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21. Juli 2009, 19:00 Uhr

Lobbyisten-Krieg bei Wikipedia

Atomkraft, nein danke? Ja bitte? Nicht nur in der Politik wird erbittert über die Zukunft der Kernenergie in Deutschland gestritten, auch im Web bekriegen sich AKW-Befürworter und -Gegner. Ein Schauplatz der Schlacht: Wikipedia, wo ständig Einträge zum Thema in die eine oder andere Richtung verändert werden.

Atomkraft, Krümmel, Wikipedia

Atomkraftwerke wie das in Brokdorf spalten auch das Web© Heribert Pröpper/AP

Es ist eine Frage des Glaubens. Glaubt man der Atomindustrie, dann sind Kernkraftwerke Klimaschützer. Glaubt man den Umweltaktivisten, dann gehören sie abgeschaltet. Abseits der hitzigen politischen Debatte nach dem Störfall im Atommeiler Krümmel gilt es, auch die Öffentlichkeit für seine Sichtweise zu gewinnen - im Fokus steht dabei auch die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia. Laut der Organisation LobbyControl sind PR-Agenturen und Tarnorganisationen damit beschäftigt, Einträge zum Beispiel bei Wikipedia zu ändern. Aber nicht nur hier werden die jeweiligen Sichtweisen plaziert. Besonders aktiv sei in diesen Tagen das Pro-Atom-Netzwerk "Bürger für Technik" - einige Mitglieder fielen vor allem mit Leserbrief- Offensiven zum Thema Kernkraft auf.

"Wikipedia-Manipulation gehört heute zu den wichtigsten Aufgaben großer PR-Agenturen", sagt auch Axel Mayer, Geschäftsführer der BUND- Regionalstelle in Freiburg. Es ist einfach, den Korrigierer von Einträgen ausfindig zu machen. Die IP-Adresse des Computers, die bei einer geänderten Version angegeben ist, wird bei www.coolwhois.com eingegeben, und dort wird der Standort des Computers ausgespuckt. Unter der IP-Adresse 213.183.13.20 fügte etwa am 3. März 2006 jemand von einem Münchener CSU-Rechner ein Kapitel "Misserfolge und Kritik" in den Eintrag zum früheren Bundespräsidenten Johannes Rau (SPD) ein. Häufig werden solche Manipulationen aber rasch von engagierten Wikipedia-Nutzern wieder rückgängig gemacht - zumindest, wenn sie gegen das unparteiische Selbstverständnis der Enzyklopädie verstoßen.

Beim Thema Atom tauchte in der Vergangenheit beim Eintrag zum AKW Biblis wiederholt die IP-Adresse 153.100.131.14 auf: Der Computer steht laut coolwhois.com bei Biblis-Betreiber RWE - geändert wurden etwa Angaben zu Störfällen. Auf den Seiten von deutschen Atommeilern seien nur selten Infos über Radioaktivitäts-Abgaben im Normalbetrieb oder zu Krebserkrankungen, kritisiert Mayer. Allein beim Eintrag zum Pannenreaktor Krümmel gab es seit der Reaktorabschaltung am 4. Juli mehr als 120 Änderungen - die meisten waren aber nicht tendenziös.

"Der professionelle Einsatz zum Ändern kritischer Einträge und zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung geschieht häufiger als man denkt", meint LobbyControl-Vorstand Ulrich Müller. Oft träten nicht Konzerne selbst, sondern Agenturen oder scheinbar interessierte Privatpersonen als Korrektoren auf den Plan. Müller verweist auf Fachgruppen der Kerntechnischen Gesellschaft. Dort heißt es in einem Protokoll: "Zahlreiche Mitglieder der Fachgruppe engagieren sich auch als Autoren bzw. Korrektoren bei ww.wikipedia.de". Besonders das damit verbundene Netzwerk "Bürger für Technik" versuche über Leserbriefe in Zeitungen und durch das Ändern von Internet-Einträgen eine atomfreundliche Haltung zu befördern, sagt Müller.

