HOME
Meinung

Global Gender Gap Report: Noch mehr als 250 Jahre bis zur Gleichberechtigung: Deutsche Politik lässt Frauen im Stich

Während Schweden von Frauen regiert wird, ruht sich Deutschland darauf aus, ein weibliches Staatsoberhaupt  zu haben. Die Politik versagt und feiert scheinheilig die Rückkehr in die Top Ten im "Global Gender Gap Report 2020".

Von Ronja Ebeling

Frau und Mann setzen sich am Tisch gegenüber

Der Abstand bei der Gleichberechtigung der Geschlechter ist nach wie vor groß.

Getty Images

Buntes Konfetti, ein symbolischer Korkenknall und ein Klopfer auf die eigene Schulter. Deutschland belegt im "Global Gender Gap Report 2020" den zehnten Platz und feiert sich dafür selbst. Dabei gleicht der kleine Fortschritt einem Stillstand, weil wir uns auf Punkten ausruhen, die endlich sind. Schuld daran ist auch eine Politik, die viel zu lange glaubte, es reiche aus ein weibliches Staatsoberhaupt zu haben und ansonsten nichts mehr für die Gleichberechtigung tun zu müssen.

Das Weltwirtschaftsforum untersuchte für den Bericht 153 Staaten in vier Kategorien: Wirtschaft (Gehälter und Chancen auf Führungspositionen), Zugang zu Bildung, politische Mitwirkungsmöglichkeiten sowie Gesundheit. An der Spitze hält sich seit elf Jahren Island. Der Inselstaat hat die Lücke zwischen Männern und Frauen laut der Studie zu fast 88 Prozent geschlossen. Spanien hat im vergangenen Jahr hart an seiner Position im Ranking gearbeitet, sich um sagenhafte 21 Plätze verbessert und Deutschland hinter sich gelassen. Das liegt besonders daran, dass Beruf und Familie in Spanien vereinbar sind und Frauen sogar eine Mehrheit in der Regierung bilden.

Die Ergebnisse der WEF-Studie sind kein Fortschritt

Maßnahmen, an denen sich Deutschland ein Beispiel nehmen sollte. Insgesamt befinden wir uns nämlich mit voller Fahrt im Rückwärtsgang. Die globale Gleichstellung der Geschlechter werden wir laut Report erst in 257 Jahren erreichen. Dabei hieß es im vergangenen Jahr noch, dass diese "nur noch“ 202 Jahre entfernt sei. Es klingt wie ein schlechter Witz. Eigentlich sollten Mann und Frau im Jahr 2020 schon längst das gleiche Gehalt aufs Konto überwiesen bekommen, einen gleichen Anteil von unbezahlter Care-Arbeit leisten und die Karriereleiter unter den selben Bedingungen erklimmen können. In Wahrheit ist es aber so, dass die Politik Männern einen Aufzug zur Verfügung stellt und Frauen die Leitersprossen ansägt.

Die blonde Moderatorin Anja Reschke steht in schwarzem Abendkleid an einem Rednerpult und spricht in zwei Mikrofone

Und es wird in Zukunft nicht besser: Die dreifache Mutter, die heute noch an der Supermarktkasse sitzt, wird morgen durch automatisierte Arbeitsvorgänge ersetzt und noch tiefer in die Abhängigkeit abrutschen. Selbst wenn sie den dringenden Handlungsbedarf erkennt und sich weiterbilden möchte und eine Umschulung machen möchte, werden ihr Steine in den Weg gelegt. In den zukunftsträchtigen Branchen wie Ingenieurwesen oder der Arbeit mit künstlicher Intelligenz, sind Frauen unerwünscht. Das beweisen die fehlenden Strukturen, die eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf unmöglich machen - erst recht in Führungspositionen! Die Politik tut so, als würde sie dem Gender Pay Gap gemeinsam mit den Frauen den Kampf ansagen. Wenn dem der Fall wäre, würde die Politik die weibliche Bevölkerung mit Umschulungskampagnen wachrütteln und Alarm schlagen.

Die Merkel-Ära ist endlich 

Aber wer soll sich in der Politik für die Zukunft der Frauen stark machen, wenn da nur Männer sitzen? Mit 709 Abgeordneten ist der 19. Deutsche Bundestag größer als all seine Vorgänger. Der Frauenanteil liegt bei 31 Prozent – so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr. Damit liegt Deutschland sogar hinter Staaten wie Kamerun, Zimbabwe, Uganda und Äthiopien. Eine moderne Gesellschaft sieht anders aus.

Es kann nicht sein, dass dieser alarmierenden Zahl kaum Aufmerksamkeit gewidmet wird. Deutschland brüstet sich seit Jahren mit Angela Merkel, einem weiblichen Staatsoberhaupt. Ansonsten beträgt die Frauenquote der CDU aber nicht mal ein Drittel. Deutschland ist wenigstens den 85 Staaten voraus, die in den letzten 50 Jahren keine Frau an der Spitze hatten. Das sollte aber nicht unser Anspruch sein. Auch die Merkel-Ära hält nicht ewig und das wird sich mit dem Ende der Legislaturperiode 2021 bemerkbar machen. Die globale Politik braucht mehr Frauen in verantwortungsvollen Positionen. In lediglich drei Ländern der Welt sind die Hälfte oder mehr als die Hälfte der Abgeordneten Frauen. Diese Frauen sind Vorbilder für Jüngere und prägen die Gesellschaft.

Weiblichen Vorbildern muss der Weg freigeräumt werden

Was das bewirkt, zeigt Finnland. Das Land befindet sich im Ranking auf Platz drei. Sanna Mirella Marin ist 34 und seit Dezember Ministerpräsidentin der Republik. In ihrer Kindheit wurde das Land ebenfalls von einer Frau reagiert. Das hat ihre ganze Generation geprägt. In ihrer ersten Amtshandlung hat sie die Führung der Regierungspartei erneuert:  Mit Marin sitzen an den wichtigen Positionen in Finnlands Regierung nun ausschließlich Frauen. 

Die Studie stellt einen Zusammenhang zwischen Politik und Wirtschaft her. Wenn man Frauen Verantwortung in der Politik zutraut, steigt auch die Zahl weiblicher Führungskräfte auf dem Arbeitsmarkt. Kurz gesagt: Die deutsche Regierung darf sich nicht länger auf den 14 Jahren Regentschaft Merkel ausruhen, sondern muss mehr Frauen politische Verantwortung übertragen. Die Politik muss Maßnahmen ergreifen, die Arbeitgeber zwingt, berufstätigen Müttern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern. Dazu zählt auch die Entlastung durch den Familienvater, dem eine längere Elternzeit ermöglicht werden muss. Unbezahlte Care-Arbeit muss endlich gerecht aufgeteilt werden. Nur dann steigt auch die Chancengleichheit im Beruf. Wenn das in Deutschland der Fall ist, haben wir einen wahren Grund für Korkenknall und Konfetti.