Leistungsdruck macht den Nachwuchs krank

12. August 2010, 15:22 Uhr

Psychische Krankheiten beginnen oftmals schon in jungen Jahren: Jedes vierte Kind in Deutschland leidet unter Depressionen, Ängsten oder Hyperaktivität. Die Ursachen sind häufig im Elternhaus zu finden.

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Ungesunder Stress: Jedes vierte Kind in Deutschland leidet unter psychischen Störungen©

Eine unbeschwerte Kindheit scheint fast schon Seltenheitswert zu haben: Jedes vierte Kind in Deutschland zeigt psychische Auffälligkeiten. "Psychische Störungen, vor allem psychosomatische Symptome haben bei Kindern und Jugendlichen in den vergangenen Jahren von 20 auf 25 Prozent zugenommen", sagte der Direktor des Universitätsklinikums Eppendorf, Michael Schulte-Markwort, dem "Hamburger Abendblatt". Er verwies dabei auf eine Auswertung der Klinik von aktuellen Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Berliner Robert-Koch-Institutes.

Besonders oft sind den Angaben zufolge Probleme wie Depression, Angst oder Hyperaktivität bei Kindern aus Familien mit geringerem Einkommen und wenig Bildung aufgetreten. In dieser Gruppe habe der Anteil der psychisch auffälligen Kinder bei 31,2 Prozent gelegen und sei damit fast doppelt so hoch gewesen wie bei Kindern aus Familien mit einem hohen sozialen Status (16,6 Prozent). "Die Ursachen für die psychischen Auffälligkeiten sind vielfältig", sagte Schulte-Markwort dem Abendblatt. Eine wichtige Rolle spielten die Eltern, die für ihr Kind die bestmögliche Ausbildung wollten, die Verkürzung der Lernzeit in den Gymnasien auf acht Jahre und ein erhöhter Druck in der Schule durch Leistungsvergleiche wie die Pisa-Studie.

Depressionen und Ängste belasten das Gesundheitssystem

Diesen Trend bestätigte auch eine Erhebung des Statistischen Bundesamtes, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Demnach erhöhten sich die Ausgaben für psychische Erkrankungen in Deutschland zwischen 2002 und 2008 drastisch - um 22 Prozent auf 28,7 Milliarden Euro. Psychische Verhaltensstörungen insgesamt sind inzwischen ein großer Kostenfaktor für das Gesundheitssystem: Nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krankheiten des Verdauungssystems rangieren psychische Störungen auf Platz drei unter den Volkskrankheiten; sie schlugen 2008 mit knapp 28,7 Milliarden Euro zu Buche.

Frauen greifen häufiger zu Antidepressiva

Dazu passen auch neue Erkenntnisse der Techniker-Krankenkasse (TK). Eine aktuelle Auswertung des TK-Gesundheitsreports zeige, dass sich der Verbrauch der Antidepressiva unter Deutschlands Beschäftigten innerhalb von zehn Jahren verdoppelt habe, teilte die Krankenkasse mit. Statistisch gesehen habe jeder Berufstätige im vergangenen Jahr für acht Tage Medikamente zur Behandlung von Depressionen erhalten, das entspreche im Vergleich zu 2000 einem Anstieg von 113 Prozent. Frauen erhielten mit 10,5 Tagesdosen dabei deutlich mehr Antidepressiva als Männer, die Medikamente für sechs Tage verschrieben bekamen. Auch zwischen den einzelnen Bundesländern gibt es der TK zufolge gravierende Unterschiede: Während die Berufstätigen in Bayern mit neun Tageseinheiten bundesweit das höchste Pro-Kopf-Volumen verschrieben bekamen, erhielten jene in Sachsen-Anhalt lediglich für knapp sechs Tage Antidepressiva. Die Bundespsychotherapeutenkammer forderte angesichts der Zahlen eine Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung. Der Präsident der Kammer, Rainer Richter, klagte gegenüber der "Neuen Osnabrücker Zeitung" über einen Mangel an ambulanten Therapieangeboten vor allem im ländlichen Raum. Während die Bedarfsplanung in Städten für 2577 Einwohner einen Psychotherapeuten vorsehe, müsse im ländlichen Raum ein Therapeut für 23.106 Einwohner ausreichen.

swd/APN
 
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