Im Herbst ist Jubiläum. Dann läuft der 25-millionste VW Golf vom Band. Ein Crashtest des Bestsellers, alt gegen neu, dokumentiert den Fortschritt in der Sicherheitstechnik. Von Michael Specht

Volkswagens Puppenstube - Die Dummys sind genormt. Es gibt sie in den Versionen Frau, Mann und Kind. Alle stecken voller Hightech© Michael Lange
Gleißendes Licht flammt für die Hochgeschwindigkeitskameras auf und blendet ungeheuer. Gleich werden sie jede Tausendstelsekunde des Geschehens dokumentieren. Die Beobachter der Szene in der Crashhalle von Volkswagen verstummen und warten gespannt.
In wenigen Momenten wird es krachen - und keiner weiß, wie das alte Auto die Tortur überstehen wird. Der Golf aus den 70er Jahren, einer der ersten Generation, wird von einem Druckluftkatapult beschleunigt, rauscht heran und knallt auf die Barriere. Mit einem fürchterlichen Geräusch knautschen Kotflügel, Motorhaube und alles, was darunter ist. Gleichzeitig schießen unzählige Glassplitter von den zerborstenen Scheiben durch die Halle.

Vorbereitung auf den Knall Für den Crashtest wird alle Flüssigkeit abgelassen, Messelektronik eingebaut. Die Skala auf der Seite dient dazu, den Verformungsgrad zu bestimmen© Michael Lange
In Sekunden ist aus dem gut erhaltenen Gebrauchtwagen ein Schrotthaufen geworden. Der vordere Teil der Fahrgastzelle ist weitgehend zerstört. Wie nach einem Zusammenstoß mit einer Diesellok. Zum Glück aber war es nur ein Crashtest, exklusiv für den stern. Der Wagen rammte mit Tempo 64 seitlich leicht versetzt eine verformbare Alubarriere. Dieser Aufprall simuliert den Zusammenstoß mit dem Gegenverkehr nach einem misslungenen Überholvorgang.
Hätte ein Mensch dringesessen, er wäre an seinen schweren Verletzungen gestorben. Doch es war nur eine Puppe auf dem Fahrersitz und eine zweite als Beifahrer. Obwohl der Fahrer-Dummy korrekt angegurtet war, sind Becken und Beine zerquetscht, mit der Folge von inneren Blutungen. "Intrusionen töten", sagt Robert Zobel, Leiter der Unfallforschung bei VW. Auch die Kopfverletzungen durch den harten Aufschlag aufs Lenkrad ohne Airbag wären mit Sicherheit tödlich. Die Person auf dem Beifahrersitz könnte überlebt haben, schwerstverletzt allerdings.
Wie verkraftet die Struktur eines modernen Autos eine so enorme Aufprallenergie? Zweiter Crashtest. Diesmal mit einem aktuellen Golf V. Im Moment des Knalls schiebt sich der Vorderwagen wie vorausberechnet zusammen, die Fahrgastzelle bleibt intakt. Selbst die Fahrertür ist nahezu unversehrt. Die Rückhaltesysteme (Gurtstraffer, Gurtkraftbegrenzer und Airbags) arbeiten dank hyperschneller Elektronik so zuverlässig, dass die Insassen höchstens mit blauen Flecken aus dem demolierten Wagen gestiegen wären. Eindrucksvoller lassen sich mehr als 30 Jahre Sicherheitsfortschritt in der Autoentwicklung kaum vermitteln.
Tot, schwerstverletzt oder eben nur ein paar Schrammen? Eine Frage, die gern verdrängt wird, wenn zum Beispiel Väter ihren Töchtern und Söhnen zum frisch gemachten Führerschein einen Oldie nach dem Motto hinstellen: "Nimm erst mal den hier, da sind ein paar Beulen nicht so schlimm." Bleibt zu hoffen, dass es nicht kracht. Denn schon bei der verhältnismäßig niedrigen Geschwindigkeit von etwa 60 Sachen kann solch ein Unfall übel ausgehen. Obwohl sich die Ingenieure in Wolfsburg damals natürlich alle Mühe gegeben haben, schon den Golf I so sicher wie möglich zu konstruieren.

Golf I, Baujahr 1974 - Mit 64 km/h rammt der rote Oldie die Alubarriere. Die Front wird völlig zerquetscht, die Fahrgastzelle kollabiert. Keine Überlebenschance für den Fahrer© Michael Lange
Der Alte ist mit 3,70 Meter kürzer als der aktuelle Polo, wurde in Europa vom Start weg zum Maßstab im Kompaktsegment. Bald feiert der Bestseller in fünfter Generation ein in der Autoszene seltenes Jubiläum: Im Herbst läuft der 25-millionste Golf vom Band. Neben der modernsten Version, 4,20 Meter lang und mit 1,3 Tonnen fast doppelt so schwer, wirkt der Ahne beinahe grazil, dünnhäutig und verletzlich.
Die Beschreibung seiner Details klingt aus heutiger Sicht erschreckend. Der Innenraum ist geprägt von hässlichem schwarzem Hartplastik. Hinten gibt es weder Kopfstützen noch Gurte, keine Zentralverriegelung oder eine geteilt umlegbare Rückbank. Die Wind- und Motorgeräusche bei 140 km/h Spitze sind fünfmal so laut wie im neuen Golf. Seine Schaltung ist hakelig, die Hebel für Wischer und Blinker dünn wie Kugelschreiber. Aus seinem Auspuff strömen rund 90-mal so viel schädliche Abgase wie bei seinem modernen Nachfolger.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 40/2006