VG-Wort Pixel

stern-Interview zum iranischen Atomprogramm "Wir werden weiter Uran anreichern"


Einfacher wird es nicht: Irans Ex-Unterhändler Dolatyar über Bedingungen, um den Nuklearkonflikt mit dem Westen zu beenden - und welchen Einfluss die Krise in der Ukraine auf die Gespräche hat.

Russland und der Westen sind auf Konfrontationskurs. Der Konflikt um die Ukraine hat auch die Atom-Gespräche zwischen Iran und den fünf Mächten des UN-Sicherheitsrats und Deutschland - "P5+1" genannt - überschattet, die diese Woche in Wien stattgefunden haben. Hat die Ukraine-Krise die Verhandlungen schwieriger gemacht?
Bisher nicht. Alle Parteien haben ihr Möglichstes getan, die Verhandlungsrunde wie geplant stattfinden zu lassen. Aber in Zukunft könnte das schwieriger werden. Die Politik und der Umgangston des Westens gegenüber der Ukraine und Russland werden nicht ohne Auswirkung auf die Verhandlungen mit Iran bleiben.

Könnten für Russland schmerzhafte Wirtschaftssanktionen des Westens dazu führen, dass Putin die Verhandlungen zwischen den P5+1 und Iran scheitern lässt?


Nein, so pessimistisch bin ich nicht. Aber der Zeitplan und das Ergebnis der Verhandlungen könnten in Mitleidenschaft gezogen werden.

In den vergangenen Monaten haben die Diplomaten beider Seiten mehr Zeit miteinander verbracht, als in mehreren Jahrzehnten davor. Man konnte den Eindruck gewinnen, Irans Außenminister Mohammed Javad Zarif und US-Außenminister John Kerry mögen einander richtig. Wie wichtig ist in solchen Gesprächen, dass zwischen denen, die miteinander am Tisch sitzen, die Chemie stimmt?


Es kann durchaus hilfreich sein, wenn die Chemie stimmt. Jedenfalls zu einem gewissen Grad. Seit die neue Regierung von Präsident Rohani im Amt ist, sind die Chancen auf einen Verhandlungserfolg gestiegen. Diese Regierung ist bereit für eine Wiederannäherung mit dem Westen. Rohanis Leute wollen, dass das gelingt. Manche mögen das als Illusion bezeichnen. Aber auch ich sage: Es gibt Hoffnung. Wir müssen abwarten, ob Zarif und Kerry mit ihrem guten persönlichen Draht einen Wandel befördern können.

Viele Beobachter warnen vor verfrühtem Optimismus. Schließlich ziehen sich die Nuklear-Gespräche mit Iran seit Jahren erfolglos in die Länge.
Wir hoffen, dass sie diesmal Erfolg haben werden. Denn wir glauben, dass es im Interesse der gesamten internationalen Gemeinschaft liegt, diesen Konflikt zu beenden. Der Preis, den beide Seiten - Iran und der Westen - für die Jahre der Konfrontation und Sanktionen gezahlt haben, war zu hoch. Nun stehen beide Seiten vor der Wahl: Weiterzumachen wie bisher, und weiter den Preis dafür zu zahlen. Oder eine neue Politik zu wagen, die auf Dialog und wechselseitiges Vertrauen baut. Ich bin überzeugt, dass wir eine für alle Seiten akzeptable Einigung erzielen können. Vorausgesetzt, der Westen hat verstanden, dass er Iran seine legitimen Rechte nicht verweigern kann.

Was soll das konkret bedeuten?


Gemäß dem Nichtverbreitungs-Vertrag hat Iran das Recht auf friedliche Nutzung der Nukleartechnologie. Keine iranische Regierung kann dieses Recht je aufgeben. Die Atomtechnologie ist in unserem Land inzwischen tief verwurzelt. Wir haben viele sehr gut ausgebildete junge Wissenschaftler und Ingenieure. Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Der Westen muss sich damit abfinden.

Muss sich der Westen auch damit abfinden, dass Iran weiter Urananreicherung betreibt?


Natürlich, ja. Wer immer noch glaubt, er könne Iran das Recht auf Anreicherung verwehren, dem sage ich: Das ist Wunschdenken.

Aber einen Verhandlungserfolg wird es nicht geben, solange die Sorgen des Westens nicht zerstreut sind, Iran könne Uran anreichern, um eine Atom-Bombe zu bauen. Auch wenn Ihr Land immer betont, das habe man nicht vor. Wäre folgende Lösung denkbar: Der Westen bestätigt Iras Recht auf Anreicherung - und im Gegenzug verzichtet Iran darauf, dieses Recht auszuüben?
Nein. Oder würden Sie etwas Wertvolles in den Müll werfen und dann jemand anderen dafür bezahlen, es ihnen zu geben? Was die Sorge des Westens angeht, der Iran könne mit selbst angereichertem Uran eine Bombe bauen: Diese Fähigkeit haben auch andere Länder.