"Alles Einzelpersonen"

Das Deutsche Atomforum weist jegliche Verbindung zu PR-Agenturen zurück. "Wir haben niemanden damit beauftragt, entsprechende Einträge zu ändern", sagt Geschäftsführer Dieter Marx. Er verweist darauf, dass zu einseitige Wikipedia-Einträge ruckzuck wieder korrigiert würden. "Das sind alles Einzelpersonen, die da mitdiskutieren." Die Bürger für Technik seien aktiv, ohne dass man da irgendetwas steuere. In der Kerntechnischen Gesellschaft seien 2500 Mitglieder, auf die man nicht alle Einfluss nehmen könnte. "Wir sehen das auch zum Teil kritisch, weil sie manchmal über das Ziel hinausschießen."

BUND-Aktivist Mayer kämpft seit Jahren gegen die Veränderung von Seiten zur Kernenergie bei Wikipedia und das Löschen kritischer Verweise. "Einige Wikipedia-Seiten sind zwar ausgewogener geworden, Links zu den Seiten von Atomkraftgegnern werden nicht mehr sofort gelöscht", sagt er. "Wir haben aber das generelle Problem der Waffenungleichheit", klagt er. "Unsere Anmerkungen und Links wurden in der Vergangenheit zum Teil nach 15 Minuten gelöscht."

Für unausgewogen hält Mayer unter anderem die Seiten der bayerischen Kernkraftwerke Isar in der Nähe von Landshut und Gundremmingen. Vergangenes Jahr war Mayer aber auch selbst ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, weil der BUND Freiburg als Gegenwehr so penetrant kritische Links bei Wikipedia-Einträgen zur Atomkraft setzte, dass diese Links auf einer Spamliste landeten.

