22. Januar 2010, 12:14 Uhr

Ein Opfer der Pharmalobby

Er ist der Schrecken der Pharmaindustrie: Peter Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Heute hat der Stiftungsrat beschlossen, dass er Ende August seinen Hut nehmen muss. Ein Lehrstück in Sachen Lobbyismus. Von Lea Wolz, Lutz Kinkel und Nina Bublitz

Sawicki, Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit, Iqwig, Pharmalobby, Gesundheitswesen

Peter Sawicki, seit 2004 Chef des Iqwig, muss seinen Posten räumen©

Als Pharmakritiker hat er viele Feinde. Nun ist er offiziell über eine "Dienstwagenaffäre" gestolpert: Peter Sawicki, der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig), muss gehen. Der Vertrag des 52-jährigen Wissenschaftlers laufe zum 31. August aus, teilten Vorstand und Stiftungsrat des Instituts am Freitag in Berlin mit. Er hätte zwar gerne noch weitergemacht, höre aber zum 31. August auf, sagte Sawicki.

Für den Verbraucherschutz ist das eine deutliche Niederlage, die Pharmaindustrie dürfte dagegen jubeln. Sawicki, der das Iqwig seit 2004 leitet, war wegen seiner pharmakritischen Haltung bei den Arzneimittelherstellern von Anfang an heftig umstritten. Auch in der industrienahen schwarz-gelben Koalition hatte er wenig Freunde. Schon im Koalitionsvertrag sprachen sich die Fraktionen von Union und FDP dafür aus, die Arbeit des Instituts zu überprüfen - und es industriefreundlicher auszurichten. Künftig soll es stärker die Interessen der Pharmaindustrie und die Erfahrung der Ärzte in den Krankenhäusern berücksichtigen. Kurz gesagt: Es scheint so, als habe die schwarz-gelbe Regierung mit dem Fall Sawicki ein weiteres Lehrstück ihrer Klientelpolitik gegeben. Nutznießer dieses Krimis um einen der letzten unbestechlichen Kritiker der Arzneimittelindustrie ist eben diese.

Ein Dorn im Auge der Pharmaindustrie

Den Arzneimittelherstellern ist das Iqwig schon seit seiner Gründung im Zuge der Gesundheitsreform 2004 ein Dorn im Auge. Denn mit Pseudoinnovationen, die das Budget der Krankenkassen belasten, dem Patienten aber wenig bringen, lässt sich viel Geld aus dem Gesundheitssystem ziehen. Um dem entgegenzutreten, prüft das Iqwig Studien zu Arzneimitteln und untersucht als "Medikamenten-TÜV", ob Therapien und die oft teuren Medikamente auch nützlich sind. Andernfalls können sie aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen gestrichen werden. Für einen Hersteller kann das Verluste in mehrstelliger Millionenhöhe bedeuten.

So machte sich das Institut bei der Pharmaindustrie wenig beliebt, als es entschied, dass Analoginsuline nicht besser sind als herkömmliches Humaninsulin. Stattdessen warnten die Medikamentenprüfer immer wieder vor Nebenwirkungen. Im Juni 2009 stellte das Iqwig fest, dass ein künstliches Insulin bei Diabetikern sogar Krebs auslösen könnte. Auch das Medikament Memamtin, das bei Alzheimer verordnet wird, fand nicht den Segen der Arzneimittelprüfer. Ein Beleg für den Nutzen fehle, hieß es aus dem Iqwig. Wer so handelt, macht sich viele Feinde - und sollte sich daher besser nach allen Seiten absichern.

