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stern-Interview mit Energieexperte Yergin: Ölpreis steigt nicht so schnell wieder über 100 Dollar pro Fass

Nein, es gibt keine "Ölpreis-Verschwörung" gegen Iran und Russland, sagt Öl-Experte Daniel Yerkin dem stern. Der Preis liegt nur an der Nachfrage - und wird auch nicht schnell wieder steigen.

Iranischer Öltanker "Isi Olive": Keine "Ölpreis-Verschwörung" gegen Russland und Iran

Iranischer Öltanker "Isi Olive": Keine "Ölpreis-Verschwörung" gegen Russland und Iran

Herr Yergin, innerhalb weniger Monate ist der Ölpreis dramatisch gefallen. Was passiert da gerade?
Wir stehen am Beginn einer neuen Ära in der Geschichte des Öls und seines Preises. Von unerwarteten Schocks wie politischen Krisen oder Krieg einmal abgesehen, gehört ein Preis von 100 Dollar oder mehr für einen Barrel Öl für viele Jahre der Vergangenheit an.

Konnten die großen Ölförderländer diesen Preisverfall nicht voraussehen, sich darauf einstellen?
Es kam für viele wirklich überraschend. Wir gingen im vergangen September in Analysen zwar davon aus, dass der Ölpreis auf 65 Dollar fallen könnte. Dass es aber so schnell passieren würde, dass es nicht zu Begrenzungen der Fördermengen kommen würde, hatten die meisten nicht erwartet. Jetzt stehen ganze Regierungen regelrecht unter Schock.

Politiker in großen Förderländern wie Venezuela und vor allem Russland vermuten eine Verschwörung
… ja, überall höre ich, dass sich die USA und Saudi-Arabien verschworen hätten, den Ölpreis zu drücken und damit Venezuela, Russland und den Iran zu schwächen. Verschwörungstheorien dieser Art sind absurd - allein schon, weil es keinen Mechanismus gibt, mit dem zwei Länder einen globalen Preissturz verursachen könnten. Der Ölpreis ist aufgrund eines fundamentalen Marktgesetzes so tief gefallen, und dieses Gesetz lautet: Angebot und Nachfrage. So wie vor einem Jahrzehnt das rapide Wirtschaftswachstum in China den Ölpreis nach oben trieb, so ist es jetzt umgekehrt: Der Preis ist vor allem aufgrund des erstaunlich schnellen Wachstums der Ölproduktion in den USA gefallen.

Die Revolution des Schieferöls?
Ja. Innerhalb der vergangenen sechs Jahre stieg die US-Ölproduktion um 80 Prozent. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur IEA können die USA schon in wenigen Jahren Saudi Arabien und Russland überholen und größter Ölproduzent der Welt werden. Eine neue Schieferölquelle kann innerhalb kurzer Zeit erschlossen werden, manchmal dauert es nur eine Woche. Das Angebot steigt also sehr schnell, und das verändert den Markt fundamental. Zum Vergleich: Allein der Anstieg der US-Ölproduktion in den vergangenen sechs Jahren entspricht der gesamten Förderung eines jeden einzelnen Opec-Staates, Saudi Arabien ausgenommen. Auch andere Ölproduzenten wie etwa Libyen kehrten auf den Markt zurück. Außerdem stellte sich im Verlauf des Sommers heraus, dass sich die Weltwirtschaft schwächer entwickelte, als man annahm, auch in China und in Europa. Wir haben es mit einem Überangebot zu tun.

Wie groß ist dieses Überangebot konkret?
Nach unseren Schätzungen, die wir vor dem Preiskollaps anstellten, wird das globale Ölangebot in diesem Jahr um zwei Millionen Barrel pro Tag steigen - die Nachfrage aber nur um eine Million Barrel pro Tag.

Warum einigten sich die Opec-Staaten dann nicht auf eine Drosselung der Produktion? Anfang der 80er Jahre hatte die Opec genau das mehrfach getan.
Weil - wie heute - die Weltwirtschaft schwächelte.

