Wo sind die Ärzte gut, die Schwestern freundlich? Auf der Suche nach der perfekten Behandlung fühlen sich Patienten oft alleingelassen. Neue, intelligente Wegweiser im Internet helfen bei der Entscheidung. Von Astrid Viciano

Vor der Aufnahme steht die große Recherche: Welches Krankenhaus ist das beste für mich?© Ralf Hirschberger/DPA
Ein Fehler im Herzen. Tanja Eggert spürte das Rasen, das Stolpern in der Brust, als ihr an einem Wintertag vor zwei Jahren ein anderes Auto die Vorfahrt nahm. "Ich hatte wahnsinnige Angst, das machte alles nur noch schlimmer", erinnert sich die heute 35-Jährige. Angst um ihr Leben. Sie würde einen Schrittmacher brauchen, um ihr Herz im Takt zu halten, erfuhr sie später. Aber welcher Klinik sollte sie sich anvertrauen? Der Rat ihres Hausarztes genügte ihr nicht. Die Bürokauffrau begann, die Lebensläufe von Fachärzten online zu studieren, las in Patientenforen nach, ob die Krankenschwestern einer Station ruppig waren. "Ich wusste nicht, wie ich sonst suchen sollte", sagt Eggert. Dass es im Internet auch Klinikführer gibt, die ihr die schwere Wahl hätten erleichtern können, weiß sie erst heute.
Tanja Eggert durfte nun als eine der ersten Patienten den neuesten OnlineÜberblick über Krankenhäuser testen: die "Weisse Liste". Mit Unterstützung von Patientenorganisationen hat die Bertelsmann Stiftung einen der ambitioniertesten Klinikführer erarbeitet, der selbst mit Suchbegriffen wie "Ziegenpeter" etwas anfangen kann. Wo finde ich eine passende Klinik? Welcher Abteilung kann ich mich anvertrauen? Wo gibt es freundliches Personal? Fragen, mit denen Patienten oft allein gelassen sind, soll das Suchportal beantworten. Und sich später zu einem umfassenden Medizinführer entwickeln, der auch über Pflegeheime und Reha-Einrichtungen informiert.
Die Daten werden dringend gebraucht. "Der besser informierte Patient wird besser behandelt", sagt Adele Diederich, Psychologin an der Bremer Jacobs University und Sprecherin einer Forschungsgruppe, die sich mit der Krankenversorgung befasst. Immer mehr Patienten wissen das. Zwar verlassen sich die meisten bei der Kliniksuche weiterhin auf den Rat ihrer Ärzte. Doch viele wollen die Entscheidung über eine Therapie nicht mehr allein in deren Hände legen. Schon vor fünf Jahren gaben fast 60 Prozent der Patienten in einer Studie an, dass der Mediziner nur mit ihnen gemeinsam eine Behandlung beschließen sollte. Mehr als die Hälfte der Befragten einer anderen Untersuchung klagten, sie würden zu wenig über die Qualität der Arbeit an Krankenhäusern erfahren. Welche Operationsmethoden in einer Klinik üblich sind, wie viele Kranke dort pro Jahr behandelt werden. Erst mit diesem Wissen können Patienten das tun, worauf sie ein Recht haben: ihre Klinik frei wählen.
Bis vor wenigen Jahren hatten Patienten kaum Chancen, brauchbare Daten zu finden. Da gab es allenfalls Hochglanzbroschüren mit freundlichen Worten und lächelnden Chefärzten und Webseiten, die ähnlich aussahen. "Viele Informationen über Kliniken sagten mehr über die Leistung der Marketingabteilung aus als über die Qualität der Behandlung", sagt Sebastian Schmidt-Kaehler, einer der beiden Projektleiter der Weissen Liste in Gütersloh. Die wirklich interessanten Daten über die Qualität der Krankenhäuser wurden gehütet wie das Geheimnis um einen versunkenen Schatz.
