Was ein Klarnamenzwang bedeuten würde

8. August 2011, 19:18 Uhr

Bundesinnenminister Friedrich hat das Ende der Anonymität im Netz gefordert. Das habe er nicht so gemeint, rudert das Ministerium inzwischen zurück. Hoffentlich. Die Folgen dieser Idee wären gravierend - für fast jeden. Von Ralf Sander

Anonymität, Internet, Friedrich

Nicht jeder kann es sich erlauben, mit seinem echten Namen online unterwegs zu sein©

Normalerweise stehen Menschen mit ihrem Namen für etwas ein. Warum nicht auch ganz selbstverständlich im Internet?", fragte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich in einem "Spiegel"-Interview. Der CSU-Politiker bezog sich auf anonyme Beiträge von Bloggern wie "Fjordman", den der Norwegen-Attentäter Anders Behring Breivik als "Lieblingsautor" angibt. Der Ruf nach einem Ende der Anonymität im Internet, rief nicht nur - wie von Friedrich selbst erwartet - die Netzgemeinde auf den Plan, auch die Opposition und die Liberalen bezeichneten Friedrichs Äußerungen als "absurd" und "völlig illusorisch". Unabhängig von den Umsetzungsproblemen rüttelt die Friedrichs Idee allerdings an den Grundfesten des Internet. Die Folgen eines Klarnamenzwangs wären gravierend für Millionen Menschen - und werden gerade intensiv im Web diskutiert.

"nymwars" werden "die Kriege ums Pseudonym" in der englischsprachigen Diskussion bereits genannt. Ausgebrochen sind sie nicht nach dem Massenmord in Norwegen - sondern als Google Mitte Juli die in den AGB geforderten echten Namen in seinem neuen sozialen Netzwerk Google+ durchgesetzt und einige Profile mit angeblich offensichtlichen Pseudonymen gelöscht hatte. Das Vorbild ist Facebook, das seine Mitglieder von Anfang an aufgefordert hat, sich mit echtem Namen einzuloggen. Die Begründung: bessere Umgangsformen, entspanntere Atmosphäre. Google+ verfolgt ebenfalls diese Politik: "Dies dient der Bekämpfung von Spam und beugt gefälschten Profilen vor." Dass beide Unternehmen mit personalisierter Werbung ihr Geld verdienen, sei hier nur am Rande erwähnt.

Es geht um Leben und Tod

Die Möglichkeit, sich anonym oder unter Pseudonym zu äußern, gehört seit dem Bestehen des Internet zu dessen Grundeigenschaften. Dass gerade wieder wütend und lautstark um das Recht gekämpft wird, unerkannt zu bleiben, ist aber nur zum Teil damit zu erklären, dass sich die Netzelite prinzipiell nicht von Politik und Unternehmen in "ihr" Internet reinreden lassen will. Für viele Menschen geht es um viel mehr als nur um lustige Namen. Es geht um Trennung von Beruf und Familie, um Privatsphäre - und für einige geht es sogar um Leben und Tod.

"Klarnamenzwang ist Machtmissbrauch", heißt ein lesenswerter und viel beachteter Blogeintrag von Danah Boyd. Als Wissenschaftlerin forscht sie für Microsoft und das Berkman Center for Internet & Society an der Harvard University zur Entwicklung des Internet. Boyd schreibt, dass die meisten Menschen online Pseudonyme benutzen, weil sie keine andere Wahl haben. Weil ihnen die Macht fehlt, sich anders vor den möglichen Konsequenzen ihres Online-Seins zu schützen. Dieses Argument ist nicht neu, das sagt Boyd selbst, doch häufig wird es nur bezogen auf Dissidenten in autoritären Regimen wie China und seit jüngstem auf die Aktivisten in Nordafrika, die die Aufstände in Ägypten, Libyen und Marokko auch mithilfe sozialer Netzwerke organisieren. Doch es gibt noch mehr Gründe für ein Pseudonym. Gründe, die auch unserem Alltag viel näher sind als Rebellionen gegen Diktatoren im Ausland. Einige Beispiele für Personen, die im Netz mit Pseudonym unterwegs sein müssen:

  • Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung wurden oder auf der Flucht sind vor gewalttätigen Ex-Partnern
  • Personen, die von Stalkern verfolgt werden
  • Homosexuelle, deren Outing sie selbst und ihre Familien in Gefahr oder zumindest gesellschaftliche Nachteile bringen würde.
  • Opfer von Mobbing in der Schule und am Arbeitsplatz
  • Behinderte und Angehörige ethnischer Gruppen, die diskriminiert werden

Und das sind nur die offensichtlichsten Fälle. Auf der Website "my name is me" erklären unterschiedlichste Menschen, warum sie für ihre Online-Identität einen eigenen Namen gewählt haben. Und das "Geek Feminism"-Wiki hat eine inzwischen zehn Din-A4-Seiten umfassende Liste zusammengestellt mit Personengruppen, deren Mitglieder gute Gründe haben, nur mit Pseudonymen unterwegs zu sein. Darunter sind beispielsweise Menschen mit extrem seltenen oder außergewöhnlich zu buchstabierenden Namen, sodass ihre Träger sofort eindeutig zu identifizieren sind. Manche Vornamen lassen auch auf eine Herkunft aus der Unterschicht oder eine bestimmte Religion schließen. Die Liste offenbart die ganze Dimension des Themas. Die Schlussfolgerung der Internetforscherin Danah Boyd ist dementsprechend deutlich: "Der Zwang zu echten Namen ist eine autoritäre Ausübung von Macht gegenüber verletzlichen Menschen. Es steht das Recht der Menschen auf dem Spiel, sich selbst zu schützen."

Jeder kann Gründe haben

Es muss noch nicht einmal um Leben und Tod gehen. Sich das Leben einfacher zu machen, ist ebenfalls ein legitimer Grund, sich hinter einem Pseudonym zu verstecken. Schon 2006 ermittelte die Universität von Maryland in einer Studie, dass in Chaträumen weiblich klingende Nutzernamen 25 Mal häufiger verbalen Drohungen und sexuellen Anmachen ausgesetzt sind als männliche und oder geschlechtslose Spitznamen. Und auch wer in Internetforen zum x-ten Mal als Islamist beschimpft wurde, nur weil er Mohammed heißt, sucht irgendwann nach einem neuen Namen. Außerdem spielen wir alle in unserem Leben verschiedene Rollen. Blizzard, der Hersteller des Onlinerollenspiels "World of Warcraft" ("WoW"), erlebte vergangenes Jahr einen Sturm der Entrüstung, als die Diskussionsforen zum Spiel auf Klarnamen umgestellt werden sollten. Dabei ging es weniger darum, dass "Horst Schulz" ein doofer Name für einen mächtigen Dunkelelfen-Magier ist. Die Spieler wollten ihre "WoW"-Identität nicht mit dem realen Leben verknüpfen, weil ihr Hobby den aktuellen Chef, zukünftige Personaler und die Nachbarn der Eltern schlichtweg nichts angeht. Blizzard gab am Ende klein bei.

Man ist im Netz nicht unbedingt dieselbe Person wie im realen Leben - und manche sind nur mit ihrem Online-Pseudonym berühmt geworden. Bekannte Blogger, erfolgreiche Twitter-Autoren, Webkünstler und Aktivisten, sie alle würden plötzlich zu Unbekannten werden, wenn sie ihre Künstlernamen ablegen müssten. Das mag in Fällen wie dem norwegischen Hassblogger Fjordman, wünschenswert sein, doch das Web würde insgesamt ärmer an hörenswerten Stimmen.

Diskussion ist notwendig

"Pseudonyme an sich sind nicht schädlich", schreibt Caterina Fake, die mit Nachnamen wirklich so ("Fälschung") heißt und als Mitgründerin des Bilderdienstes Flickr bekannt wurde. Nur weil sich Forentrolle, Hassprediger oder andere asoziale Kreaturen in der Anonymität des Internet verstecken, dürften Künstlernamen und Schutz-Pseudonyme nicht zur Debatte gestellt werden. Zumal die beiden letztgenannten Kategorien, schreibt Fake weiter, die Mehrheit ausmachten.

Innenminister Friedrich übrigens will das alles gar nicht so gemeint haben. Er habe lediglich für mehr demokratische Streitkultur im Netz plädiert, heißt es jetzt aus seinem Ministerium. Es gebe keine Pläne, dass man sich an jeder Ecke im Internet ausweisen müsste. Die Diskussion darüber wird aber hoffentlich weitergehen. So hätte dieses "Missverständnis" doch noch etwas Gutes.

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