Was macht SCHLAU? Worum geht es SCHLAU?
Wir sind ein Bildungs- und Antidiskriminierungsprojekt zu geschlechtlicher, sexueller und romantischer Vielfalt. Konkret bieten wir mit 19 SCHLAU Teams in NRW Workshops für Jugendliche ab der siebten Klasse an, in denen wir mit pädagogischen Methoden Wissen zu diesen Themen vermitteln und vor allem Gespräche über queeres Leben, Vorurteile und Diskriminierungsmechanismen ermöglichen. Vor der Corona-Pandemie haben wir mit diesem Bildungsangebot ca. 12.500 Jugendliche jährlich erreicht und damit Impulse für ein Miteinander gesetzt, das Vielfalt wertschätzt.
Unsere Vision ist eine Gesellschaft, in der schwule, lesbische, bisexuelle, heterosexuelle, asexuelle, trans*, inter* und queere Lebensweisen gleichberechtigt gelebt werden können und uneingeschränkte Akzeptanz finden. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist Bildung: Uns geht es darum, Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, mehr über sexuelle und romantische Orientierungen und Geschlechtsidentäten zu erfahren und einen Raum zu schaffen, in dem sie offen Fragen stellen können.
Vielfalt – in all ihren Erscheinungen – ist elementar für eine offene Gesellschaft. Dieser Artikel ist Teil einer "Woche der Vielfalt", die erstmals vom 20. bis zum 26. Juni 2022 stattfindet und die den Fokus auf das Thema sexuelle Identität und Orientierung legt. In dieser Woche setzen sich RTL Deutschland sowie die Partnerunternehmen der Bertelsmann Content Alliance ganz besonders für Gemeinschaft, Toleranz und Gleichberechtigung ein.
Wie sehen die Bildungs- und Antidiskriminierungsworkshops aus? Was wird da gemacht?
Jeder SCHLAU-Workshop wird nach einem Vorgespräch mit der pädagogischen Leitung oder einer Lehrkraft vom SCHLAU Team individuell vorbereitet und auf die Zielgruppe abgestimmt. Es werden Methoden aus unserer Methodensammlung, der SCHLAUen Kiste, eingesetzt. In dieser befinden sich pädagogische Methoden aus der Antidiskriminierungs- und Menschenrechtsarbeit, mit denen queere Themen aufgegriffen und vertieft werden können. Mögliche Schwerpunkte können beispielsweise die Themen Geschlechterrollen, vielfältige Familienformen, Trans* und Inter* oder Menschenrechte sein. Das Herzstück eines jeden SCHLAU Workshops ist am Ende das biografische Erzählen. In dieser Einheit können die Jugendlichen anonym Fragen stellen. Die Teamer:innen beantworten die Fragen vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen und den Gefühlen, die mit diesen Erfahrungen verbunden sind. Fast immer entstehen hier offene Gespräche über Liebe, Identität, unterschiedliche Lebensentwürfe und Diskriminierungserfahrungen, die zu spannenden Reflexionsprozessen bei den Jugendlichen führen. Zum Abschluss können holen wir ein Feedback von Jugendlichen ein und verweisen auf Beratungsstellen und, wenn vorhanden, queere Jugendangebote.
SCHLAU kann überall dorthin eingeladen werden, wo Jugendliche in Gruppen zusammenkommen. Wir werden in Sportvereinen, in die offenen Jugendarbeit und in Konfirmand:innen Gruppen eingeladen, aber vor allem in Schulklassen – hier werden etwa 80% unserer Workshops gegeben.
Kira Splitt, Jahrgang 1989
- Seit 2019 Landeskoordination von SCHLAU NRW
- Vorher 2014-2019: Fachstelle Queere Jugend NRW (Verantwortung für strukturelle Stärkung und fachliche Weiterentwicklung queerer Jugendarbeit in NRW)
- Seit 2018 ehrenamtlich im Vorstand von Queere Bildung e.V., dem Bundesverband für queere Bildungs- und Antidiskriminierungsprojekte
Wie nehmen die Kinder und Jugendlichen das Thema auf?