Erst seit 2005 kommen nach und nach Daten ans Licht. Denn seither müssen sämtliche Kliniken, die gesetzlich versicherte Patienten behandeln, alle zwei Jahre einen sogenannten Qualitätsbericht erstellen. Diese Berichte sind über die Internetauftritte der Krankenkassen einsehbar, finden sich meist aber auch auf den Webseiten der Kliniken. Hier erhält der Patient in spe nun nicht mehr allein die Basisdaten zu Krankenhäusern und ihren Abteilungen (etwa Informationen über die Zahl der Betten, Ärzte und Pfleger, über häufigste Diagnosen und Behandlungen), sondern bekommt zu immerhin zehn Fachbereichen Angaben, die auf die Arbeitsqualität der Ärzte schließen lassen: Wie häufig ist nach einer Gallenblasenoperation die entnommene Blase noch mikroskopisch untersucht worden? Oder wie oft sind nach dem Einsetzen von Herzschrittmachern die Sonden im Herzen verrutscht?
Zahlen, die auch Tanja Eggert vor ihrer Operation interessiert hätten. "Aber woher sollte man als Laie davon wissen?", fragt sie. Tatsächlich sind die Qualitätsberichte bisher fast nur Insidern bekannt. Gerade mal vier Prozent der Bevölkerung hatten in den ersten sieben Monaten nach ihrer Einführung darin gelesen. Und die dürften mit den Tabellen und Listen wenig Freude gehabt haben. Die meisten Patienten können sich in dem Datendschungel kaum zurechtfinden.
Oder sie wissen noch nicht einmal, wonach sie eigentlich suchen sollen. Ein Patient aus Berlin zum Beispiel, der einen Herzschrittmacher braucht, kennt kaum alle Kliniken in seinem Umkreis. Auf welchen Webseiten sollte er Qualitätsberichte suchen? Wie sollte er sie alle vergleichen?
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 24/2008
Das große Schweigen Seit dem Jahr 2001 sammelt die Bundesgeschäftsstelle
Qualitätssicherung (BQS) in
Düsseldorf brisante Daten: welche Kliniken
in Deutschland gute Behandlungsergebnisse
erzielen, welche Komplikationen auftreten
und zum Teil auch, wie viele Todesfälle es
gibt. Bis zum vergangenen Jahr wurden die
Zahlen zwar genutzt, um schlecht abschneidende
Kliniken diskret zu Verbesserungen zu
bewegen - blieben ansonsten aber weitgehend
unter Verschluss. Die Patienten konnten
nur in anonymisierten Tabellen einen allgemeinen
Eindruck über die Behandlungsqualität
in den Krankenhäusern bekommen.
Im Jahr 2007 öffnete sich der Vorhang ein
wenig, ein kleiner Teil der Informationen wird
seither in den Qualitätsberichten der Krankenhäuser
veröffentlicht. Das sind Reports,
die bis dahin vor allem über die Struktur der
Kliniken informierten, zum Beispiel über die
Bettenzahl und die vorhandenen Fachabteilungen.
10 von 26 sogenannten Leistungsbereichen
der BQS-Daten sind darin nun
enthalten - von der Operation an den Herzkranzgefäßen
über die Entfernung der
Gallenblase bis hin zum Kniegelenkersatz.
Für jeden dieser Leistungsbereiche legen
Fachgruppen der BQS rund 180 Parameter
fest, die gute Arbeit von schlechter unterscheiden
sollen. So müssen die Klinikärzte
etwa dokumentieren, ob beim Einsatz eines
künstlichen Gelenks Antibiotika gegeben
werden, um Infektionen vorzubeugen.
Auch die Beweglichkeit des Gelenkersatzes
ist ein Maß für die Behandlungsqualität.
Besonders brisante BQS-Daten wie Zahlen zur
Sterblichkeit bleiben jedoch noch weitgehend
unveröffentlicht
- trotz heftiger Kritik von
Verbraucherschützern. Und selbst der gesamte
Datensatz erfasst nur ein Fünftel der
in den Kliniken durchgeführten Prozeduren.
Verena Lugert, Ralph Kray