. .
News am 27.05.2012
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
26. August 2006, 07:00 Uhr

"Warum sagen Sie nichts zur Korruption?"

Zum ersten Mal streiten der oberste Pharma-Chef Andreas Barner und sein schärfster Kritiker, IQWiG-Chef Peter Sawicki, öffentlich über teure Pillen und Geschenke der Pharmaindustrie an Ärzte. Von Markus Grill und Katrin Denkewitz (Fotos)

Am Frankfurter Flughafen trafen sich auf Einladung des stern IQWiG-Chef Peter Sawicki (l.) und Pharma-Boss Andreas Barner zum Schlagabtausch© Katrin Denkewitz

Herr Barner, warum bekämpfen Sie Peter Sawicki?
BARNER: Wir bekämpfen ihn nicht. Wir setzen uns allenfalls mit seinen Gutachten auseinander. Aber wir sollten die persönlichen Elemente in jedem Fall herausnehmen.

Ihr Verband, so war zu lesen, fordert die Ablösung von Sawicki.
BARNER: Nein, der Verband Forschender Arzneimittelhersteller fordert das mit Sicherheit nicht, das haben wir nie gesagt.

SAWICKI: Ich habe auch gelesen, dass Sie mich nicht mögen ...

(Peter Sawicki leitet das IQWiG, ein Institut, das nach der Gesundheitsreform 2004 gegründet wurde. Es beurteilt, ob neue, teurere Medikamente wirklich besser sind als bisherige. Und wenn sie nicht besser sind, bezahlen die Krankenkassen diese Medikamente nicht mehr.)

Herr Barner, warum werfen Sie Herrn Sawicki vor, dass es ihm gar nicht um die Qualität von Arzneimitteln geht, sondern nur ums Sparen?
BARNER: Herr Sawicki hat sich ja verschiedentlich klar geäußert. Er sagt, dass die pharmazeutische Industrie Deutschland als Selbstbedienungsladen betrachte und sie keine Innovationen produziere. Das würde ich nicht als eine unvoreingenommene Basis bezeichnen.

Einige Pharmafirmen haben sogar PR-Agenten bezahlt, die die Medien gegen Sawicki aufstacheln sollten - zum Teil mit Erfolg.
BARNER: Ich hatte schon gesagt, ich halte überhaupt nichts von einer Personalisierung der Debatte. Ich bezweifle auch, dass es eine Kampagne gegen Herrn Sawicki gibt. Ganz sicher nicht durch den VFA.

SAWICKI: Sie haben uns vorgeworfen, wir hätten beim Gutachten für Insulin-Medikamente aus tausend Studien nur sieben ausgesucht, die uns gepasst haben. Ich weiß nicht, ob Sie das aus Böswilligkeit sagen oder aus Unkenntnis?

BARNER: Ich bezweifle schon, ob es für die Unvoreingenommenheit des Instituts spricht, dass ausgewiesene Gegner der Insulin-Analoga zu externen Sachverständigen ernannt wurden.

SAWICKI: Wir können gern nach den Methoden der evidenzbasierten Medizin diskutieren: Wo ist der Beleg, dass unsere Sachverständigen die Insulin-Analoga abgelehnt haben? Was mich stört ist, dass Sie bei Patienten den Eindruck erwecken, wir würden uns unsere Ergebnisse zurechtstricken. Und es ärgert mich auch, dass Sie so tun, als ob unsere Gutachter voreingenommen wären. Das ist eine Unterstellung. Ich habe führende Vertreter der Deutsche Diabetes Gesellschaft gefragt, aber keiner von denen war bereit, dieses Gutachten für uns zu machen. Jeder Gutachter bei uns muss offenlegen, ob er Geld von Pharmafirmen erhält. Und die allermeisten wissenschaftlich tätigen Diabetologen in Deutschland haben vermutlich durch eine enge Verbindung zur Industrie solche Interessenskonflikte.

