So erwischten die Anwälte die Porno-Streamer

8. Dezember 2013, 15:49 Uhr

Erstmals werden in Deutschland Nutzer von Porno-Streamingseiten wie Redtube abgemahnt. Mehr als 10.000 User sind betroffen. So gerieten sie in das Visier der Abmahnanwälte. Von Christoph Fröhlich

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Mehr als 10.000 Redtube-Nutzer wurden wegen des Abrufs eines Porno-Streams abgemahnt.©

Eine neue Abmahnwelle überzieht Deutschland. Doch nicht Nutzer von Tauschbörsen oder One-Click-Hostern, die sich illegale Kopien von Videospielen oder Musikalben herunterladen, werden von den Anwälten aufs Korn genommen, sondern User der Porno-Plattform Redtube. Die Seite funktioniert ähnlich wie Youporn, Pornhub und all die anderen Sexseiten, die eine schnelle - und vor allem kostenlose - Triebabfuhr versprechen: Mit wenigen Mausklicks erhält der Nutzer Zugang zu nahezu unbegrenzt vielen Sexfilmchen. Viele sind nur wenige Minuten lang, einige entsprechen kompletten DVD-Veröffentlichungen.

Hinter den Abmahnungen steckt die Regensburger Kanzlei Urmann + Collegen (U+C). Das Juristenbüro ist einer der Big Player im Abmahngeschäft mit Pornofilmen und hat in den vergangenen Jahren vermutlich mehr als 150.000 Personen wegen Urheberrechtsverletzungen abgemahnt. Nun betreten die Anwälte Neuland in Deutschland: Bislang galt die Nutzung von Streaming-Portalen als juristische Grauzone, da die User die dort bereitgestellten Inhalte nicht explizit herunterladen, sondern nur im Browser ansehen. Eine dauerhaft abrufbare Kopie wird dabei nicht erstellt, sondern nur eine flüchtige Kopie im Zwischenspeicher, auf die Laien keinen Zugriff haben.

250 Euro pro Porno-Abruf

Für Urmann + Collegen, die im Auftrag der The Archive AG handeln, ist das offenbar kein Hindernis. Seit Anfang der Woche wurden wegen des Abrufs eines Pornostreams vermutlich mehr als 10.000 Menschen abgemahnt. In dem Schreiben, das stern.de vorliegt, heißt es: "Gegenstand unserer Beauftragung ist eine von Ihrem Internetanschluss aus begangene Urheberrechtsverletzung […] Unserer Mandantin steht das ausschließliche Recht zu, dieses Werk zu vervielfältigen. Dieses Recht wurde durch das Streamen des betreffenden Werkes über Ihren Internetanschluss verletzt." Gefordert wird deshalb eine sofortige Zahlung in Höhe von 250 Euro, die Schadenssumme wird pro Fall auf mehr als 1000 Euro festgelegt.

Wie die Kanzlei an die IP-Adressen der Betroffenen gelangt sind, ist noch nicht zweifelsfrei geklärt. Es gibt allerdings eine Vermutung: Wie der Anwalt Alexander Schupp auf seiner Webseite berichtet, wurden auf den Rechnern der Betroffenen Viren gefunden. "Möglicherweise haben die Abgemahnten die Domain redtube . net aufgesucht und wurden darüber auf redtube . com weitergeleitet, sodass auf diese Weise die IP-Adressen protokolliert werden konnten", schreibt sein Anwaltskollege Christian Solmecke. Bei ihm laufen seit dieser Woche die Telefone heiß: Hunderte Betroffene haben ihn bereits kontaktiert, seine Webseite war zeitweise unter der Last der Zugriffe zusammengebrochen. Auch er hat von Abgemahnten erfahren, dass Schadsoftware auf den Computern gefunden wurde. Deshalb rät der Anwalt, dass die Betroffenen schnellstmöglich ihren Rechner mit einem aktuellen Virenscanner überprüfen.

Ähnliches schreibt der Anwalt Jens Ferner: "Mir wurde von mehreren Beteiligten inzwischen mitgeteilt, dass man von der Telekom eine Nachricht erhalten hatte ("DTAG Abuse Mail"), der zu entnehmen war, dass man sich einen Virus eingefangen hatte und man sich darum kümmern sollte. Mir liegen auch mehrere Virenscan-Prüfprotokolle vor, in denen dann jeweils nach dieser Mail eine Adware – und zwar immer die gleiche – gefunden wurde, die sich im Firefox platziert hatte. Dies kann natürlich Zufall sein, zumal das Landgericht bei Erteilung des Auskunftsbeschlusses die Schlüssigkeit der Daten hätte prüfen müssen", schreibt Ferner auf seiner Homepage. "Andererseits gibt es derzeit Spekulationen, dass eine externe Seite, basierend auf einer Tippfehlerdomain, genutzt wurde."

Nicht unterschreiben oder zahlen

Nach Informationen der "Welt" hat die Kanzlei U+C die IP-Adressen und Uhrzeiten der "Redtube.com"-Nutzer an das Kölner Landgericht weitergeleitet und dort um ein Auskunftsersuchen gebeten. Das Landgericht habe daraufhin die Postadressen übermittelt, schreibt die Zeitung in ihrer Online-Ausgabe. Brisant: Laut Rechtsanwalt Solmecke ist das möglicherweise überhaupt nicht zulässig."Ich zweifele daran, dass die Kölner Richter diesem Auskunftsersuchen überhaupt hätten stattgeben dürfen."

Einer der ersten, der über den Fall berichtete, war der Mainzer Rechtsanwalt Karsten Gulden. Er sieht keine großen Chancen für die Abmahnkanzleien: "Wir halten es für sehr wahrscheinlich, dass gegen derartige Abmahnungen erfolgreich vorgegangen werden kann. Daher können wir niemandem, der eine solche Abmahnung erhalten hat, raten, die Unterlassungserklärung zu unterschreiben oder eine Zahlung vorzunehmen."

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