Mächtigster Pharmakritiker stürzt über Benzin für den Rasenmäher

Offiziell ist der 52-jährige Sawicki mit den grau gewellten Haaren und den feinen Gesichtszügen nun allerdings über sein Auslagengebaren gestolpert. Unter anderem hat sich der harte Pharmakritiker durch den Abschluss von zwei Leasing-Verträgen für Dienstwagen angreifbar gemacht, da er zuvor den Vorstand nicht informiert hatte. Sawicki wies die Vorwürfe zurück. Ein von ihm in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass er mit den geleasten Fahrzeugen - einem Audi Q7 und einem Audi Q5 - nicht gegen seinen Dienstvertrag verstoßen habe. Sawickis Dienstwagen hätten stets ordnungsgemäß im Haushaltsplan des Iqwig gestanden. Die Vorstandsmitglieder und der Stiftungsrat waren mithin darüber informiert.

Daneben wird dem Leiter des Iqwig vorgeworfen, sich auch bei einzelnen privaten Abrechnungen in einer Höhe von insgesamt knapp 1200 Euro - unter anderem für Rasenmäher-Benzin, Maut- und Parkgebühren - regelwidrig verhalten zu haben. 2007 stand Sawicki bereits in der Kritik, da er als Chef des Iqwig an das private Institut seiner Frau einen Auftrag vergeben hatte. Allerdings gab es auch Beschwerden, das Iqwig sei nicht effizient und arbeite wissenschaftlich ungenau.

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KOMMENTARE (10 von 37)
 
Countryjoe (25.01.2010, 09:50 Uhr)
Die wa(h)re Macht
Immer deutlicher ist zu sehen wer die Macht in diesem Lande hat. Das es nicht die gewählten Volksvertreter sind, sollte jedem klar sein. Man bekommt den Eindruck, daß die Demokratie noch noch ein Deckmantel für die Machenschaften skrupellose Konzernbosse ist, die uns wie Vieh ausbeuten.
Mile (24.01.2010, 20:17 Uhr)
Kein Spesenbetrug,
jedenfalls nach Aussage von Sawicki.
Jedenfalls habe ich es so verstanden.
Als er diese Stelle angetreten hat, wurde ihm zugesichert, da sein alter Job, von dem er direkt gewechselt ist, höher dotiert war, dass er als Ausgleich die zwei Autos finanziert bekommt.
eko2006 (23.01.2010, 15:31 Uhr)
S. geht - ich sag: wurde Zeit!
ich gratuliere Lea Wolz, Lutz Kinkel und Nina Bublitz zu ihrer guten Gesundheit oder ihrem tollen Einkommen, das ihnen eine private Krankenversicherung ermöglicht. Chronisch Kranke - wie ich - sind oft auf innovative Medikamente angewiesen. Plötzlich behauptet ein gewisser Herr S. diese wären unnütz. Toll, will ich meine Arbeitskraft, mein Einkommen erhalten, muß ich die - zumindest für mich wirkungsvollsten - Medikamente selbst zahlen, pro Monat ca. 250 ?. Unter meinem pers. Aspekt habe ich wenig übrig für diese Krokodilstränen der Autoren.
FritzWert (23.01.2010, 15:27 Uhr)
Mövenpick-Koalition und vfa-Regierung
Die neuen schwarz-gelben Machthaber im IQWiG sind dem Wunsch der Pharmalobby in Gestalt von Merkel-Freundin Conny Yzer nachgekommen und reißen auch noch die letzten Dämme ein, die uns vor überteuerten nutzlosen Medikamenten und vor exzessiven Selbstbeteiligungen für unkontrollierbare Kostenexzesse in unserem pharmaverseuchten Gesundheits-Unwesen zu schützen imstande waren.
Stones60 (23.01.2010, 15:23 Uhr)
Gesellschaftliche Schwächen
Es wird immer erstaunlicher mit welch offensichtlich fadenscheinigen Argumentationsketten unsere Politiker gegen die Interessen der Allgemeinheit und für die Belange der Lobby handeln.
Zwar ist kein rauchender Colt (Beweise) zu sehen, aber vor lauter Pulverdampf kann man diese Politiker kaum noch erkennen.
Wenn in der Politik aber ein Kollege über eine Dienstwagenaffäre stolpert, dann sind sofort die helfende Hände seiner Freude da, die den Strauchelnden vor dem Fall schützten. Dann hört man den Ruf "Unschuldvermutung oder Vorverurteilung".
Kann aber nur auf den Homo politicus angewandt werden.
Arno18 (23.01.2010, 14:58 Uhr)
Aufruf - Appell
Bei soviel Manipulation und Chuzpe der Klientelpartei FDP bleibt nur der Appell an die Krankenversicherer, das Institut in eigener Regie zu übernehmen und Herrn Sawicki die Leitung zu übertragen. Das wäre die spektakuläre Antwort und würde versicheren wie Versicherten helfen. Ich werde die Versicherer über das Internet deswegen anschreiben und hoffe, dass sich viele anschließen werden
Kippi (23.01.2010, 14:40 Uhr)
Feiertag für die Pharma-Industrie
Das ist nun wirklich einmal eine gute Nachricht für die Pharma-Industrie. Wenn
der Störenfried namens Sawicki endlich weg ist, kann diese ihre Gier wieder so richtig ausleben. Es lebe der zügellose Kapitalismus !!!
Hartwig.Lein (23.01.2010, 14:17 Uhr)
Wie denn sonst
Da verhindert einer, dass die Pharmabonzen allzu dreist abkassieren und schon wird er rausgeschmissen. Das passt gut ins Bild. Die sogenannte "Verbraucherschutzministerin" kämpft mit Zähnen und Krallen für das Recht der Lebensmittelverfälscher, uns nach Strich und Faden zu betrügen, die Hoteliers kaufen sich eine Steuerbefreiung bei der FDP und so darf sich jeder nach Kräften bedienen.
mid63 (23.01.2010, 10:32 Uhr)
Gibt es nun im verschwiegenen, kleinen ...
... Kreis von Guido nun auch ein vollmundig verkündetes "Versprechen gehalten"? Die FDP mag zwar offiziell nicht käuflich sein, dafür reichen die Beweise doch nicht aus. Ihre aktuelle Rolle im Zusammenspiel mit ihren Lieblingslobbyisten lässt allerdings ein sehr bedenkliches Bild dieser Partei erahnen.