Herr Barner, die Pharmaindustrie bringt stets neue Medikamente auf den Markt und will, dass die Krankenkassen sie bezahlen. Doch sie liefern oft keine Beweise, dass die neuen Medikamente besser sind.
BARNER: Wenn Sie ein Präparat einführen, wird es für eine ganz bestimmte Krankheit eingeführt. Im späteren therapeutischen Alltag ergeben sich zusätzliche Anwendungen oder ganz neue Nutzen für den Patienten. Diese Beweise können sie aber logischerweise erst nach der Zulassung dokumentieren. So wurden zum Beispiel die ACE-Hemmer erfolgreich bei Herzinsuffizienz eingesetzt, obgleich sie ursprünglich nur zur Behandlung von hohem Blutdruck zugelassen wurden.

SAWICKI: Die ACE-Hemmer sind jetzt über zwanzig Jahre auf dem Markt. Ihr Vorteil bei Herzinsuffizienz ist klar belegt. Aber es gibt keine gute Vergleichsstudie bei Bluthochdruck, die den Vorteil zeigt. Warum nicht? Zwanzig Jahre Zeit! Ein Milliardenumsatz! Ich verlange nur, dass die Pharmaunternehmen, wenn Sie ein neues Präparat einführen, es untersuchen und zeigen, ob die neuen Medikamente besser sind, gleichwertig oder schlechter. Und das tun sie nicht.

Herr Barner, stimmt es, dass die Pharmaindustrie oft zehn Studien macht, aber nur diejenigen veröffentlicht, die den Vorteil des Medikamentes zeigen?
BARNER: Alle Studien die gemacht werden, werden in ein Register einbezogen und routinemäßig allen Behörden berichtet. Dass Studien nicht veröffentlicht werden, gehört der Vergangenheit an. Ich fordere da ganz klare Transparenz.

SAWICKI: Durch die Nicht-Veröffentlichung von Studien sind allein in den USA schon mehr Menschen gestorben als im Vietnamkrieg. Wenn wir in unserem Institut klinische Studien auswerten, wüssten wir zum Beispiel gerne, ob das womöglich nur ein positiver Ausschnitt ist aus den Untersuchungen der letzten 15 Jahre oder ob die Daten vollständig sind. Diese Auskunft bekommen wir von den Pharmafirmen nicht. Novo Nordisk hat sich zum Beispiel geweigert, uns eine unveröffentlichte Studie über ihr Insulin-Analogon zur Verfügung zu stellen.

BARNER: Von diesem Fall habe ich gehört. Man hat sich offenbar mit Ihnen nicht auf eine Geheimhaltungserklärung einigen können.

SAWICKI: Wie bitte? Die Patienten nehmen an einer Studie teil, stellen ihre Gesundheit zur Verfügung und eine Ethikkommission muss das genehmigen, damit es zu einer Zunahme des Wissens über eine Erkrankung kommt. Was heißt denn da Geheimhaltung? Medikamentenstudien dürfen nicht geheim gehalten werden, das wäre unethisch.

Herr Barner, wie viele Medikamente wurden vergangenes Jahr neu zugelassen?
BARNER: Weltweit haben wir rund 20 neue Wirkstoffe zugelassen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 34/2006

  zurück
1 2 3
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Pharmaindustrie Druck über Drittmittel

Peter Sawicki, Chef des Institutes für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), erzählt im stern.de-Interview, wie schwierig es für ihn ist, geeignete Gutachter zu finden. Die müssen entweder um Drittmittelgelder für ihre Forschungen bangen, oder sogar um ihre Karriere. mehr...

Iqwig Die Pillenprüfer

Viele Medikamente sind Kopien von anderen - für die Pharmaindustrie ein einträgliches Geschäft. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig) soll diese Scheininnovationen, die das Budget der Krankenkassen belasten, aussieben - gegen den erbitterten Widerstand der Pharmalobby. mehr...

Streit um Insulin-Analoga "Der reinste Selbstbedienungsladen"

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig) soll Scheininnovationen nach harten Kriterien aussieben - eine Bedrohung für die Pharmakonzerne. Im stern.de-Interview wehrt sich Iqwig-Leiter Sawicki gegen die Kampagne der Pharmaindustrie. mehr...