Fast immer begegnen wir aufgeschlossenen Jugendlichen, die Lust haben, mit uns über queere Themen zu sprechen, etwas dazuzulernen und ihre Meinung zu sagen. In den letzten Jahren hat sich immer stärker gezeigt, die Spannbreite wird größer: Wir begegnen Jugendlichen, die bereits sehr viel über LSBTIAQ* (lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter*, asexuelle/aromantische, queere Menschen) wissen und sehr unaufgeregt mit uns über diese Themen sprechen. Allerdings begegnen wir auch Jugendlichen, für die queere Begriffe und Selbstdefinitionen ganz neu sind oder die Vorurteile gegenüber LSBTIAQ* haben. Unsere Aufgabe ist es dann, eine gemeinsame Wissensgrundlage zu schaffen. Beispielsweise durch die Klärung von Fragen wie "Was heißt trans*? Was ist eine Regenbogenfamilie? Warum gibt es seit 2018 einen dritten Geschlechtseintrag?", um anschließend Impulse für Gespräche und Reflexion zu ermöglichen. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie viel in unseren kurzen Workshops passiert und wie gern Jugendliche unser Angebot annehmen, über queere Themen zu sprechen und Erfahrungen sowie Meinungen auszutauschen.
Der Austausch mit LSBTIAQ*-Personen ist Ihnen wichtig. Schüler:innen dürfen Fragen stellen. Welche Fragen stellen die Kinder und Jugendlichen so?
Die Fragen sind je nach Alter der Jugendlichen unterschiedlich. Typische Fragen sind auf alle Fälle: Wann und wie habt ihr gemerkt, dass ihr queer seid? Wem habt ihr als erstes davon erzählt? Wie haben deine Eltern reagiert? Traut ihr euch eure Partner:innen in der Stadt zu küssen? Wo lernt ihr Menschen kennen, die so sind wie ihr? Möchtet ihr mal Kinder haben? Insbesondere beim Thema geschlechtliche Vielfalt haben die Jugendlichen in der Regel viele Fragen. Beispielsweise wie eine Namensänderung für trans* Personen erfolgt, welche Schritte trans* Personen gehen müssen, um in ihrem Geschlecht anerkannt zu werden oder ganz grundlegend, wie es sich anfühlt, wenn das zugeschriebene Geburtsgeschlecht nicht mit der Geschlechtsidentität übereinstimmt.
Ist LSBTIAQ*-Feindlichkeit in deutschen Klassenzimmern ein Problem?
Die EU-Grundrechteagentur FRA hat in Deutschland 2020 mehr als 16.000 queere Menschen nach ihren Erfahrungen befragt. 48 Prozent sagen, sie seien in ihrer Schulzeit gemobbt worden. 46 Prozent sagen, sie hätten während ihrer Schulzeit nie erlebt, dass sie jemand unterstützt oder verteidigt hätte. Und auch in der deutschlandweiten Studie "Coming-Out und dann?!", in der 5000 queere Jugendliche befragt wurden, zeigte sich, dass 75 Prozent aller queeren Jugendlichen vor ihrem Coming-Out Sorge haben, dass sie Freund:innen verlieren könnten. 61 Prozent aller queeren Jugendlichen erleben nach ihrem Coming-Out Beleidigungen und Beschimpfungen. Queerfeindlichkeit ist also ganz eindeutig auch heute noch ein Problem im Klassenzimmer und längst nicht alle queeren Jugendlichen können eine angstfreie Schulzeit erleben.
Angenommen, ein Kind outet sich in der Klasse als schwul, lesbisch oder trans*. Wie sollten Lehrkräfte mit einer solchen Situation am besten umgehen?
Für viele queere Jugendliche ist das Coming-Out in der Schule ein wichtiger Schritt, da sie dort viel Zeit verbringen und dort vieler ihrer sozialen Kontakte haben. Viele Jugendliche trauen sich dennoch nicht, sich in diesem Kontext zu outen. Für die Begleitung eines Coming-Outs ist wichtig: Es gibt nicht den einen, richtigen Weg für ein gelungenes Coming-Out. Jugendliche wählen individuelle Wege, um anderen von ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität zu berichten und das ist vollkommen in Ordnung. Lehrende sollten Schüler:innen zuhören, ein Coming-Out möglichst unaufgeregt begleiten und die jugendliche Person in einem passenden Moment fragen, was er oder sie an Unterstützung braucht. Es kann sinnvoll sein, losgelöst von der Person, die sich outen möchte oder geoutet hat, queere Themen aufzugreifen und mit der Klasse zu besprechen. Hier bietet es sich auch an, SCHLAU einzuladen. Denn dann müssen die Fragen der Klasse nicht allein durch die gerade frisch geoutete Person beantwortet werden. Für das Thema "Trans* und Schule" haben wir vor einiger Zeit eine gleichnamige Publikation herausgegeben. Diese Broschüre ist eine erste Orientierungshilfe für pädagogische Fachkräfte, die dabei hilft, trans* Schüler_innen im Schulalltag besser zu unterstützen.
