Süßer als Zucker, ohne Kalorien und nicht schädlich für die Zähne: Das verspricht der neue Süßstoff Stevia, der bald in deutsche Läden kommt. Doch was taugt die angeblich natürliche Zuckeralternative? Von Christoph Fröhlich

Süßer als Zucker und frei von Kalorien: Der Süßstoff der Steviapflanze wird zur neuen Hoffnung der Lebensmittelindustrie© DPA
Eine "Zuckerrevolution" erwartet uns, glaubt man den vollmundigen Versprechen der Lebensmittelkonzerne. Die Rede ist vom neuen Süßstoff Stevia, der ab Dezember auch in Deutschland eingesetzt werden darf. Die aus den Blättern der Steviapflanze gewonnenen Stevioglycoside sind süßer als Zucker, frei von Kalorien und nicht schädlich für die Zähne. Zudem sind sie auch für Diabetiker geeignet, da sie den Blutzuckerspiegel nicht beeinflussen. Doch ist der vermeintliche Wunderstoff wirklich so gut oder nichts weiter als eine Marketing-Mogelpackung?
Die Steviapflanze, auch Honigkraut genannt, hat eine lange Tradition. Seit zwei Jahrhunderten wird das Kraut von den Ureinwohnern Paraguays als Süßstoff und als Mittel gegen Magenschmerzen verwendet. In Japan und den USA hat Stevia längst einen riesigen Absatzmarkt, auch in Thailand und Israel schwören die Käufer auf das süße Kraut. In der Europäischen Union wurde Stevia zunächst allerdings nicht zugelassen, da die gesundheitlichen Risiken lange Zeit nicht geklärt waren.
Stevia stand im Verdacht, krebserregend zu sein, Embryonen zu schädigen und unfruchtbar zu machen. Unter anderem löste eine 1968 im Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentlichte Tierstudie eine Debatte um die Verträglichkeit von Steviaprodukten aus. Allerdings konnten weitere Untersuchungen keine schädigenden Wirkungen feststellen.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) erklärte den Süßstoff im vergangenen Jahr für unbedenklich und bezieht sich dabei auf einen Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2008. Nach der Entscheidung der EU-Kommission darf der Süßstoff nun auch in Deutschland verkauft werden. Bisher gab es Stevia-Produkte nur unter Tarnbezeichnungen wie Badezusatz oder in Form von Pillen über Internetshops oder das Reformhaus.
Doch die Behörde hat der Verwendung von Stevia klare Grenzen gesetzt und eine bestimmte Aufnahmemenge festgelegt. Die liegt bei täglich vier Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Bei einer 60 Kilogramm schweren Frau entspricht das einer Süßstoffmenge von 240 Milligramm, ungefähr soviel wie ein halber Schokoriegel. Wird die Verzehrmenge nicht überschritten, sind gesundheitliche Risiken nach derzeitigem Wissensstand nicht zu befürchten.
Wer jetzt hofft, zukünftig ohne Reue schlemmen zu können, irrt: "Der Süßstoff Stevia wird herkömmlichen Zucker zumindest in nächster Zeit nicht vollständig ersetzen können", sagt Anne Brockhoff, Wissenschaftlerin am Deutschen Institut für Ernährungsforschung. Der Grund: Der konzentrierte Süßstoff hat häufig einen leicht bitteren Nachgeschmack. Er entsteht, wenn die Süßstoffe aus der Pflanze extrahiert werden. "Wie Stevia schließlich in den fertigen Lebensmitteln schmeckt, bleib abzuwarten", so die Ernährungsforscherin. Neben Limonade soll Stevia auch in Marmeladen, Joghurts, Schokolade oder Kaugummis verwendet werden.
Doch es ist nicht nur der ungewöhnliche Geschmack, der Lebensmittelchemiker vor Herausforderungen stellt. Auch die erlaubte Höchstmenge setzt enge Grenzen: "Vier Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht reichen nicht aus, um eine Limonade ausschließlich mit Stevia zu süßen", meint Udo Kienle, Agrarwissenschaftler der Universität Hohenheim, der seit fast 30 Jahren an Stevia forscht. Um einen Liter handelsüblicher Limonade ausreichend zu süßen, müssten Lebensmittelhersteller die erlaubte Dosis verdreifachen. Somit bleibt den Firmen nichts weiter übrig, als den Rest mit Zucker aufzufüllen. Dennoch kann ein Drittel der üblichen Menge und die damit verbundenen Kalorien eingespart werden. "Von der Süßkraft ist Stevia damit nicht besser oder schlechter als andere Süßstoffe auch", meint Kienle.
Sieger der vermeintlichen Zuckerrevolution ist die Lebensmittelindustrie: Der neue Süßstoff hat den Ruf, gesund zu sein, da er von einer Pflanze stammt. „Mit der Natürlichkeit der Pflanze hat der Stoff, der am Ende im Produkt landet, aber nichts mehr zu tun, weil er durch ein chemisches Verfahren gewonnen wurde“, sagt Kienle. Er hält den plötzlichen Hype für geschicktes Marketing. "Für eine Zuckerrevolution müsste es überall vollständig einsetzbar sein. So bleibt es eine Revolution mit angezogener Handbremse."
Auch die Ernährungsforscherin Brockhoff glaubt, dass sich für die Verbraucher nicht viel ändern wird: „Die Kunden werden davon nicht viel mitbekommen. Höchstens, dass einigen der Süßstoff nicht schmecken wird." Doch auffallen werden die Stevia-Produkte im Laden ganz sicher: Mit dem vermeintlich gesunden Image des neuen "Wunderstoffs" erschafft die Lebensmittelindustrie einen Milliardenmarkt.
In den USA, wo Stevia seit 2009 eingesetzt wird, tobt seitdem ein Kampf um den Diät-Markt. Der Lebensmittelriese Coca-Cola hat bereits 24 Patente rund um Stevia angemeldet und führte in Amerika unter anderem den neuen Softdrink "Sprite Green" ein. Mit "natürlicher Süße" und "50 Prozent weniger Kalorien" bewirbt der Konzern das Diät-Produkt. Der natürliche Anstrich für Stevia-Süßstoffe ist für Stevia-Experte Udo Kienle nichts anderes als eine Täuschung des Verbrauchers. Viel besser als andere kalorienreduzierte Getränke sei die neue Sprite nicht. Nur die Nummer auf der Zutatenliste hat sich geändert: Statt E951 (Aspartam) steht da jetzt E960 (Stevia). Revolution sieht anders aus.