Aber kein anderes Land gibt der Welt so großen Anlass zur Sorge wie Iran.


Der Westen misst mit zweierlei Maß. Indien und Pakistan haben Atombomben gebaut, aber niemand hat sich darüber so aufgeregt wie über unser ziviles Nuklearprogramm. Diese angebliche Sorge erscheint uns daher eher als politisches Manöver gegen Iran. Solange unsere Anreicherung transparent und unter Überwachung der Internationalen Atomenergie-Organisation vonstattengeht, gibt es keinen logischen Grund zur Besorgnis.

Trotzdem: Nuklearbrennstäbe aus dem Ausland zu importieren hätte viele Vorteile für Ihr Land. Es wäre deutlich billiger, als selbst anzureichern. Und es wäre ein Vertrauen stiftendes Signal an den Rest der Welt. So ähnlich wie Irans Entscheidung, seit Januar 2014 kein Uran mehr auf 20 Prozent anzureichern. Damit hat Ihr Land die vorläufige Einigung bei den Atom-Verhandlung mit möglich gemacht.


Vor ein paar Jahren waren wir genau dazu bereit, aber eine Einigung war trotzdem unmöglich. Damals hatten wir nur ein paar Zentrifugen. Jetzt ist dieser Ansatz nicht mehr relevant, denn inzwischen besitzen wir mehr als 19.000. Wir können Brennstäbe jetzt selbst in Iran herstellen. Unser Forschungsreaktor in Teheran läuft mit Nuklearbrennstoff made in Iran. Das ist ein Fakt. Und uns ist egal, wenn das manchen Leuten nicht passt. Über 800.000 krebskranke Menschen in meinem Land sind abhängig von den Radioisotopen, die dieser Reaktor produziert. Die Entscheidung, nicht mehr auf 20 Prozent anzureichern, ist eine vorübergehende Maßnahme. Wer denkt, Iran würde jegliche Bedingungen akzeptieren, wenn nur der Druck groß genug ist, irrt. In früheren Verhandlungen hat der Westen Spielchen mit uns gespielt. Das sollten sie diesmal sein lassen.

Wer hat mit Iran "Spielchen gespielt"?
Zum Beispiel Joschka Fischer. In seiner Zeit als Außenminister hatten wir zweieinhalb Jahre lang all unsere Nuklear-Aktivitäten eingefroren. Freiwillig. Und dann erklärte er uns, er betrachte das nur als ersten Schritt zum Abbau unserer atomaren Infrastruktur. Das Vertrauen Irans hat damals schweren Schaden genommen. Unsere Diplomaten kamen nach Hause zurück, entfernten die Siegel an den Zentrifugen und alles ging von vorn los. Das heutige Verhandlungsteam besteht aus denselben Leuten wie damals. Sie sind guter Hoffnung und bester Absicht. Aber es fällt ihnen nicht leicht, das iranische Volk zu überzeugen, dass die Atom-Gespräche diesmal wirklich auf dem richtigen Weg sind.

Wirklich? Als die iranischen Nachrichten in der Nacht zum 25. November meldeten, es gebe einen ersten Deal zwischen Iran und den P5+1 tanzten die Menschen auf den Straßen Teherans. Viele Iraner sehnen sich doch nach einem Ende der internationalen Isolation. Endlich scheint ein Durchbruch möglich. Barack Obama hat sogar schon mit Hassan Rohani telefoniert - der erste direkte Kontakt zwischen einem iranischen und amerikanischen Präsidenten in über 30 Jahren!


Ja, wir suchen nach einem Ausweg aus dem alten Dilemma. Aber wir sind nicht naiv. Freundliche Worte und Gesten sind sehr gut. Aber wir müssen die Frage stellen: Was ist die Substanz? Eine friedliche Verhandlungslösung könnte eine Win-Win-Situation sein - für Iran und die USA. Wir könnten viel dazu beitragen, den Amerikanern einen Gesichtsverlust beim Abzug aus Afghanistan zu ersparen. Nur wir können das und sie wissen es. Doch für solche Zusammenarbeit bedarf es der richtigen Atmosphäre.

Mehr zur Lage in Iran: Lesen Sie die Reportage "Der Weg ins Freie" im neuen stern.

Interview: Steffen Gassel

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker