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VW-Untreueprozess: Von Lustreisen und Schmiergeldern

Im System VW schien für die oberste Riege alles möglich zu sein. Jahrelang vergnügten sich Betriebsräte mit Billigung von Mitgliedern der Konzernleitung auf VW-Kosten. Im dritten Prozess belastet der Ex-Betriebsratsvorsitzende Klaus Volkert, einer der Hauptbeschuldigten in der Affäre, VW-Aufsichtsratschef Piëch.

Von Inga Niermann, Braunschweig

Als Beschuldigter im dritten Prozess der VW-Affäre um Schmiergeldzahlungen und Lustreisen auf Firmenkosten, der am Donnerstag vor dem Braunschweiger Landgericht eröffnet wurde, sitzt neben Volkert der ehemaligen VW-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer auf der Anklagebank. Die Anklage wirft Volkert Anstiftung zur Untreue in 48 Fällen und gemeinschaftlich mit Gebauer in weiteren 40 Fällen vor.

Volkert soll zwischen 1994 und 2005 neben zahlreichen Vergnügungsreisen mit seiner brasilianischen Geliebten Adriana Borros Sonderbonizahlungen in Höhe von zwei Millionen Euro erhalten zu haben. Als Gegenleistung soll der 64-Jährige die VW-Belegschaft im Sinne der Konzernführung auf Kurs gehalten haben.

Schicke Hotels und teurer Schmuck für die Geliebte

Die Liste von Puff-Besuchen, kostspieligen Geschenken und Vergnügungsreisen für Volkert und andere VW-Betriebsräte, die über Gebauer abgerechnet worden sein sollen, und für die der Staatsanwalt Ralf Tacke knapp zwei Stunden lang brauchte, um sie zu verlesen, schien kein Ende zu nehmen. Allein Volkert soll demnach seine Geliebte Adriana Borros vielfach auf Firmenkosten nach Hannover eingeflogen haben. Zusammen unternahmen sie Reisen in die ganze Welt: Rom, Paris, London, Johannesburg, Mexiko, Jamaika, Kuba, Lissabon, Casablanca. Jedes Mal wurden die Flüge, Hotels, Mietwagen und Geschenke, vor allem Schmuck, auf VW-Kosten abgerechnet.

Hinzu kamen regelmäßige Bordell-Besuche in Prag und später auch gemeinsame Reisen von Volkert und Gebauer mit Ex-Skoda-Personalchef Helmuth Schuster samt Geliebten mit der Reiseagentur "Pleasure Travel" nach Indien und Mallorca. Schließlich sollen Hartz und Volkert einen Agenturvertrag für Volkerts Geliebte abgeschlossen haben, der über drei Jahre lief. In dieser Zeit soll Borros knapp 400 000 Euro Honorar kassiert haben.

Zur Frage der Vorsitzenden Richterin Gerstin Dreyer, welche Aufgaben Borros für den VW-Konzern übernommen habe, erklärte Volkert, sie habe die Kinderhilfsprojekte des Konzerns in Südamerika beaufsichtigen sollen. Ob sie das tatsächlich auch getan hat, und ob ihre Tätigkeit durch VW kontrolliert worden sei, konnte Volkert aber nicht genau erklären. Volkerts Verteidiger Johann Schwenn warf der Staatsanwaltschaft vor, mit der Anklageschrift vor allem eine "maximalen Bloßstellung" seines Mandanten verfolgt zu haben.

Am Morgen hatte die Verteidigung durch Befangenheitsanträge gegen gleich drei von vier Schöffen beinahe einen Abbruch des Prozesses erwirkt: Ein Schöffe ist Mitarbeiter bei VW, die beiden anderen fungieren in ihren Unternehmen als Gesamtbetriebsratsvorsitzende. Das Gericht gab dem ersten Antrag bezüglich des VW-Mitarbeiters statt, dem sich auch die Staatsanwaltschaft angeschlossen hatte. Die Anträge bezüglich der beiden anderen Schöffen lehnte es jedoch ab, sodass der Prozess am Donnerstag mit drei Schöffen fortgesetzt wurde.

Volkert belastet VW-Aufsichtsratschef Piech

Volkert hat bereits in voran gegangenen Vernehmungen gestanden, von VW Sonderbonizahlungen in Höhe von rund zwei Millionen Euro erhalten zu haben. Vor Gericht erklärte er nun, er habe ursprünglich von der VW-Führung mehr Gehalt und höhere Rentenzahlungen verlangt, da auch die VW-Betriebsräte mit Managementaufgaben betraut seien, und er deshalb die Betriebsräte auf der gleichen Gehaltsstufe mit den VW-Managern gesehen habe.

In einem Gespräch Mitte der neunziger Jahre habe ihm Piëch, damals noch VW-Vorstandschef, zugesichert, dass er bald mit höheren Bezügen rechnen könne. "Ich habe dann ein paar Monate später die ersten Sonderbonizahlungen erhalten. Das war zwar nicht das, was ich eigentlich wollte, aber ich habe mich gefügt", sagte Volkert. Auch andere der insgesamt 288 Betriebsräte bei Volkswagen hätten später ein höheres Grundgehalt und höhere Bonizahlungen erhalten.

Gebauer: "Adriana konnte sehr nervig sein"

Während Volkert weitgehend geständig ist, sieht sich Ex-Personalmanager Gebauer als Opfer in der Affäre. Er habe nur das ausgeführt hat, was die VW-Führung von ihm verlangt hätte, um Volkert und seine Geliebte bei Laune zu halten: "Wenn es Ariane gut geht, geht es auch Klaus gut, und dann geht es auch dem Konzern gut", erzählte Gebauer. "Frau Borros konnte sehr nervig sein. Ich habe meinen Mitarbeitern gesagt, dass sie das durchstehen müssen."

Hartz habe bei VW ein System der Intransparenz geschaffen. Kostenabrechnungen für den Betriebsrat seien nicht mehr über die Reisekostenstelle abgerechnet worden, sondern er habe die Kosten von Betriebsräten etwa für Reisen und Konferenzen gemeinsam veranschlagt und über sein eigenes Konto abgewickelt. Wenn es keine Belege gab, ließ Gebauer von seiner Sekretärin Ersatzbelege schreiben. "Das ist auch niemals vom Finanzvorstand von VW beanstandet worden", sagte Gebauer.

Urteil gegen Gebauer und Volkert Ende Januar

Zu den Vorwürfen um die Verstrickung von Gebauers frühere Lebensgefährtin Tatjana Rother in die Affäre gab es in dem Prozess eine überraschende Wende: Das Landgericht Berlin habe die Ermittlungen gegen Rother eingestellt, erklärte Gebauers Anwalt Wolfgang Kubicki.

In den nächsten acht Prozesstagen sollen 18 Zeugen vernommen werden, darunter Piech, Hartz, der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete und VW-Betriebsrat Hans-Jürgen Uhl, sowie der Hauptbelastete im VW-Korruptionsprozess, Ex-Skoda-Personalchef Helmuth Schuster, gegen den die Anklage noch vorbereitet wird. Das Urteil gegen Gebauer und Volkert soll Ende Januar gesprochen werden.