Aber dann drängten neue Produzenten in die Marktlücke, vor allem Mexiko, Alaska und die Nordsee-Anrainer Großbritannien und Norwegen. Und der Preis fiel 1986 auf unter zehn Dollar pro Barrel.
Ja. Heute sind Saudi Arabien und die anderen großen Ölstaaten am Arabischen Golf nicht mehr bereit, Marktanteile an Konkurrenten oder politische Gegner in der Region abzugeben. Weder an den Irak noch an den Iran, der nach einem möglichen Nuklearabkommen mit den USA und anderen Staaten als Öllieferant auf den Weltmarkt zurückkehren könnte. Und sie sind auch nicht bereit, Marktanteile an Länder abzugeben, die einen höheren Ölpreis benötigen, um ihre Produktionskosten zu decken …

… wie etwa Russland, auch nicht gerade ein Freund Saudi-Arabiens. Also ist der neue Preis des Öls doch ein politischer Preis?
Nein, das würde ich nicht sagen. Es handelt sich vielmehr um eine grundlegende Änderung der Preispolitik durch die Golfstaaten mit ihren relativ niedrigen Förderkosten. Angebot und Nachfrage sollen über den Preis entscheiden, nicht eine Senkung der Förderquoten. Diese neue Preispolitik betrifft übrigens auch die USA. Die Schieferöl-Förderer dort benötigen einen Preis zwischen 50 und 70 Dollar, um kostendeckend zu produzieren. Wir schätzen, dass die US-Fördermengen beim jetzigen Ölpreis in den kommenden sechs Monaten noch steigen werden, danach aber nicht mehr. Schon jetzt setzen Investoren den Rotstift bei Kosten und bei der Erschließung neuer Quellen an.

Was bedeutet ein dauerhaft niedriger Ölpreis für die Welt?
Insgesamt ist es eine gute Nachricht für Konsumenten. Durch den Preissturz werden in diesem Jahr bis zu 1,5 Billionen Dollar von den Ölproduzenten zu Konsumenten überall auf der Welt transferiert. Aber für viele Länder wird der Preisverfall wohl schon innerhalb der kommenden Monate dramatische Folgen haben. Länder wie Venezuela, Nigeria oder Russland geraten unter massiven Druck. Sie spüren, wie begrenzt ihre Möglichkeiten leider sind. Es kann zu politischen und sozialen Spannungen kommen.

Vielleicht sollte man die Sanktionen gegen Russland lockern, damit russische Unternehmen wieder Zugang zu westlichen Finanzmärkten bekommen und sich die Lage beruhigt?
Es gibt keinen klaren Weg, wie Russland aus dieser zweifachen Krise herausfinden kann: Die Ukraine und der Ölpreis. Die russische Führung sollte jedenfalls in absehbarer Zeit nicht auf steigende Ölpreise setzen. Sicher wird China in Russland weiteren Einfluss gewinnen. Russland jedenfalls braucht China jetzt regelrecht.

Die beiden Länder haben gerade ein 400-Milliarden-Dollar-Gasgeschäft abgeschlossen. Es heißt, mit Preisvorteil für Peking. Ist China der große Gewinner in der neuen Ära des Öls?
Ökonomisch profitiert China im Moment vom niedrigen Preis - das Land muss ja 60 Prozent seines Öls importieren. Und weil in den USA die Wirtschaft rasch wächst, profitiert natürlich auch das Exportland China davon. Vor allem aber wird Chinas Selbstbewusstsein weiter wachsen, das Vertrauen in die Zukunft. Ja, China ist der große Gewinner des Preisverfalls.

Kampf ums Öl - im neuen stern

Von Saudi-Arabien bis Venezuela - wie der Fall des Ölpreises die Ordnung der Welt verändert.
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Interview: Katja Gloger