Georg Ismar/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
mowgli (06.09.2009, 23:23 Uhr)
Lobby?
Leute die für Atomkraft eintreten bezeichnet man als Lobbyisten. Leute die dagegen sind als Umweltschützer.
So kann man sich das Argumentieren natürlich gleich viel leichter machen...
Mal im Ernst: Auch (oder: gerade) Anti-AKW-Kämpfer haben ihre handfesten persöhnlichen Interessen die sie durchsetzen wollen und ihre Gruppierungen die sie dazu einspannen - nur spricht dabei komischerweise niemand von einer "Anti-AKW-Lobby" sondern eben von "Umweltschützern", was gleich viel besser klingt.
Wenn die Grünen Stimmungsmache gegen AKW's betreiben um ein paar Wählerstimmen dazuzugewinnen oder reiche Geschäftsleute mit Wind,- oder Solarparks ordentlich (unser) Geld schachern wollen ist das völlig ok und gilt als Umweltschutz.
Wenn jemand sich hingegen die Freiheit nimmt das ganze ohne ideologische Brille zu betrachten und pro-AKW Argumente bringt ist das natürlich nicht ok und gilt als "Lobbyist" der dann umgehend Schlagworte wie "Mörder", "Umweltzerstörer", ect. um die Ohren gehauen bekommt.
Interessanterweise sind diejenigen die am lautesten und hysterischsten schreien meistens auch diejenigen die von der Thematik selbst am wenigsten Ahnung haben und komplexe technisch/physikalische Fragen gerne mit vereinfachter Ideologie beantworten...
Was das Endlagern angeht: Stimmt, da bleibt was zurück und das ist leider ein Punkt den Kernenergie mit so ziemlich allen Grundlastfähigen Energieformen (nein, Wind und Solar sind nicht Grundlastfähig, da nicht programierbar) gemeinsam hat: Die einen lagern es in Fässer verpackt in die Erde, die anderen Gasförmig in die Atmosphäre ein... Leider wurde die Forschung in Deutschland zu dem Thema ziemlich eingestellt, wobei es durchaus interessante Ansatzpunkte gäbe
TobiasS. (22.07.2009, 16:24 Uhr)
Wikipedia bildet...
...Meinungen. Von daher ist schon verwerflich, wenn die Atomlobby ihre finanziellen Möglichkeiten nutzt, um die dort verfügbaren Informationen zu beeinflussen. Speziell vor dem Hintergrund, dass Atomkraft grade zum Thema in den öffentlichen Debatten geworden ist. Die haben die Hosen gestrichen voll, weil sie langsam merken, dass ihnen die Menschen die Lügen vom billigen, klimafreundlichen und ungefährlichen Strom nicht mehr abkaufen.
Datenaktuell (22.07.2009, 10:09 Uhr)
Wiki spiegelt auch weltweite Meinungen wieder
Fakt ist dass die Kernenergie weltweit nicht vor dem aus steht.
Es gibt Länder die auch Atomausstieg betreiben oder nie welche bauen wollen. Aber auch viele die weiter betreiben oder neu bauen und einsteigen.
Da kann BUND nicht erwarten, dass bei Wiki eine AKW-Untergangsseite gepflegt wird. Es ist fast überaschend wie wenig Anti-AKW globale Auswirkungen hat.
endbenutzer (22.07.2009, 09:22 Uhr)
Wikipedia ist....
...als Informationsquelle sowieso nicht geeignet. Menschen, die ihr Wissen ausschließlich diesem Medium entnehmen, sind schlichweg schlecht bedient.
Aahz (22.07.2009, 09:12 Uhr)
@naiv02
Wenn ich mir die Vorgänge hier in Deutschland ansehe NEIN.
Evil-King (22.07.2009, 09:11 Uhr)
Atommüll
Bevor vom Atommüll eine ernsthafte akute Gefahr ausgeht, hat der Mensch die Erde bereits anderweitig zertsört. Von daher versteh ich die Aufregung nicht.
DasBertl (22.07.2009, 08:45 Uhr)
Sagen wir einmal so:
Ich galube kaum, dass es wirklich in einem Deutschen AKW zu einem GAU kommen kann wie in Tschornobyl, jedoch kann Strahlung austreten und meiner bescheidenen Meinung tut sie das bereits, auch wenn man "nichts Messen" kann. Womöglich ist es eine Strahlung die wir noch nicht kennen, denn woher kommen denn die verstärkten Leukämiefälle in der Nähe von AKWs im Vergleich zu Gegenden ohne AKWs? Dazu wie schon von den Mitkommentatoren erwähnt, die Endlagerung des Atommülls (klingt übrigens irgendwie nach Endlösung, das nur mal nebenbei...)
die auf keinem Flecken der Erde sicher ist. Ja toll, dann kommt irgend ein Hein Blöd auf die Idee "Schießen wir das Zeug doch in die Sonne", nur wer kann mir glaubhaft versichern, dass diese das Schadlos übersteht? Wer kann die Risiken wirklich abschätzen? Atommüll Nein Danke, das heisst automatisch Atomkraft NEIN DANKE!
Und euch Lobbyfuzzies (die ihr hier in form von Us und Franzens daherkommt), ihr seit derart verkommene Subjekte, euch gehört mal ordentlich der Hintern versohlt, da haben eure Eltern wohl gepennt. Was für ein Pack... Ich beantrage nach der erfolgreichen Korrektur hin zur Neutralität der Artikel eine Sperrung gegen Änderungen in Wikipedia, ich denke das lässt sich machen...
hasenpower (22.07.2009, 08:16 Uhr)
Atommüll
Es geht mir gar nicht so um die Sicherheit der Anlagen, den das kann ich nicht objektiv beurteilen.
Mir ist unwohl wenn ich an die Kernkraftwerke denke, fühle mich sehr unwohl wenn dort wirklich etwas ernsthaftes schief geht.
Doch was mir wirklich Sorgen macht ist der Atommüll.
Hätten schon die alten Römer Kernkraftwerke gehabt wäre ihr Müll auch Heute noch genauso gefährlich wie damals.
Ich kann doch keinen Abfall produzieren der nach Hunderttausend Jahre immer noch strahlt. Wie kann ich da die Verantwortung übernehmen.
Wir dürfen unseren Generationen nach uns so ein Erbe nicht hinterlassen.
Deswegen war es ein schwerwiegender Fehler überhaupt auf Atomstrom und Waffen zu setzen.
Ungeschehen können wir es nicht mehr machen, doch sollten wir jetzt anfangen an unsere Verantwortung zu denken. Deswegen gibt es nur einen einzigen richtigen Weg und das ist der Ausstieg aus diesem Irrweg der Menschheit.
ganzbaf (22.07.2009, 08:11 Uhr)
Atomschrot-Reaktoren abreißen...

und den Lobbyisten per LKW in die Vorgärten kippen.
DANN verstehen sie... ;-E
gmathol (21.07.2009, 22:59 Uhr)
Die Moeglichkeit eines Gaus's rueckt naeher...
...da die alten AKW's abgenutzt und kaum noch wirtschaftlich vernuenftig gewartet werden koennen.
Wie gross wird der Schaden diesmal sein? Nach einem Gau werden alle Atom-Lobbyisten komplett verstummen.
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