Otto-Normalbürger wendet sich mit Grausen ab, eingeweihtere Kreise können ihre Erfolge im Hinterzimmer ausgelassen feiern!
solaris (23.01.2010, 09:24 Uhr)
Wenn wundert es?
Eine uralte Taktik. Es findet sich sich immer ein Grund,einen unangenehmen Kritiker loszuwerden. Und das ist bei solchen Posten leicht, etwas zu finden. Gerade im Abrechnen von Leistungen und Spesen ist schnell ein Strick gedreht. Aber die, die sich jetzt hier so echauffieren, sollten sich selbst an die Nase
fassen.
Aber das ist erst der Anfang. Die Schwarz/Gelben und ihre Finanziers werden sich an uns bereichern, das uns hören und sehen vergeht.
Wenn es stimmt, das FDP Mitglieder 5% Beitragserlass bei Eintritt in die DkV ohne Gesundheitsprüfung erhalten ( gestern Nacht in den RTL Nachrichten ), dann wäre dies ein Schlag ins Gesicht der Demokratie. Unverschämter ginge es nicht mehr.

Wen wundert es dann bitte schön, das ein unliebsamer Geist, der nicht einfach bestochen werden kann, abserviert und bloß gestellt wird. Nochmals, es lässt sich überall etwas finden und aufbauschen.

Die gesamte Gesundheitsindustrie saugt das System schon seit Jahrzehnten aus. Die Lobby ist mächtiger denn je. Hat jemand ernsthaft geglaubt, mit so einem rückratlosen Minister wird das anders?
Wir können uns noch auf ganz andere Überraschungen einstellen, es sind ja erst 100 Tage um.
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