Was Online-Therapien taugen

18. September 2013, 10:00 Uhr

Online-Therapien gegen Depressionen entwickeln sich derzeit rasend schnell. Die Behandlung ist kostengünstig - doch hilft sie auch? Von Heike Dierbach

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Die Therapeuten der Zukunft sind längst nicht immer aus Fleisch und Blut, sondern bestehen schon mal aus Nullen und Einsen.©

Nicht einmal ihre beiden Pferde konnte Ingrid Wagner (Name von der Redaktion geändert) in ihren schlimmsten Phasen versorgen. Dabei sind die zwei eigentlich ihre große Freude. Aber die Schatten, die sie immer wieder überfielen, waren stetig dunkler geworden. Die 58-jährige Bürokauffrau nahm keine Einladungen mehr an und traute sich kaum noch aus dem Haus. "Autofahren ging gar nicht mehr", sagt sie. Nachts lag sie wach, am Tag kamen ihr aus dem kleinsten Grund die Tränen. Ihre Hausärztin stellte schließlich die Diagnose Depression und sagte: "Sie brauchen sofort eine Therapie."

Doch das ist leicht gesagt, wenn man in der Provinz in Sachsen-Anhalt wohnt. "In der Gegend gibt es ganze zwei Therapeuten", erzählt Wagner. "Beide sagten: Melden Sie sich in einem halben Jahr wieder." Dann las sie von einem Internetprogramm gegen Depressionen. "Ich habe sofort angerufen. Bedenken hatte ich keine. Hauptsache, es hilft!"

Pausen sind gut

Seelische Beschwerden heilen mit einem Computerprogramm - das klingt wie eine Mischung aus Orwells "1984" und "Raumschiff Enterprise". Die Therapeuten der Zukunft heißen nicht mehr Müller und Schulze, sondern Deprexis, Novego, Get.on oder net-step, und sie bestehen nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Nullen und Einsen. Kann das funktionieren? Sicher ist: Diese Behandlungsform entwickelt sich mit Lichtgeschwindigkeit - und sie wird immer besser erforscht.

Wer im Netz mit den Begriffen "Depression" und "Onlinetherapie" sucht, stößt auf viele Angebote. Es gibt Beratung durch niedergelassene Psychotherapeuten, die nur über E-Mail abläuft, reine Onlineprogramme ohne menschliche Unterstützung und eine Mischung aus beidem: automatische Programme, die ab und zu einen Therapeuten einbeziehen. "Die Mischform ist am weitesten verbreitet und am besten erforscht", sagt Thomas Berger, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bern.

Anfang März bekommt Ingrid Wagner den Zugangsschlüssel für Deprexis, ein reines Onlineprogramm. Als sie sich einloggt, fragt es sie zunächst, was ihr besonders Probleme mache. "Ich hatte gleich das Gefühl, da sitzt mir einer gegenüber", sagt sie heute. In einer Liste kreuzt sie Schlafstörungen an - anschließend zeigt ihr Deprexis Atemtechniken und eine Anleitung für Traumreisen. Wagner probiert es mit der Vorstellung, mit dem Pferd an einem Strand zu galoppieren. "Komischerweise hat das geholfen." Am nächsten Tag bekommt sie eine SMS: "Kleine Übung: Atmen Sie dreimal tief durch. Mit jedem Atemzug wird der Abstand zu den Problemen größer."

Übernommen aus ... stern Gesund leben Ausgabe 05/2013
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Seite 1: Was Online-Therapien taugen
Seite 2: Wie wirksam sind Online-Programme?
Seite 3: Jeder zweite wählt den Computer-Therapeuten
 
 
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