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Schuldenkrise: Europa ohne Euro - warum nicht?

Wie ein Mantra schallt es durch Berlin: Deutschland braucht den Euro, Europa ohne Euro - geht gar nicht. Wirklich nicht? Warum die Währung auch schädlich sein kann.

Von Friederike Ott

Den Untergang des Euro hat er schon 1998 vorausgesagt, als er vor Gericht zog, um gegen die Einführung zu klagen. Karl Albrecht Schachtschneider hat beinahe gegen jeden Schritt der europäischen Einigung geklagt. Erst am Mittwoch wies das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe die Klage von ihm und einer Gruppe Professoren sowie dem CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler gegen den Euro-Rettungsschirm ab. Die Europäische Währungsunion sei ohne jede Vernunft angelegt, meint der Staatsrechtler und ist sich sicher: Der Euro ist gescheitert. Dass der Export in Deutschland behindert würde, sei eine Propagandalüge. An Währungsunionen glaube er nicht.

Euro-Kritiker wie Schachtschneider haben derzeit mal wieder Hochkonjunktur. Profitiert die Exportnation Deutschland gar nicht so sehr vom Euro, wie immer behauptet wird? Zweifel sind angebracht.

Argument 1: Der Wechselkurs

Befürworter des Euro nennen häufig das Argument der Wechselkursstabilität. Durch die gemeinsame Währung gehen Unternehmen durch Handel mit anderen Euro-Ländern nicht das Risiko ein, dass die Preise durch wechselnde Kurse schwanken. Ob der Handel zwischen den Eurostaaten dadurch zugenommen hat, lässt sich jedoch schwer feststellen. Zu viele Faktoren beeinflussen den gegenseitigen Handel, als dass man die Auswirkungen einer gemeinsamen Währung isoliert betrachten könnte. So gibt es auch ganz unterschiedliche Studien dazu. Der Sachverständigenrat etwa kommt zu dem Ergebnis, dass der deutsche Handelszuwachs durch die gemeinsame Währung 18 Prozent beträgt. Andere Studien messen 49 Prozent, wieder andere stellen gar keinen Effekt fest.

"Von Seiten der Ökonomie gibt es kein eindeutiges Ergebnis", sagt Matthias Kullas vom Centrum für Europäische Politik in Freiburg. "Man sollte den Wegfall des Wechselkursrisikos nicht überbewerten." Er gibt zu bedenken, dass sich die deutschen Exporte in Länder außerhalb der Eurozone viel dynamischer entwickelt haben. Allerdings liegt das auch daran, dass der asiatische Raum boomte und viel dynamischer war als die Eurozone.

Fazit: Ob die gemeinsame Währung nun den Handel zwischen den Gemeinschaftsstaaten verstärkt hat oder nicht, lässt sich gar nicht endgültig feststellen.

Argument 2: Die Wettbewerbsfähigkeit

Das zweite Argument, das häufig von Euroverteidigern vorgebracht wird: Deutschland habe durch den Euro eine unterbewertete Währung, weshalb die Wettbewerbsfähigkeit steige. Tatsächlich wäre die D-Mark deutlich stärker, wenn es sie noch gäbe, als der Euro derzeit ist. Allerdings gibt Kullas vom CEP zu bedenken, dass dieses Argument auch Kehrseiten hat. "Die Konsumenten würden von einer Aufwertung profitieren", sagt er. "Urlaube am Mittelmeer und viele importierte Produkte wie zum Beispiel Benzin wären günstiger."

Durch die schwächere Währung kann Deutschland Exportüberschüsse erwirtschaften, sprich: Die Ausfuhren sind höher als die Importe. Allerdings fließt das so erwirtschaftete Geld auch ab, indem es zum Beispiel in ausländische Anleihen gesteckt wird. "Wir exportieren Kapital an Länder wie zum Beispiel Griechenland", sagt Kullas. Dort sei das Geld in den Konsum geflossen. "Wir haben einen Teil unserer Exporte verschenkt. Man kann das mit einem Handwerker vergleichen, der seinen Kunden immer wieder Geld leiht, damit er ihre Wand streichen kann. Irgendwann sind die Kunden pleite und der Handwerker hat umsonst gearbeitet." Das Geld, das ins Ausland fließt, fehle hierzulande, Investitionen würden nicht im Inland getätigt. Tatsächlich hat Deutschland seit der Euroeinführung die niedrigste Quote an Anlageinvestitionen. Das hat auch dazu beigetragen, dass die Binnennachfrage in Deutschland jahrelang dahinsiechte.