Wie sollten Lehrende reagieren, wenn es LSBTIAQ* -Feindlichkeiten in der Klasse gibt?
Auf jeden Fall reagieren. Queerfeindliche Aussagen oder Beleidigungen dürfen nicht einfach überhört werden. Viel zu oft berichten queere Jugendliche aber genau von dieser Erfahrung. Es kann nicht sein, dass nach einem solchen Vorfall einfach weiter gemacht wird. Stattdessen müssen die Lehrkräfte den Vorfall aufgreifen und thematisieren, sodass deutlich wird, dass menschenfeindliche Aussagen und Haltungen nicht akzeptiert werden. Nur so können sich queere Jugendliche gestärkt und auch beschützt fühlen. Durch ein aktives Handeln von Lehrkräften zeigen sich diese als vertrauenswürdige Ansprechpersonen, die Beleidigungen, Ausgrenzungen und Mobbing wahrnehmen und hier intervenieren. Über die konkrete Situation hinaus sollten die Themen LSBTIAQ* behandelt und am besten in Themen wie Demokratie, Mobbing, Menschenrechte und Selbstbestimmung eingebettet werden. Weitere Tipps, wie die Akzeptanz von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt an Schulen unterstützt werden kann, gibt die "Checkliste und Handlungsempfehlungen für Schulen zum Thema LSBTIQ*".
Häufig sind es die Eltern und Erziehungsberechtigten, bei denen Kinder und Jugendliche Angst haben, sich zu outen. Wie sollte man als Elternteil beim Coming-Out reagieren und wie kann man das Kind am besten unterstützen?
Es ist schön, sich erstmal als Elternteil für das Vertrauen zu bedanken, denn es fällt vielen Jugendlichen noch immer sehr schwer, sich gegenüber Eltern oder Erziehungsberechtigten zu outen. Jugendlichen tut es gut, in diesem Moment gehört zu werden und zu spüren, dass ihr Gegenüber sie wahrnimmt und eigene Gefühle und Sorgen, die ggf. da sind, erstmal zurücksteckt. Die jugendliche Person wird sich sehr wahrscheinlich ihr Leben lang an diesen Moment und die Reaktion der Eltern erinnern. Umso schöner ist es, wenn mit Besonnenheit, Liebe und Verständnis reagiert werden kann. Wenn Eltern Überforderung erleben, kann es auch in Ordnung sein, diese zu äußern und um etwas Zeit zu bitten. Für eine gute Unterstützung des Kindes ist es wichtig, sich eigenständig zu informieren und vielleicht beraten zu lassen. Das queere Kind sollte nicht in die Verantwortung kommen, die eigenen Eltern aufzuklären oder zu sensibilisieren. Aber ich finde es super, wenn Eltern Überforderung oder auch eigene Vorurteile erkennen und sich dann Unterstützung einholen, um anschließend selbst eine gute Unterstützung für ihr Kind sein zu können.
Inzwischen gibt es ja nicht "nur" schwul und lesbisch. Manche identifizieren sich als trans, intergeschlechtlich, queer oder wollen mit bestimmten Pronomen angesprochen werden. Haben Sie Verständnis dafür, dass das für Eltern verwirrend sein kann? Und was würden Sie solchen Vätern, Müttern oder Erziehungsberechtigten raten?
Ja, natürlich. Coming-Out Prozesse können herausfordernd und verwirrend sein. Vor allem für die queere Person selbst. Bei allen Gefühlen, die Eltern haben, sollte der Fokus also immer auf dem Kind liegen. Es ist okay, als Elternteil Fragen zu haben. Es ist okay, Überforderung und Irritation zu erleben und es ist auch okay, wenig queeres Wissen zu haben und Fehler zu machen. Aber um das eigene queere Kind gut begleiten zu können, ist es wichtig, sich zu informieren und vor allem auf das Kind zu vertrauen und seine Selbstbestimmung ernst zu nehmen. Mittlerweile gibt es immer mehr tolle Beratungsstellen und Gruppen für queere Kinder, Jugendliche und ihre Eltern, die dabei unterstützen einen selbstverständlichen Umgang mit der queeren Identität des Kindes zu bekommen. Diese sind ein wichtiges Angebot, um mit Fragen und Überforderung nicht allein zu bleiben.