
Bevor eine Frau zum Mammographie-Screening geht, sollte sie sich gut über Nutzen und Schaden informieren© Colourbox
Für die Fachärztin Ingrid Mühlhauser, die an der Universität Hamburg Gesundheitswissenschaften lehrt und mehrere Arbeiten über Früherkennungsuntersuchungen, darunter auch zur Mammografie, veröffentlicht hat, sind die Ergebnisse der dänischen Studie wenig überraschend. "Für einzelne Frauen hat das Screening unbestreitbar einen Nutzen", sagt sie. "Daneben kommt es allerdings zu Fehldiagnosen und unnötigen Operationen, Chemotherapien und Strahlenbehandlungen, bei denen Tumore bekämpft werden, die nie Probleme bereitet hätten." Laut einem ebenfalls von Peter Goetzsche, dem Autor der aktuellen Untersuchung, verfassten Cochrane-Review wird unter 2000 Frauen, die über einen Zeitraum von zehn Jahren zum Mammographie-Screening gehen, das Leben einer Frau dadurch verlängert. Gleichzeitig werden zehn gesunde Frauen als Brustkrebspatientinnen eingestuft und fälschlicherweise behandelt. Auf die etwa zehn Millionen Frauen bezogen, die in Deutschland zum Screening eingeladen werden, hieße dies laut Mühlhauser: Über zehn Jahre hinweg würde das Leben von 5000 Frauen verlängert, 50.000 erhielten in diesem Zeitraum allerdings eine ungerechtfertigte Diagnose und Behandlung und bei zwei Millionen Frauen käme es zum Verdacht, der durch eine weitere Untersuchung, zum Beispiel eine Gewebeprobe, abgeklärt werden müsse. "Als Frau werden sie nie feststellen können, ob sie zu den Personen zählen, bei denen es sich um eine Überdiagnose handelt oder zu den seltenen Fällen, denen einen frühe Diagnose und Behandlung tatsächlich das Leben gerettet hat", sagt sie. Manche der behandelten Frauen wären jedenfalls ohne Screening nie zu Brustkrebspatientinnen geworden.
Trotzdem haben der Gemeinsame Bundesausschuss und die Kooperationsgemeinschaft Mammographie Ende 2009 eine erste, positive Bilanz des Screenings in Deutschland gezogen. Seit Beginn seien wesentlich mehr Tumore entdeckt worden, darunter doppelt so viele kleine. Ob dies wirklich ein reiner Vorteil ist, bezweifelt Mühlhauser. "Allein das Aufdecken von immer mehr Brustkrebs hat keinen Nutzen, solange nicht klar ist, welche dieser Krebse tatsächlich gefährlich werden." Zudem: "Je genauer man untersucht, desto mehr Überdiagnosen bekommt man auch."
Nikolaus Becker vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg hält das deutsche Mammographie-Screening grundsätzlich für sinnvoll. "Die Teilnahme an dem Programm senkt das Sterberisiko um etwa 35 Prozent", sagt er. Auf den ersten Blick klingt diese Reduktion genauso beeindruckend wie die um 25 Prozent, die in der Studie aus dem Jahr 2005 postuliert wird. Die absoluten Zahlen, die sich hinter den Prozentwerten verbergen, sind allerdings hilfreicher. "Sterben von 1000 Frauen in zehn Jahren acht ohne Screening und wären es mit Screening im selben Zeitraum sechs, dann sind sechs statt acht rechnerisch eine Senkung um 25 Prozent", sagt Mühlhauser. "Bezogen auf 1000 Frauen senkt die Mammographie das Sterblichkeitsrisiko allerdings nur um 0,2 Prozent."
Die frühe Diagnose eines Tumors verringere nicht nur das Sterberisiko einer Frau, sie ermögliche Ärzten oft auch ein schonenderes Vorgehen - etwa eine schwächer dosierte Chemotherapie oder eine brusterhaltende Behandlung, sagt Becker, der die neue Studie als methodisch mangelhaft bezeichnet. Allerdings betont er: "Man sollte Frauen schon vor dem Screening darüber aufklären, dass sich acht bis neun von zehn Verdachtsfällen als harmlos erweisen."
Soll nun aber eine Frau zur Mammographie gehen oder nicht? "Sie muss sich auf jeden Fall über Nutzen und möglichen Schaden im Klaren sein", sagt Mühlhauser. Dass dies nicht immer der Fall ist, zeigen drei aktuelle Untersuchungen, auf welche die Ärztin verweist. Demnach überschätzen deutsche Frauen den Nutzen des Screenings massiv. "Mehr als 60 Prozent glauben, dass sie durch die Teilnahme Brustkrebs verhindern oder ihr Erkrankungsrisiko reduzieren können", sagt Mühlhauser. "Das ist allerdings gar nicht möglich."