Auf der anderen Seite profitieren deutsche Unternehmen aber auch davon, wenn sie im Ausland investieren. Sie erschließen neue Märkte und steigern so das deutsche Bruttoinlandsprodukt. Außerdem hätte die D-Mark unter Umständen stark aufgewertet, wenn wir die alte Währung noch hätten. Denn die Investoren würden die Mark für einen sicheren Hafen halten. "Eine realwirtschaftliche Aufwertung wäre nicht schlimm", sagt Kullas vom CEP. "Aber wenn sie durch Spekulationen getrieben ist, könnte das problematisch werden." Die Schweiz erlebt derzeit dieses Szenario. Weil der Franken wie Gold als sichere Anlage gilt, ist die Währung zuletzt massiv gestiegen. Die Schweizerische Nationalbank hat daraufhin mitgeteilt, dass sie keinen Wechselkurs mehr toleriert, der unter 1,20 Franken liegt. Das Land fürchtet, dass ein zu starker Franken der Exportwirtschaft schaden könnte. Der Euro kann hingegen nicht so leicht auf- oder abgewertet werden.

War der Euro gar zu stark für Deutschland?

Doch auch diese Medaille hat noch eine andere Seite: Hat ein Land eine eigene Währung, dann kann es individuell auf die Krise reagieren, beispielsweise indem die Nationalbank die Zinsen senkt, wodurch die Währung abgewertet wird. "Gerade in den ersten Jahren nach der Euro-Einführung war die Währung etwas zu stark für Deutschland", sagt Jens Boysen-Hogrefe vom Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel. "Wir waren der schwache Mann Europas, die Bundesbank hätte vermutlich niedrigere Zinsen gesetzt als die Europäische Zentralbank. Die Rezession kam damals zwar nicht durch den Euro, aber man hätte ihr besser begegnen können, wenn wir eine eigene Währung gehabt hätten."

Boysen-Hogrefe glaubt, dass auch ohne Euro eine Schuldenkrise in Europa möglich gewesen wäre. "Um Ansteckungseffekte zu vermeiden, wäre man auch ohne den Euro EU-Mitgliedern zur Seite gesprungen." Allerdings wären die Kosten ohne den Euro unter Umständen etwas geringer. "Die Euphorie über die gemeinsame Währung war so groß, dass einige Länder dadurch einen Vertrauensvorschuss bekommen haben. Es ist mehr Kapital in die Länder geflossen, als es ohne den Euro der Fall gewesen wäre", so Boysen-Hogrefe.

Und das Fazit?

Ist also der Euro unterm Strich gut oder schlecht für Deutschland? Kullas bilanziert: "Ich finde, dass die Vorteile für Deutschland nicht so groß sind, dass sie die riesigen Summen rechtfertigen, die Deutschland zur Rettung angeschlagener Euro-Länder aufbringt." Die Größe der Rettungspakete richtet sich nach dem Bruttoinlandsprodukt (BIP). "Wir haben aber einen Teil des BIPs nicht für Güter genutzt, sondern anderen Ländern zur Verfügung gestellt. Ein Teil der Ersparnis ist durch die Krise weg."

Auch Boysen-Hogrefe sagt: "Was billiger oder was teurer wäre für uns, lässt sich kaum quantifizieren. Es ist aber eine Illusion zu glauben, dass alle Probleme gelöst wären, wenn wir den Euro los wären. Dann könnten wir auch den gesamten Europäischen Einigungsprozess infrage stellen. Aber das ist ja auch ein politisches Projekt."

  • Friederike Ott