In Deutschland ist die Verteilungsdiskussion noch am Anfang. „Wir müssen über eine digitale Dividende nachdenken“, fordert jedoch auch Verdi-Vorstand Schröder. Mit höheren Abgaben von Konzernen und Spitzenverdienern könnten andere, gesellschaftlich wichtige Berufe unterstützt werden: Erzieherinnen, Pfleger. Und Schröder dringt auf eine kürzere Wochenarbeitszeit. „Der Produktivitätsfortschritt kann nicht halbwegs sozialverträglich bewältigt werden, wenn es nicht gelingt, über die Länge der Arbeitszeit zu sprechen.“

Schröder sitzt auch im Aufsichtsrat der Deutschen Telekom – und kann aus erster Hand berichten, wie bei dem Konzern schon jetzt die Jobs verschwinden. Weil die Telekom etwa alle Anschlüsse Stück für Stück auf die internetbasierte Technik umstellt, wird sie in Zukunft viele Schaltungen über einfache Softwarebefehle aus der Ferne ausführen können. „Das hat Vorteile für den Kunden“, sagt Schröder, „aber gewaltige Rationalisierungspotenziale bei den Beschäftigten. Viele Monteursjobs fallen de facto weg.“ Vor ein paar Tagen erst hat die Telekom eine Studie über das Arbeiten im digitalen Zeitalter vorgelegt. Fazit des Personalvorstands: Die Digitalisierung sei kein „laues Lüftchen, sondern ein Sturm“. Personalabteilungen müssten handeln.

Mit dem iPad in der Fabrikhalle

Was Mitarbeiter künftig können müssen? Lothar Schröder sagt: Projekte managen, Daten analysieren, die digitale Technik verstehen, Englisch sprechen. Er fordert auch das Recht auf eine Bildungsteilzeit. Wenn der Job bedroht ist, soll man nebenbei auch als Berufstätiger die Chance haben, einen neuen zu erlernen.

Wie eine mittelständische Fabrik in Zukunft aussehen kann, führt die Firma Wittenstein, ein Spezialist für Antriebstechnik, in ihrem Zahnradwerk in Fellbach bei Stuttgart vor. 2012 haben sie hier einen alten Standort neu aufgebaut, bewusst stadtnah, vier S-Bahn-Stationen vom Stuttgarter Hauptbahnhof entfernt. Etwa 120 der insgesamt rund 1900 Beschäftigten arbeiten hier. In der Fabrik riecht es nicht nach Maschinenöl, es sprühen keine Funken, es gibt keine jaulenden Maschinen. Es ist ruhig, fast wie in einem Labor. In der Nachbarschaft stehen Wohnhäuser.

Mit iPads scannen Mitarbeiter Barcodes in der Fabrikhalle. Den gesamten Produktionsprozess bilden sie digital ab. Alle sieben Minuten wird aktualisiert, fast in Echtzeit. Über Bildschirme kann der Meister überprüfen, wie weit welche Charge ist, wo es hakt. Ein erheblicher Effizienzgewinn. Wenn man durch die Halle geht, stehen in verglasten Büros junge Mitarbeiter um einen Bildschirm und diskutieren. Zuletzt haben sie hier vor allem Maschinenbauer eingestellt, die auch programmieren können. Jene sind gefragt, die den Maschinen sagen können, was zu tun ist.

Digitale Kreativität?

Chef von Wittenstein ist Dieter Spath. Früher war Spath Wissenschaftler, Leiter des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation. Die Rolle des Mitarbeiters ändere sich, sagt er. Notwendig sei vor allem „Überblickswissen“, man müsse Abläufe kennen, Situationen einschätzen können. „Der Mensch wird Sensor, er wird Akteur, und er wird Entscheider.“ Auch Spath ist davon überzeugt, dass trotz allem am Ende nicht die Maschinen die Fabriken beherrschen werden, sondern der Mensch mit seinen besonderen Fähigkeiten.

Nur wie besonders sind die? Die Ingenieure der großen Konzerne arbeiten längst daran, Intelligenz, Kreativität und Intuition zu erfassen, zu zerlegen, nachzubilden, zu automatisieren. Die britische Firma Deep Mind etwa, die von Google aufgekauft wurde, arbeitet an einem lernenden Algorithmus. Die Maschinen sollen von selbst immer intelligenter werden. Dem Technikmagazin „Wired“ sagte Deep-Mind-Chef Demis Hassabis, er glaube schon, dass man abbilden könne, wie Kreativität entstehe. Es werde zwar noch Jahrzehnte dauern, bis eine Maschine einen Roman oder ein Drehbuch schreiben werde. Beim Komponieren von Musik dagegen, da sei man schon weiter.

In Ingolstadt waren es die Kollegen, die den Roboter getauft haben, eigentlich heißt die Maschine KR 5 SI. Sie haben eine Liste mit Namen gemacht, Tobias Pfaffel, Emil Betz und die anderen. Adam gefiel ihnen am besten, weil ihr Roboter ja der erste ist in der Montage bei Audi. Und es stimmt ja auch. Adam ist erst der Anfang.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker